In der ukrainischen Hauptstadt Kiew waren am frühen Dienstagmorgen laut Reportern der Nachrichtenagentur AFP mindestens drei starke Explosionen zu hören. Ein AFP-Journalist sah eine Rauchsäule über der Stadt aufsteigen. Aufgrund der nächtlichen Ausgangssperre war der Ort der Explosionen zunächst unklar.

Die russische Armee versucht derzeit, Kiew einzukesseln. In der Stadt befindet sich nach wie vor die Hälfte der einst drei Millionen Einwohner. Sie können die Stadt nur noch Richtung Süden verlassen. Die Vororte im Nordosten und Nordwesten sind stark umkämpft. Ein Berater von Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte am Montag, Kiew bereite sich auf eine „erbitterte Verteidigung“ vor.

Im Vorort Irpin nordwestlich von Kiew wurde am Sonntag erstmals ein ausländischer Journalist getötet. Der 50-jährige US-Journalist starb durch Beschuss in einem Auto, ein US-Kollege sowie der ukrainische Fahrer wurden verletzt. Am Montag wurde zudem der Korrespondent des US-Senders Fox News, Benjamin Hall, in einem der Vororte verletzt.

Im Ukraine-Krieg hat auch die vierte Verhandlungsrunde zwischen Kiew und Moskau keinen Durchbruch gebracht. Die Gespräche wurden auf Dienstag vertagt. Der Kreml erklärte, die russische Armee behalte es sich vor, die ukrainischen Großstädte zu erobern. Derweil konnten 160 Autos die seit rund zwei Wochen belagerte Hafenstadt Mariupol über einen Fluchtkorridor verlassen.

Inmitten der heftigen Kämpfe begannen die Unterhändler der Ukraine und Russlands eine vierte Verhandlungsrunde per Videokonferenz. Am Montagnachmittag hieß es dann, es werde eine „technische Pause“ eingelegt, die Gespräche würden am Dienstag fortgesetzt.

Die Verhandlungen seien „hart“, erklärte der ukrainische Vertreter, Präsidentenberater Mychailo Podoljak. Beide Seiten seien dabei, ihre „spezifischen Positionen“ darzulegen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, die Gespräche seien „schwierig“, es werde auf „Neuigkeiten“ gewartet.

Drei Verhandlungsrunden seit Beginn des Krieges waren zuvor weitgehend ergebnislos geblieben. Die Einhaltung der Vereinbarungen zu sicheren Fluchtkorridoren für Menschen aus belagerten Städten scheiterte wiederholt, beide Seiten machten sich anschließend gegenseitig dafür verantwortlich.

Aus Kiew können die Menschen derweil nur noch über Straßen nach Süden fliehen. Bei russischem Beschuss der Hauptstadt starben am Montag mindestens zwei Menschen. „Raketenteile fielen im Bezirk Kureniwka auf die Straße, wobei ein Mensch getötet und sechs verletzt wurden“, erklärte die Stadtverwaltung.

Zuvor hatten die ukrainischen Behörden erklärt, dass ein Mensch beim Beschuss eines Wohngebäudes im Viertel Obolon getötet worden sei. Zwölf weitere Menschen wurden dabei demnach verletzt. Bei einem russischen Angriff auf einen Fernsehturm nahe der Stadt Riwne wurden nach Angaben örtlicher Behörden neun Menschen getötet. Neun weitere seien bei dem Beschuss des Turms im westukrainischen Ort Antopil verletzt worden.

Dem Kreml zufolge hält sich das russische Militär die Möglichkeit offen, die Kontrolle über große Städte in der Ukraine zu übernehmen. Das Verteidigungsministerium schließe nicht aus, die „vollständige Kontrolle“ über die bereits eingekesselten Großstädte zu übernehmen, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow.

Präsident Wladimir Putin habe dem Verteidigungsministerium den Befehl gegeben, von einem „sofortigen Angriff“ auf ukrainische Großstädte abzusehen, „um große zivile Verluste zu vermeiden“. Kiew forderte derweil den Europarat auf, Moskau vollständig aus dem Rat auszuschließen. Nach dem Angriff auf die Ukraine könne Russland „nicht in der europäischen Familie bleiben“.

Unterdessen konnten nach mehreren gescheiterten Versuchen 160 Autos Mariupol im Südosten über einen Fluchtkorridor verlassen. Die humanitäre Lage in der eingekesselten Stadt ist nach Angaben von Hilfsorganisationen dramatisch; rund 2200 Einwohner wurden nach Angaben der Stadtverwaltung durch die Kämpfe getötet.

Auch rund um die von russischen Truppen eingenommene Atomruine von Tschernobyl war keine Beruhigung der Lage in Sicht: Die Anlage war am Montag erneut ohne Strom, nachdem die Stromleitung durch russisches Militär beschädigt wurde, wie der Energieversorger Ukrenergo mitteilte. Am Montagabend meldete die internationale Atomenergiebehörde (IAEA), dass Tschernobyl wieder Strom habe. „Die Ukraine hat die IAEA darüber informiert, dass die externe Stromversorgung des Kernkraftwerks (Tschernobyl) heute wiederhergestellt wurde“, erklärte die IAEA am Montagabend auf Twitter.

In der Ostukraine meldeten die pro-russischen Separatisten am Montag einen ukrainischen Angriff auf die Stadt Donezk. Bei diesem seien 23 Menschen getötet worden, nachdem die Flugabwehr eine ukrainische Rakete abgeschossen habe, deren Trümmer dann Bewohner von Donezk trafen. Die ukrainische Armee bestritt, eine Rakete auf das Gebiet abgefeuert zu haben.

Seit dem Beginn des Kriegs am 24. Februar sind 2,8 Millionen Menschen aus dem Land geflüchtet, wie die UNO mitteilte. Darunter seien eine Million Kinder. Die Flucht aus der Ukraine ist die größte Fluchtbewegung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.