Berlin - Ein Bio-Deutscher nimmt an einer offen judenfeindlichen Anti-Israel-Demo radikaler Extremisten teil. Es werden Parolen wie „Sieg Heil“ gerufen, auch die „Vergasung“ von Juden wird gefordert. Sieben Jahre später soll der Mann Moderator einer Kindersendung bei einem öffentlich-rechtlichen Sender werden. Als die Teilnahme an der besagten Demo publik wird, distanziert sich der Mann „klar und ausdrücklich“ von dem Aufmarsch und erklärt: „Die Mittel waren die falschen, das sage ich heute mit Nachdruck.“ Sein Job als Moderator? Wird weiterhin verhandelt. Man sei „weiter im Austausch“. Und an die Öffentlichkeit und fragende Journalisten gerichtet: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu weiteren Fragen erst äußern, wenn diese Gespräche abgeschlossen sind.“ Genau das passiert gerade mit der Journalistin Nemi El-Hassan und dem WDR.

Der öffentlich-rechtliche Sender hatte zunächst mitgeteilt, dass Nemi El-Hassan die neue Moderatorin des Wissenschaftsmagazins „Quarks“ sein wird. Auf den ersten Blick sah es für mich – einen deutsch-persisch-israelischen und mittlerweile bei Jerusalem lebenden Berliner – so aus, als sei der WDR die Speerspitze im Kampf für die Integration von Migranten und den Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus. Bravo! Auf den zweiten Blick läuft es mir jedoch kalt den Rücken hinunter. 

Warum? Weil der WDR mit der Beförderung von El-Hassan radikalen Islamismus, Rassismus und aggressiven Antisemitismus nicht bekämpft, sondern unterstützt. El-Hassan hat 2014 an der größten antisemitischen Kundgebung, dem berüchtigten Al-Kuds-Marsch teilgenommen. Auf einem Foto ist sie zu sehen, wie sie mit Kopftuch und Palästinenserschal selbstbewusst auf der Straße steht, das Victory-Zeichen zeigt.

Radikalisierte Islamisten statt bio-deutsche Neo-Nazis

Es war jene Kundgebung, die das heutige Deutschland an seine dunkelste Zeit erinnerte. Es wurde „Sieg heil“ gerufen, die Vergasung von Israelis propagiert. Der einzige Unterschied zur einer Neo-Nazi-Demo? Bei vielen Teilnehmern handelte es sich um radikalisierte und teils höchst gefährliche Islamisten. Nicht um Bio-Deutsche. Und El-Hassan war mittendrin. Wer das nicht sofort und kompromisslos verurteilt und Konsequenzen zieht, der verharmlost radikalen Extremismus nicht nur. Er lässt ihn gewähren. Und stärkt ihn dadurch. 

Deutsche Sendeanstalten können nicht empört darüber sein, dass Afghanistan von radikalen Islamisten eingenommen wird, während man Islamismus vor der eigenen Haustür ignoriert. Deutsche Sendeanstalten dürfen bei Rechtsradikalismus und Rassismus im Falle einer Muslima nicht schweigen, nichts verharmlosen.

Immerhin hat El-Hassan über ihre Agentur mitgeteilt: „An den Al-Kuds-Demos vor sieben Jahren in Berlin teilzunehmen, war ein Fehler. Die Mittel waren die falschen, das sage ich heute mit Nachdruck. Ich distanziere mich daher klar und ausdrücklich von den Al-Kuds-Demos, sowie weiteren Demonstrationen in einem ähnlichen Kontext. Ich verurteile jegliche antisemitischen Äußerungen und Aktionen, sämtliche Arten von Gewalt und insbesondere die Gewalt, die auf diesen Demos stattgefunden hat.“

Hat Nemi El-Hassan eine zweite Chance verdient?

WDR/ Tilman Schenk
Nemi El-Hassan.

Aber reicht das wirklich? Ein reumütiges, mit Blick auf die Dimension der Vorwürfe relativ kurz gehaltenes Statement und die nachträgliche Distanzierung ? Würde eine vergleichbare Distanzierung bei einem Bio-Deutschen ausreichen, um das Thema abzuhaken? Nein, würde es nicht. Vielleicht hat El-Hassan sich wirklich distanziert, vielleicht hat sie wirklich begriffen, mit welchen radikalen Kräften sie sich 2014 umgeben hat. Vielleicht hat sie wirklich gemerkt, dass das falsch war. Es wäre wünschenswert. In jedem Fall muss sie sich ausführlich erklären. Dann - aber nur dann - hat Nemi El-Hassan eine zweite Chance verdient.

In jedem Fall aber ist falsche Toleranz, wie der WDR sie im aktuellen Fall übt, kein Beitrag für Integration und eine bessere Gesellschaft. Falsche Toleranz und die Unterstützung von Wölfen in Schafspelzen gefährdet die innere Sicherheit, stärkt Antisemitismus, treibt deutsche Wähler nach rechts außen. Falsche Toleranz ist auch das falsche Zeichen an moderate Muslime, die sich verraten fühlen. Weil radikale Islamisten ganz offensichtlich verharmlost werden. 

Arye Sharuz Shalicar ist ein deutsch-persisch-israelischer Schriftsteller.