Berlin - Nach der ersten Berliner Schwerpunktimpfung in der Corona-Pandemie hat Neuköllns Amtsarzt Nicolai Savaskan mehr Sozialarbeit zur Impfberatung von Migranten gefordert. „Die Massenimpfung in Neukölln war ein guter Aufschlag“, sagte er. Türkisch- oder arabischstämmige Berliner hätten sich damit allerdings deutlich schwerer erreichen lassen als Menschen mit Englisch oder Spanisch als Muttersprache. Deshalb müsse nun eine Feinjustierung in sozialen Brennpunkten folgen. „Flugblätter allein reichen da nicht“, betonte er. Beratung und Impfangebote müsse es kleinteiliger und individueller geben, zum Beispiel über das Quartiersmanagement.

2200 Menschen bei Pilotprojekt geimpft

Vom 14. bis 16. Mai fanden für Anwohner der Gebiete High-Deck-Siedlung, Weiße Siedlung und südliches Kiehlufer in Berlin-Neukölln sogenannte Schwerpunktimpfungen statt. Dabei handelte es sich um ein gemeinsames Pilotprojekt des Senats und des Bezirksamts Neukölln in Gebieten mit einer hohen Inzidenz. Die Anwohner wurden mit dem Vakzin von Johnson & Johnson, sowie mit dem von Moderna geimpft.

Um mehr Menschen mit türkischen und arabischen Wurzeln zum Impfen zu motivieren, sei mehr Zeit bei der Beratung nötig – möglichst in ihrer Muttersprache. Diese Bevölkerungsgruppe konsumiere mitunter wenig deutsche Medien. Fünf Minuten vor der Impfung reichten nicht, um Vertrauen zu gewinnen, sagte Savaskan. So hätten sich zum Beispiel bei einem schnell organisierten Impfangebot in Unterkünften für Geflüchtete in Neukölln am Ende nur rund fünf Prozent der Bewohner impfen lassen. Dort seien unter anderem Impfmythen über Unfruchtbarkeit kursiert. Es habe auch Misstrauen gegenüber den angebotenen Vektor-Impfstoffen gegeben. „Wir bekommen dann zum Beispiel zu hören: ‚Biontech ist wohl nur für Deutsche‘“, sagte Savaskan.

Beim Pilotversuch in Neukölln waren am Wochenende rund 2200 Menschen gegen das Coronavirus geimpft worden – rund 1000 mehr als ursprünglich geplant. Berechtigt waren rund 10.000 Menschen aus Kiezen mit hohen Ansteckungszahlen. „Wir haben vor allem die Menschen erreicht, die schon gut informiert waren“, sagte Savaskan. Das sei gut, denn sie seien nun wie Schutzschilde in ihren Wohnquartieren. Doch insgesamt sei nur rund ein Fünftel der eingeladenen Bevölkerung dieser Quartiere auch zum Impfen gekommen.

Mobile Impfberatung auch auf Neuköllner Wochenmärkten

Bisher setzen Savaskan und sein Team in der Pandemie in Neukölln ganz bewusst Akzente, die auf Quartiere mit hohem Migrantenanteil zugeschnitten sind. Sie haben „Parkrunden“ eingeführt, bei denen ein Arzt vom Gesundheitsamt und ein Streetworker Jugendliche an ihren Treffpunkten besuchen. Sie verteilen FFP2-Masken, beraten über Impfstoffe und sinnvolle Hygiene-Maßnahmen.

In Einkaufszentren laufen Filme, in denen Neuköllner Hausärzte übers Impfen sprechen. Dazu gibt es mobile Beratungen auf Neuköllner Wochenmärkten – begleitet von einem interkulturellen Team, das bis zu 13 Fremdsprachen bietet. Auch ein Arzt des Gesundheitsamtes sitzt in einem Anhänger und berät. Tests sind sofort möglich.