U-Bahn-Revolution in Berlin: BVG plant doppelt so großes Streckennetz

Die Berliner Verkehrsbetriebe stellen Masterplan für den Netzausbau vor. Er sieht auch eine Ringlinie vor und eine Seilbahn über die Havel. Erste Reaktionen. 

Eine Frau wartet auf dem Bahnhof Museumsinsel auf einen Zug der U-Bahnlinie 5. 
Eine Frau wartet auf dem Bahnhof Museumsinsel auf einen Zug der U-Bahnlinie 5. Jürgen Ritter/Imago

Eine solche verkehrsplanerische Vision gab es in Berlin schon lange nicht mehr. „Expressmetropole Berlin": So ist das 16-seitige Konzept überschrieben, mit dem die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) einen Impuls in die Koalitionsverhandlungen von CDU und SPD geben wollen. Nach dem Diskussionspapier, das der Berliner Zeitung vorliegt, soll das U-Bahn-Netz mehr als verdoppelt werden. Aus derzeit 147 Kilometern Strecke sollen in naher Zukunft 318 Kilometer werden, so das Landesunternehmen. Bestehende U-Bahn-Linien sollen verlängert werden, eine Ringbahn mit der Linienbezeichnung U0 soll die Innenstadt umrunden. Erste Reaktionen fallen allerdings skeptisch aus.

Der Plan sei „eine Vision für Generationen“, heißt es zu Beginn. „Wir profitieren heute von den planerischen Visionen, die unsere Vorfahren vor teilweise mehr als 100 Jahren hatten. Daran wollen wir anknüpfen und unserer Verantwortung für nachfolgende Generationen gerecht werden.“ Berlin wachse vor allem außerhalb des S-Bahnrings. Die BVG wolle schnelle und nachhaltige Mobilität dorthin bringen, wo die Menschen sie brauchen. „Ganzheitlich gedacht mit den Stärken aller Verkehrsträger und der U-Bahn als zuverlässiges Rückgrat. Das ist unsere Vision“, so die BVG. 

Dem Vernehmen nach gibt es zwei Hauptautoren, die maßgeblich hinter dem Konzept stecken: Klaus Emmerich, Bereichsleiter Angebot bei der BVG, und Ute Bonde. Bonde war zuletzt Finanzgeschäftsführerin der BVG Projekt GmbH - jenes BVG-Tochterunternehmens, das für die Verlängerung der U5 in Mitte verantwortlich war und nach Abschluss des Vorhabens nun dringend neue Beschäftigung in Berlin sucht. Inzwischen ist sie Geschäftsführerin des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg.

Schnelle Direktverbindungen für eine Million Menschen

Zeitpunkt und Adressaten sind gut gewählt. Beim Thema Klima hat die künftige Große Koalition bereits deutlich gemacht, dass sie mit Visionen an den Start gehen will. Schon immer haben CDU und SPD betont, dass die Mobilitätswende nicht nur die Innenstadt betreffen, sondern auch in den Außenbezirken ankommen soll. Während die Grünen darauf pochten, erst einmal das bestehende U-Bahnnetz instand zu setzen und  Straßenbahnstrecken zu bauen, setzen Christ- und Sozialdemokraten auch auf den Ausbau der U-Bahn - eines Verkehrssystems, das den Autoverkehr nicht stört.

„Das heutige Netz erschließt überproportional die Innenstadt, in den Außenbezirken gibt es Lücken und es fehlen leistungsstarke Querverbindungen“, lautet die Analyse der BVG. Drei Stufen sieht das Konzept vor.

In der ersten Stufe sollen vorhandene U-Bahnstrecken verlängert werden. So könnten für bis zu eine Million Menschen außerhalb der Innenstadt schnelle Direktverbindungen geschaffen werden. So sieht der Plan vor, dass die U1 (heute Uhlandstraße – Warschauer Straße) bereits im Westen Spandaus am Park-and-Ride-Platz Heerstraße beginnt und im Osten zum Antonplatz in Weißensee führt. Weitere Beispiele: Die U2 (Ruhleben – Pankow) soll künftig das Falkenhagener Feld in Spandau mit Pankow Kirche verbinden. Die U4 könnte im Süden über den Innsbrucker Platz hinaus nach Steglitz und zur Appenzeller Straße in Lichterfelde verlängert werden.

Mit der U4 nach Marzahn, mit der U9 nach Pankow-Heinersdorf

Andere Projekte sind bereits diskutiert worden – etwa die Fortführung der U5 aus Hönow über den Hauptbahnhof hinaus zum U-Bahnhof Turmstraße und nach Jungfernheide. Die U9 (Osloer Straße – Rathaus Steglitz) sollte in Zukunft im Norden in Pankow-Heinersdorf beginnen und im Süden über Lankwitz zur Buckower Chaussee verlaufen

Für die zweite Stufe sieht das BVG-Konzept zwei neue Linienäste vor, die neue Schnellverbindungen in den Nordosten schaffen solle. Eine davon ist die U3 zum Alexanderplatz, Antonplatz, Hohenschönhausen und Falkenberg. Die zweite Neubaustrecke in die Neubauviertel wäre die U4, die vom Nollendorfplatz über Hauptbahnhof, Rosenthaler und Rosa-Luxemburg-Platz, Landsberger Allee und Marzahn zum Glambecker Ring führen würde. Ein Teil der Trasse hat bereits unter dem Arbeitstitel U10 die verkehrspolitische Debatte belebt.

Die dritte Stufe wäre der Ringlinie U0 vorbehalten. Sie soll Verbindungen zwischen den wichtigen Zentren der äußeren Stadt bilden, so die BVG. Pankow, Steglitz, Neukölln und Schöneweide wären Stationen dieser U-Bahn-Neubaustrecke.

