Brüssel - Der Satiriker und Europaabgeordnete Nico Semsrott ist aus der Partei Die Partei ausgetreten. Als Grund nannte er den Umgang von Parteigründer Martin Sonneborn mit als rassistisch kritisierten Tweets. Semsrott schrieb auf seiner Website: „Ich habe vor einem Jahr vergeblich zu dieser Thematik mit ihm diskutiert und ihn vor einigen Tagen gebeten, über sein Posting nachzudenken und sich zu entschuldigen. Er hat es nicht gemacht. Das ist also kein Versehen, er will das eindeutig so.“

Sonneborn hatte ein Foto veröffentlicht, auf dem er in einem T-Shirt zu sehen war mit der Aufschritt „AU WIEDELSEHERN, AMLERIKA! abem Sie Guter FrLug runtel! Printed in China für Die PARTEI“. Wie das Magazin Vice in einem den Tweet kritisierenden Artikel erklärte, ein „Verweis auf Trump, das Ende dessen Präsidentschaft und die Tatsache, dass sein Merchandise wie zum Beispiel Flaggen auch in China hergestellt wird“. Sonneborn wies die im Text und von Nutzern auf Twitter formulierte Kritik zurück.

Zuvor schrieb Sonneborn in Bezug auf das T-Shirt: „Gut, ich ziehe ein Jackett drüber ... Smiley!“ Später veröffentlichte er ein älteres Cover des Satiremagazins Titanic, dessen Chefredakteur er früher war.

Semsrott schrieb über Sonneborn: „Wenn er der Kritik keinen Raum geben kann, den gesellschaftlichen Kontext (Rassismus, fortschreitender Rechtsruck) ausblendet und beleidigt seine Machtposition ausnutzt, sobald Betroffene sich gegen Beleidigungen wehren, und stattdessen den Schwerpunkt fälschlicherweise darauf legt, dass andere nur zu doof seien, seine Kunst zu verstehen, sich also selbst zum Opfer stilisiert, sollte er gehen, weil er aus der Zeit gefallen und am falschen Ort ist.“

Semsrott erklärte weiter, er selbst sei „raus“, wenn Sonneborn kein Mitgefühl zeige und nicht verstehe, „dass seine Verantwortung als Vorsitzender von Die Partei mit 50.000 Mitgliedern und zuletzt 900.000 Wählerinnen und Wählern weit über das hinaus geht, was ein Titanic-Chefredakteur vor 20 Jahren können musste“.

Die Partei sei in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem Sonneborns Projekt, schrieb Semsrott. Er selbst wolle „dafür nicht weiter mein Gesicht hergeben“. Deswegen habe er soeben sein Austrittsschreiben verschickt. Seine EU-Parlamentsmandat will Semsrott demnach behalten.

Am Mittwochabend bezog Martin Sonneborn dann auf Twitter nochmals Stellung: „Nach dem Sturm auf das Capitol in Washington habe ich den Entwurf eines T-Shirts veröffentlicht, dessen Zielrichtung es war, die zunehmend gegenstandsloser werdende weltpolitische Überheblichkeit der USA zu karikieren, ihre Forcierung einer wirtschaftlichen Konfrontation mit China, ihre an Widersinnigkeit schwer zu übertreffenden Ideologien & Feinbildkonstruktionen und vor allem: die wiederholten sinophoben Ausfälle und Polemiken ihres Präsidenten“, schrieb Sonneborn. Und weiter: „Bei der Gestaltung habe ich mich sprachlicher Stereotype bedient und ein billiges Klischee aufgenommen. (...) Die Wirkung dieses Shirts habe ich unterschätzt. Ich war so überzeugt davon, dass die Stoßrichtung des Aufdrucks klar ist, dass mir nicht bewusst war, dass sich jemand davon rassistisch diskriminiert fühlen könnte.“ Es tue ihm leid, „dass Menschen durch die Reproduktion dieser Stereotype verletzt wurden“.

Zu Nico Semsrotts Austritt aus der Partei fügte Sonneborn schlicht hinzu, er danke Semsrott für die „deprimierende Zusammenarbeit“ und wünsche ihm für die Zukunft viel Erfolg.