Gaza/Tel Aviv - Israels Armee hat nach eigenen Angaben bei einem komplexen Angriff ein Tunnelsystem der islamistischen Hamas im Gazastreifen beschossen. Daran beteiligt seien 160 „Luftfahrzeuge“ gewesen, sagte Armeesprecher Jonathan Conricus am Freitagmorgen. Unterstützung hätten sie von israelischer Seite unter anderem von Panzern erhalten. Ihr Einsatz dauerte demnach rund 40 Minuten.

Ziel sei ein Tunnelsystem der Hamas in dem Küstengebiet gewesen. Es werde Metro genannt, sagte Conricus. Dabei handele es sich um eine Art „Stadt unter der Stadt“. Die Hamas habe Jahre in den Bau des Tunnelsystems investiert. Der Grad der Zerstörung sei noch unklar. Zur Unterstützung feuerten unter anderem Panzer von israelischer Seite auf Ziele im Gazastreifen. Conricus betonte, kein israelischer Soldat habe den Gazastreifen betreten.

Israelisches Fernsehen berichtet von massiven Angriffen

Das israelische Fernsehen hatte zuvor von massiven Angriffen der Luftwaffe sowie der Artillerie und Panzertruppen auf den Küstenstreifen berichtet. Die Armee erklärte in der Nacht: „Luft- und Bodentruppen greifen gegenwärtig im Gazastreifen an.“ Anschließend gab es Berichte, wonach Bodentruppen in den Gazastreifen vorgedrungen seien. Der Armeesprecher entschuldigte sich für Fehlkommunikation.

Imago/Mahmoud Issa
Im Gazastreifen wird ein Toter abtransportiert. Die Zahl der Todesfälle seit Konfliktbeginn wurde mit 127 angegeben

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza sowie Israels wurden seit Beginn der Eskalation des Konflikts 127 Menschen getötet und über 800 weitere verletzt.  

Konflikt spitzte sich im muslimischen Fastenmonat Ramadan zu

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern war zuletzt wieder aufgeflammt. Er spitzte sich während des muslimischen Fastenmonats Ramadan und nach der Absage der palästinensischen Parlamentswahl immer weiter zu. Als Auslöser gelten etwa Polizei-Absperrungen in der Jerusalemer Altstadt, die viele junge Palästinenser als Demütigung empfanden. Hinzu kamen Auseinandersetzungen von Palästinensern und israelischen Siedlern im Jerusalemer Viertel Scheich Dscharrah wegen Zwangsräumungen sowie heftige Zusammenstöße auf dem Tempelberg (Al-Haram al-Scharif). Die Anlage mit Felsendom und Al-Aksa-Moschee ist die drittheiligste Stätte im Islam. Sie ist aber auch Juden heilig, weil dort früher zwei jüdische Tempel standen. Der Konflikt greift zunehmend auch auf Orte im israelischen Kernland über – mit Gewalttaten von Arabern gegen Juden und umgekehrt.

Die Hamas hat sich zum Verteidiger Jerusalems erklärt. Von Israel verlangte sie zu Wochenbeginn per Ultimatum unter anderem, dass alle israelischen Polizisten und Siedler den Tempelberg und Scheich Dscharrah verlassen – Israel folgte dem nicht. Die Hamas hat ihren Raketenbeschuss unter das Motto „Schwert von Jerusalem“ gestellt. Israel nennt seinen Einsatz „Wächter der Mauern“.

Israels „Iron Dome“ fängt rund 90 Prozent aller Raketen ab

Wie der Armeesprecher sagte, feuerten militante Palästinenser im Gazastreifen seit Montagabend bislang 1800 Raketen auf Israel ab. Rund 430 davon seien noch in dem Küstengebiet niedergegangen. Die Erfolgsquote des Abfangsystems Eisenkuppel („Iron Dome“) hat das Militär zuletzt im Schnitt mit rund 90 Prozent angegeben.

Vor allem im Umkreis des Gazastreifens ertönten am Morgen immer wieder Raketen-Warnsirenen. Nach Polizeiangaben wurde ein Haus in der Stadt Aschkelon von einer Rakete getroffen.

Israel macht die im Gazastreifen herrschende Hamas für alle Angriffe aus dem Gazastreifen verantwortlich. Die zweitgrößte Palästinensergruppe wird von Israel und der EU als Terrororganisation eingestuft.

Messerattacke im Westjordanland

Die israelische Polizei hat außerdem bei neuen Ausschreitungen am Freitag in mehreren Städten einige Verdächtige festgenommen. In Lod bei Tel Aviv schleuderten Menschen Steine und Molotowcocktails, wie ein Polizeisprecher am Freitagmorgen mitteilte. Sie griffen demnach auch Polizisten an.

