Kabul - Die radikalislamischen Taliban haben im Süden Afghanistans eine weitere Provinzhauptstadt erobert. Laschkar Gah sei am Freitag in die Hände der Islamisten gefallen, sagte ein Vertreter der afghanischen Sicherheitsbehörden der Nachrichtenagentur AFP. Er bestätigte damit entsprechende Angaben der Taliban. Die Armee und Regierungsmitarbeiter hätten die Hauptstadt der Provinz Helmand verlassen.

Die Taliban eroberten am Freitagmorgen außerdem Tschaghtscharan, die Hauptstadt der im Zentrum des Landes gelegenen Provinz Ghor, wie der Sprecher der Provinzregierung mitteilte. Die Miliz hatte zuvor bereits die Einnahme der zweitgrößten Stadt Afghanistans, Kandahar, verkündet. Die wichtigsten Regierungseinrichtungen von Kandahar im Süden des Landes seien in den Händen der Islamisten, bestätigten zwei Parlamentarier und ein Provinzrat der dpa am Freitag.  Am Donnerstag hatten die Extremisten außerdem die Provinzhauptstädte Herat und Ghasni erobert. Ghasni liegt nur 150 Kilometer von der Hauptstadt Kabul entfernt. Mit etwa 180.000 Einwohnern liegt die Stadt an der wichtigen Ringstraße, die die größten Städte des Landes verbindet.

USA entsenden 3000 Soldaten nach Kabul

Die Taliban setzen damit ihren nahezu ungebremsten Vormarsch in Afghanistan fort, den sie nach dem Beginn des Abzugs der USA und der Nato-Verbündeten Anfang Mai begonnen hatten. Die Kämpfer der Taliban brachten in weniger als einer Woche 12 der 34 Provinzhauptstädte unter ihre Kontrolle. Die afghanische Regierung hingegen kontrolliert neben der Hauptstadt Kabul nur noch zwei Großstädte: Dschalalabad im Osten sowie Masar-i-Scharif im Norden des Landes. Letztlich übernahmen die Islamisten noch die kleine Provinzhauptstadt Kala-e Nau in der Provinz Badghis im Nordwesten.

Auch die Provinzhauptstadt Pul-i-Alam, die nur 50 Kilometer südlich von Kabul liegt, ist an die Taliban gefallen. Pul-i-Alam ist die Hauptstadt der Provinz Logar. Durch die Eroberung dieser Stadt öffneten sich die Islamisten einen Zugang für den weiteren Vormarsch in Richtung Kabul. Die Taliban hätten die Kontrolle über Pul-i-Alam „zu 100 Prozent“ übernommen, sagte der Abgeordnete Said Karibullah Sadat. Die Islamisten hätten alle Regierungseinrichtungen in der Stadt eingenommen. Es gebe derzeit in Pul-i-Alam keine Kämpfe mehr.

Die USA kündigten angesichts der prekären Sicherheitslage am Donnerstag die Entsendung von rund 3000 Soldaten nach Kabul an. Sie sollen bei der Evakuierung von US-Botschaftsmitarbeitern helfen. Zudem verlegen die USA demnach bis zu 4000 weitere Soldatinnen und Soldaten nach Kuwait und 1000 nach Katar – falls Verstärkung gebraucht würde. Die Regierung in London will rund 600 Soldaten nach Kabul entsenden, um die Botschaft zu sichern und die Ausreise von britischen Staatsbürgern sowie früheren afghanischen Ortskräften zu unterstützen. Deutschland stoppte wegen der dramatischen Verschlechterung der Sicherheitslage sämtliche Abschiebungen nach Afghanistan.