Nun ist offiziell: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Andrij Melnyk als Botschafter der Ukraine in der Bundesrepublik Deutschland abberufen. Dazu veröffentlichte das Präsidialamt des Präsidenten der Ukraine am Samstag ein Dekret von Selenskyj. Darin heißt es lediglich, dass der Präsident Melnyk aus Deutschland abberufe. Zuvor hatte der ukrainische Journalist Denis Trubetskoy den Vorgang in einem Tweet vermeldet.

Bereits unter der Woche hatten mehrere Medien berichtet, dass Melnyk ins ukrainische Außenministerium nach Kiew wechseln soll. Wie das Redaktionsbetzwerk Deutschland (RND) aus Regierungskreisen in Kiew erfuhr, gibt es einen an Präsident Selenskyj gerichteten Vorschlag des ukrainischen Außenministeriums, Melnyk zum Vizeaußenminister zu ernennen. Der Wechsel könnte noch vor dem Herbst vollzogen werden, hieß es.

Ob Melnyk nach seiner Abberufung als Botschafter für ein anderes hochrangiges Amt in Kiew oder anderswo vorgesehen ist, blieb aber zunächst offen. Die ukrainische Botschaft in Berlin wollte das Dekret nicht kommentieren. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes teilte auf Anfrage mit: „Gegenüber dem Auswärtigen Amt wurde eine Abberufung des Botschafters bislang nicht notifiziert.“

Außer Melnyk wurden laut Präsidialamt auch die Botschafter der Ukraine in Norwegen, Tschechien und Ungarn sowie Indien abberufen. Gründe oder eine künftige Verwendung der Diplomaten wurden zunächst nicht genannt.

Melnyk hatte den Posten für mehr als acht Jahre inne. Er war noch unter dem vorherigen ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko ernannt worden. Selenskyj beließ ihn jedoch in der Position. Auch Kommentatoren in Kiew sagten am Samstag, dass dies etwa das Doppelte der üblichen Entsendungszeit gewesen sei. Vor und nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine hatte er mit kontroversen und undiplomatischen Interviews und Tweets viele deutsche Politiker gegen sich aufgebracht.

So hatte Melnyk Bundeskanzler Olaf Scholz als „beleidigte Leberwurst“ betitelt, weil der sich weigerte nach dem Skandal um eine Ausladung von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Kiew zu reisen. Dennoch entließ Selenskyj Melnyk bisher nicht, da er trotz seiner unorthodoxen Art einige Erfolge für die Ukraine verbuchen konnte. So hat sich die Bundesregierung mittlerweile doch zu einigen Waffenlieferungen an die Ukraine durchgerungen.

Nach Bandera-Aussagen unhaltbar geworden

Melnyk war nach einem Interview mit dem Journalisten Tilo Jung heftig in die Kritik geraten. In dem Interview hatte Melnyk sich geweigert, den ukrainischen Nationalistenführer Stepan Bandera als Faschisten zu bezeichnen und dessen Beteiligung an Massakern an Polen und Juden in der Ukraine geleugnet und heruntergespielt. Der Fehltritt war groß genug, dass sich sogar das ukrainische Außenministerium zu einer Distanzierung von den Äußerungen genötigt sah. Die Kritik aus Israel und Polen war immens und auch in Deutschland hatte Melnyk durch die Äußerungen erheblich an Unterstützung eingebüßt.

Der sonst so schlagfertige Melnyk hatte anschließend tagelang nichts dazu gesagt, reagierte dann aber am Dienstag mit einem Tweet auf die Vorwürfe. Seine Worte adressierte er ausdrücklich auch an die „lieben jüdischen Mitbürger“. Melnyk sprach von absurden Vorwürfen, die er entschieden zurückweise. „Jeder, der mich kennt, weiß: immer habe ich den Holocaust auf das Schärfste verurteilt.“ Die Nazi-Verbrechen des Holocaust seien eine gemeinsame Tragödie der Ukraine und Israels.

Melnyk hatte zuletzt Fehler in seiner Kommunikation eingeräumt. Er könne Kritik an seiner Person verstehen, sagte er der „Schwäbischen Zeitung“. „Wir sind alle Menschen und man macht Fehler. Man versucht auch, diese Fehler zu korrigieren und aus ihnen zu lernen. Viele emotionale Aussagen bedauere ich im Nachhinein.“. Das Interview veröffentlichte die ukrainische Botschaft in Berlin am Freitag auf ihrer Homepage.

Mit Blick auf den russischen Angriff auf sein Land sagte Melnyk: „Mein Beruf hier in Deutschland als Diplomat wird politisch. (...) Auch wenn ich das nicht möchte.“ Seine Aufgabe sei es, „dass man hier in Deutschland versteht, was der blutigste Krieg auf unserem Kontinent seit dem Zweiten Weltkrieg bedeutet.“

Das Bild von Stepan Banderas in der Ukraine ist umstritten. Während vor allem der Osten und Süden des Landes in ihm einen Nazikollaborateur sieht, verehren viele im Westen der Ukrainer ihn als Nationalhelden, der für die Freiheit und Unabhängigkeit der Ukraine gegen die Sowjets und Polen gekämpft habe.