In Tel Aviv wurden in der Nacht zudem zwei Verdächtige mit Eisenstangen festgenommen – mehr Einzelheiten zu dem Fall gab die Polizei zunächst nicht bekannt. Auch in den Städten Beerscheva und Netanja wurden mehrere Menschen festgenommen. In dem Ort Kalansawe in der Nähe des Westjordanlands untersucht die Polizei einen Vorfall, bei dem eine Polizeistation in Brand gesteckt worden sein soll.

Die Soldaten haben nach Angaben der Armee im Westjordanland außerdem eine Messerattacke vereitelt. Ein Angreifer sei an einem Militärposten an der Gemeinde Ofra im Norden von Ramallah aus einem Wagen gestiegen und habe versucht, auf einen Soldaten einzustechen, teilte das Militär am Freitag mit. Der Soldat habe auf den Mann geschossen und ihn „neutralisiert“. Das palästinensische Gesundheitsministerium gab an, dass ein Palästinser, auf den von Soldaten nahe Ramallah geschossen worden sei, an seinen Verletzungen gestorben sei. Weitere Details wurden nicht genannt.

Merkel: Raketenbeschuss müsse „sofort aufhören“

Die Bundesregierung hat die Raketenangriffe militanter Palästinenser aus dem Gazastreifen auf Israel scharf verurteilt und das Recht Israels auf Selbstverteidigung unterstrichen. „Es sind Terrorangriffe“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag im Namen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Berlin. „Nichts rechtfertigt solchen Terror.“

Der Raketenbeschuss müsse „sofort aufhören“, betonte Seibert. Ein Sprecher des Auswärtigen Amts sagte, die Sicherheit Israels sei für Deutschland von größter Bedeutung. „Das Ziel ist ein möglichst schnelles Ende der Gewalt“, hob er hervor. „Dafür ist es erforderlich, dass der Raketenbeschuss gegen Israel sofort gestoppt wird.“

In Deutschland brennen Israels Fahnen, Palästinenser demonstrieren

Inzwischen hat der Konflikt Deutschland erreicht. Auch am Freitag gab es mehrere Angriffe auf jüdische Einrichtungen. Vor dem Düsseldorfer Rathaus brannte eine israelische Fahne. Vor dem Rathaus in Neubrandenburg wurde eine Fahne gestohlen. Schon am Mittwoch musste eine antisemitische Demo mit mehreren Teilnehmern aufgelöst werden: Es war zu judenfeindlichen Sprechchören gekommen. In Hamburg haben Palästinenser einen Autokorso veranstaltet.

dpa/Steven Hutchings
Der Nahost-Konflikt hat Deutschland erreicht.  Am Mittwoch kam es bereits zu diesem Autokorso – pro Palästina.

In Berlin wollen am Samstag angesichts der Gewalteskalation in Nahost verschiedene Palästinensergruppen auf die Straße gehen. Die Polizei sei vorbereitet und angemessen aufgestellt, sagte eine Polizeisprecherin am Freitag. Es gehe darum, den Corona-Infektionsschutz mit der Versammlungsfreiheit in Einklang zu bringen.

Laut Polizei beziehen sich die Demonstrationen in Neukölln und Kreuzberg auf den Nakba-Tag (deutsch: Katastrophe), an dem an Flucht und Vertreibung von Hunderttausenden Palästinensern aus dem Gebiet des späteren Israels erinnert wird. Angemeldet sind für die Demonstrationen 80 bis 250 Teilnehmer. Die israelische Unabhängigkeitserklärung erfolgte am 14. Mai 1948, die Palästinenser begehen den Nakba-Tag jedes Jahr am 15. Mai.

Demos in Berlin am Samstag: Lage angespannt

In dem zugespitzten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hat Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) der jüdischen Gemeinschaft in der Hauptstadt einen „bestmöglichen Schutz“ zugesichert. Die bereits hohen Sicherheitsvorkehrungen für jüdische Einrichtungen seien noch einmal verschärft worden. Es werde alles unternommen, um israelische und jüdische, aber auch muslimische und palästinensische Einrichtungen zu schützen.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte in der Nacht zu den Angriffen: „Ich habe gesagt, dass Hamas einen sehr hohen Preis zahlen wird.“ Man werde die Angriffe „mit großer Intensität fortsetzen“, sagte er in einer Videobotschaft. „Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen, und diese Operation wird so lange wie nötig weitergehen.“ Verteidigungsminister Benny Gantz hatte zuvor die Mobilisierung von weiteren 9000 Reservisten genehmigt.

Seit Ende 2008 haben Israel und die Hamas sich drei Kriege geliefert. Mehr als 2100 Palästinenser und mehr als 70 Israelis wurden 2014 im 50 Tage langen Gaza-Krieg nach Angaben beider Seiten getötet. 18.000 Häuser im Gazastreifen wurden damals nach Angaben der UN-Nothilfeorganisation Ocha zerstört oder beschädigt.