Münster - Einer der namhaftesten deutschen Kirchenhistoriker, der Münsteraner Theologe Hubert Wolf, hat der katholischen Kirche vor Weihnachten eine Verdunklung der christlichen Botschaft und ein Versagen vor drängenden Gegenwartsproblemen vorgeworfen. „Die Zeichen der Zeit verlangen dringend nach einer Deutung, aber der Kirche fehlt dafür jede Glaubwürdigkeit“, so Wolf in einem Beitrag für den Kölner Stadt-Anzeiger. Er schrieb seinen Beitrag vor dem Hintergrund von Vertuschungsvorwürfen gegen den Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. Dieser hatte eingeräumt, einen Missbrauchsfall nicht nach Rom gemeldet zu haben.

Es verwundere nicht, dass zu den Herausforderungen dieser Zeit von der katholischen Kirche kaum etwas zu hören sei, schrieb Wolf weiter: „Denn wer wollte notorischen Lügnern glauben?“ Kirchenvertreter seien verantwortlich für Verdunklung und Vertuschung, schrieb er mit Blick auf den Missbrauchsskandal. Das Erkennen der Zeichen der Zeit bedeute Rücktritt und Bestrafung der Verantwortlichen. Es bedeute darüber hinaus „effektive Reformen sofort, statt falsche Hoffnungen auf ‚synodale Wege‘ zu wecken, die am Sankt-Nimmerleinstag immer noch nicht an ein Ziel gelangt sein werden“.

In einem Interview, das ebenfalls im Kölner Stadt-Anzeiger erschien, äußerte sich die ehemalige Ansprechperson für Opfer sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Köln, Christa Pesch, „bestürzt“ und „fassungslos“ über Kardinal Woelki. Die 74-jährige Sozialpädagogin widersprach zudem dessen Darstellung im Fall des mittlerweile gestorbenen Pfarrers Johannes O. Weder Woelki selbst noch sein Vorgänger Kardinal Joachim Meisner hätten versucht, den Vorwurf der Vergewaltigung eines Kindergartenkinds in den 1970er Jahren durch O. aufzuklären. Das Opfer habe den Fall 2010 bei Pesch angezeigt.

Sie habe in einem schriftlichen Vermerk an das Erzbistum 2011 darauf hingewiesen, dass der Fall weiterverfolgt werden müsse. Das Bistum habe aber nichts unternommen. „Es ist für mich schwer erträglich, wie der Kardinal und die Bistumsleitung jetzt die Verantwortung von sich wegschieben und an andere weitergeben“, sagte Pesch. Nach Darstellung des Erzbistums konnte Kardinal Woelki nach seinem Amtsantritt 2014 in der Sache nichts mehr unternehmen, weil der zu jenem Zeitpunkt schon schwer kranke Pfarrer nicht mehr vernehmungsfähig gewesen sei.

Woelki veröffentlichte Gutachten nicht

Woelki hatte zum Umgang mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Priester im Erzbistum Köln ein Gutachten bei einer Münchner Kanzlei in Auftrag gegeben. Nach der Fertigstellung beschloss er, es doch nicht zu veröffentlichen. Dafür führte er rechtliche Bedenken an. Stattdessen beauftragte er einen Kölner Strafrechtler mit einem neuen Gutachten, das im März fertig werden soll.

Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) sagte dem Kölner Stadt-Anzeiger, die Kirche, die eine moralische Botschaft in die Welt sende, müsse sich natürlich auch selbst an diese halten. „Ich hätte mir einen anderen Umgang des Erzbistums mit dem Missbrauchsgutachten gewünscht“, so die Politikerin.