Eine Seilbahn nach Kladow - wo der künftige Regierende Bürgermeister wohnt

Die BVG-Planer wissen natürlich, welche Frage kommt: „Und wie geht es weiter mit dem Ausbau des Straßenbahnnetzes“ – das seit Jahren vor sich hin dümpelt? Sie versprechen eine konsequente Weiterplanung und schnellstmögliche Umsetzung der bestehenden Straßenbahnausbauprojekte. Nötig seien insbesondere die Erweiterung des Straßenbahnnetzes in Richtung Westen und Lückenschlüsse im heutigen Netz. Neue Express-und Metro-Bustrassen zur kurzfristigen Stärkung wichtiger Relationen, auch über die Stadtgrenze hinaus sind ebenfalls erforderlich.

Für den Kladower Kai Wegner, den künftigen Regierenden Bürgermeister von Berlin (CDU), sieht das BVG-Konzept ein Extra-Schmankerl vor. Als Zukunftsoption für Kladow und Gatow wären Seilbahnen im Südwesten als Lückenschluss im Netz der Zubringerverkehre sinnvoll, heißt es auf Seite 12 des BVG-Papiers.

"Die 'Expressmetropole Berlin' bringt schnelle Mobilität dorthin, wo die Menschen sind und wo sich besonders viele noch auf das private Auto angewiesen fühlen. Dort bieten wir in Zukunft das Angebot, häufiger geteilte Mobilität zu nutzen. In der Innenstadt schaffen wir damit neuen Raum, um die Zukunft Berlins zu gestalten", fassen die Autoren zusammen. "Gut zwei Millionen Berliner*innen profitieren dank der „Expressmetropole Berlin“ durch neue, direkte Verbindungen. Und das in der ganzen Metropole Berlin. Wir schaffen für sie nicht nur Mobilität, sondern Teilhabe."

Am Wochenende gab es erste Reaktionen. „Ich sehe das als Vision und ambitionierten Debattenbeitrag. Die Realität ist eine andere. Das weiß ich aus eigener leidvoller Erfahrung: Für mehr Verkehr auf die Schiene braucht man einen langen Atem. Wir haben kein Ideen- sondern ein Umsetzungsproblem. Wir brauchen vielmehr einen gesellschaftlichen Konsens, dass der öffentliche Verkehr Klimaschützer Nummer Eins ist“, sagte Sven Heinemann (SPD), der bei den Koalitionsverhandlungen die Arbeitsgruppe für Mobilität, Umwelt- und Klimaschutz leitet, am Sonntag der Berliner Zeitung.

Forscher kritisiert „Geist der 1970er-Jahre“

„Die BVG-Überlegungen bilden den Geist der 1970er-Jahre ab“, kommentierte der Mobilitätsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin „Sie sind völlig aus der Zeit gefallen. Es gibt die Gesellschaft gar nicht mehr, für die diese U Bahnen gebaut werden sollen.“

Das Konzept der BVG sei ein „ganz besonderer Aprilscherz der BVG – mehr aber auch nicht“, sagten Christfried Tschepe und Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB. „Es beschädigt das Ansehen der vielen qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der BVG, wenn die BVG vor diesem Hintergrund 171 km neue U-Bahn-Strecken vorschlägt. Das ist angesichts eines in einem Zeitraum von über 120 Jahren aufgebauten und heute oft sanierungsbedürftigen Bestandes von rund 150 km U-Bahn-Strecken ein nicht nur unrealistisches und größenwahnsinniges, sondern vor allem auch unsinniges Projekt.“

Die Vision der Berliner Verkehrsbetriebe, das Berliner U-Bahn-Netz auf 318 Kilometer mehr als zu verdoppeln, ist vor allem eines: die komplette Verkennung der verkehrspolitischen Notwendigkeiten in der Stadt, kommentierte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Berlin. „Angesichts der eskalierenden Klimakrise muss mit Nachdruck das Straßenbahnnetz der Hauptstadt ausgebaut werden. So zügig wie möglich muss insbesondere auch in Spandau der überlastete und unattraktive Busverkehr durch schnelle und attraktive Tramstrecken, so weit wie möglich auf eigenem Gleisbett, ersetzt werden. Nur mit der Tram kann Berlin vergleichsweise zügig eine flächendeckende Verbesserung des Nahverkehrs erreichen.“

BUND befürchtet Stopp der Berliner Straßenbahnplanungen

„Es droht, dass mit Verweis auf die angedachten neuen U-Bahn-Strecken bereits fest vereinbarte Straßenbahn-Ausbauten gestoppt werden. Und das, obwohl allein schon angesichts der Kosten die Realisierung der U-Bahn-Träume vollkommen unrealistisch ist. Dazu kommt noch der eklatante Fachkräftemangel im Planungs-, Bau- und Genehmigungsbereich“, warnt BUND-Landesgeschäftsführer Tilmann Heuser. Die Klimakrise zwingt auch dazu, den Bau derart Ressourcen- und Treibhausgas-intensiver Infrastrukturen noch genauer abzuwägen als früher.

„Die einzige erkennbare mögliche Nutzen des Konzepts ist, den Gegnern des Straßenbahn-Ausbaus Vorwände zu geben, die Planungen dafür abzubrechen. Daher sollte die U-Bahn-Vision wieder schnellstmöglich in der Schublade verschwinden“, forderte Heuser.

Die BVG hat Ideen, entgegnete der SPD-Verkehrspolitiker Stephan Machulik bei Twitter. „S/U Bahn nicht mit Straßenbahn/Bus verwechseln! Sie ergänzen aber ersetzen sich nicht!“


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