Berlin/Dresden - Nach dem Einbruch ins Historische Grüne Gewölbe in Dresden sind nun alle fünf Verdächtigen gefasst. Spezialkräfte nahmen am Montagabend in Baumschulenweg ein 22-jähriges Mitglied des Remmo-Clans in der Wohnung eines Verwandten in der Eschenbachstraße fest. Zeitgleich durchsuchte ein Spezialeinsatzkommando in der unweit gelegenen Dieselstraße in Neukölln die Wohnung, wo der Gesuchte offiziell gemeldet ist.

Er wurde noch am Abend nach Dresden gebracht, wo er am Dienstag einem Ermittlungsrichter zur Verkündung des Haftbefehls vorgeführt wurde. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 22-Jährigen schweren Bandendiebstahl und Brandstiftung vor.

Trotz der Festnahme des fünften Tatverdächtigen bleiben die gestohlenen Kunstschätze aus dem berühmten sächsischen Schatzkammermuseum verschwunden. Die Ermittlungen würden „aufgrund des Umfangs und der Komplexität des Sachverhalts noch erhebliche Zeit in Anspruch nehmen“, teilte Oberstaatsanwalt Jürgen Schmidt von der Staatsanwaltschaft Dresden mit. „Es ist derzeit nicht absehbar, wann die Ermittlungen abgeschlossen sein werden.“ Nähere Angaben zu der Festnahme wollte Schmidt nicht machen.

Abgleich mit Fasern vom Tatort

Die fünf Beschuldigten sollen am 25. November 2019 in die historische Schatzkammer eingebrochen sein. Die Täter stahlen unter anderem 13 mit Diamanten und Brillanten besetzte Werke, darunter eine Epaulette und einen Bruststern des Polnischen Ordens des Weißen Adlers, die Große Brustschleife und ein Brillantcollier der Königin Amalie Auguste. Gestohlen wurden auch zehn Rockknöpfe. Die Diamanten waren zum größten Teil von August dem Starken und August III. erworben worden.

Die Einbrecher hatten zuvor einen Stromverteilerkasten angezündet und so für Dunkelheit in dem Gebäude gesorgt. Anschließend zündeten sie auch ihr Fluchtauto an.

Morris Pudwell
Die vom SEK beschädigte Tür der Wohnung, wo der 22-Jährige gemeldet ist.

Bei der Durchsuchung der Wohnungen am Montagabend stellten die Polizisten ein Mobiltelefon und Kleidung des Beschuldigten sicher. Die Textilien werden jetzt im Labor verglichen mit Fasern, die am Tatort gefunden wurden.

Bereits am 17. November verhafteten Polizisten bei einem Großeinsatz in Neukölln, Kreuzberg und Wedding drei Tatverdächtige, die ebenfalls zum Remmo-Clan gehören. Einer der drei war unter anderem für den Diebstahl einer 100 Kilogramm schweren Goldmünze aus dem Bode-Museum verurteilt, allerdings an jenem Tag noch immer auf freiem Fuß, weil die Justiz ihm noch keinen Termin zum Haftantritt zugestellt hatte.

Jubel bei Politik und Polizeigewerkschaft

Seit dem 17. November wurde nach dem am Montag Verhafteten sowie seinem Zwillingsbruder öffentlich gefahndet. Dieser wurde Mitte Dezember gefasst – ebenfalls in Neukölln.

Nach dem jüngsten Polizeieinsatz lobte Innensenator Andreas Geisel die „hervorragende Polizeiarbeit“. Mit der Festnahme sei zugleich eine weitere klare Botschaft an die Clankriminellen verbunden: „Der Rechtsstaat lässt sich nicht vorführen. Wer glaubt, er könne ohne Folgen unsere Gesetze brechen, wird mit dieser Festnahme wieder mal eines Besseren belehrt.“

Und auch die Gewerkschaft der Polizei meldete sich zu Wort: „Dass Herr Remmo dann aber nicht im Ausland untertaucht, sondern wieder in Neukölln anzutreffen ist, zeigt auch, wie winzig sein Respekt vor den Sicherheitsbehörden ist. Es ist die Aufgabe staatlicher Institutionen, ihm die Handlungsfähigkeit unseres Rechtsstaates in die Vita zu meißeln.“

Richter lehnte Freilassung nach sechs Monaten ab

Die Zwillinge, die laut Ermittlern nie einer geregelten Arbeit nachgingen sondern von Straftaten lebten, hatten nach Angaben aus deren Umfeld keinen Anreiz unterzutauchen. Ihre unmittelbare Familie lebe hier, sagt ein Verwandter. Im Libanon seien sie nichts. Und in Deutschland drohe ihnen auch nicht lebenslänglich.

Aus Polizeikreisen heißt es, dass man den 22-Jährigen, der jetzt festgenommen wurde, schon länger „auf dem Schirm gehabt“, sich aber Zeit gelassen habe. Die Ermittler hoffen wohl auch, mit der Festnahme den Druck auf die Tatverdächtigen zu erhöhen, um Informationen über den Verbleib des Diebesguts zu erhalten.

Kürzlich lehnte ein Dresdner Richter einen Antrag auf Haftentlassung für den in U-Haft sitzenden Zwillingsbruder ab. Die Strafprozessordnung schreibt vor, dass die Untersuchungshaft über sechs Monate hinaus nur aufrechterhalten werden darf, wenn die besondere Schwierigkeit oder der besondere Umfang der Ermittlungen oder ein anderer wichtiger Grund ein Gerichtsurteil noch nicht zulassen.

Sonderkommission „Epaulette“ fahndet nach Hintermännern

Sämtliche Beschuldigten schweigen zu der Tat. Wo die Beute ist, verrieten sie bislang nicht. Die Polizei setzte eine Belohnung von 500.000 Euro aus für Hinweise, die zur Wiederbeschaffung des Diebesgutes führen – bislang vergeblich. Bilder des Diebesgutes wurden von Interpol auf der internationalen Fahndungsseite „Stolen Works of Art Database“ und dem Bundeskriminalamt ins Internet gestellt. Die Stücke sind deshalb auf dem legalen Markt unverkäuflich. Sie sind von Form und Schliff her Unikate. Allerdings befürchten Kunstexperten inzwischen, dass sie bereits zerstört sind, weil Kriminelle die einzelnen Diamanten herausgebrochen und umgeschliffen haben könnten.

Die Sonderkommission „Epaulette“ der sächsischen Polizei, die zu dem Fall ermittelt, geht davon aus, dass es noch weitere Beteiligte an dem Einbruch gibt, denen Beihilfe zum schweren Bandendiebstahl vorgeworfen wird: Die Staatsanwaltschaft veröffentlichte im März ein Foto aus einem Überwachungsvideo. Es zeigt vier Männer, die möglicherweise die Tat vorbereitet haben und die Schatzkammer ausspähten.