Berlin - In Berlin war ich einmal bekannt wie ein bunter Vogel. Für die einen als Gründer und Anführer der grössten Graffiti-Crew Berlins: Berlin Crime. Für andere wiederum war ich als der Jude in den türkischen und arabischen Gangs des Wedding bekannt. Das sprach sich sehr schnell rum. Ich erlangte somit schon in jungen Teenagerjahren einen gewissen „Promi-Status“, zumindest auf den Straßen Berlins.

Nichts, worauf ich eigentlich wirklich hätte stolz sein können. Nichts, wovon ich meinen Lebensunterhalt hätte begleichen können. Nichts, was mir damals das Gefühl gab, dass ich mir einen sicheren Weg ins Erwachsenenleben gebahnt hätte. Doch auf meinen Straßen-Promi-Status war ich irgendwie stolz. Ich hatte schließlich nichts anderes, worauf ich mich hätte stützen können.

Doch ich entschied mich, diesen Status für ein neues Leben der Unbekanntheit in Israel aufzugeben. Das war im Jahr 2001, vor genau 20 Jahren.

Fußball am Strand von Tel Aviv

Außer meinem engsten Freundeskreis, habe ich „der Straße“ nichts von meinem Umzug in den Nahen Osten erzählt. Nicht umsonst wurde ich deshalb in den Jahren darauf, wenn ich zu Besuch war in Berlin, verwundert gefragt „Aro, warum sieht man dich nicht mehr auf der Straße? Wo bist du all die Jahre gewesen?“ Manchmal, um keine nervige Diskussion eingehen zu müssen, antwortete ich kurz „Knast“. Das verstand die Straße und es gab keine weiteren Fragen.

Vor kurzem habe ich mit meinem besten Kumpel in Israel, einem ursprünglichen Kölner, die Fußball-EM auf einer großen Leinwand am Strand von Tel Aviv geschaut. Italien gegen Belgien, Viertelfinale. Deutschland war schon raus und Israel hatte es, wie immer, nicht einmal in die Vorrunde geschafft. Mein Kumpel hatte noch einem Freund Bescheid gesagt und der wiederum auch einem Kumpel. Und der setzte sich dann auf den Stuhl rechts neben mir.

Wahre Fußball-Liebhaber haben während eines Spiels keine Lust auf Smalltalk über andere Themen. So begrüßten wir uns nur kurz und befanden uns dann im Laufe der kommenden 70 Minuten im Spiel, nur im Spiel. Dann drehte sich der Kumpel des Kumpels meines besten Freundes zu mir und fragte: „Woher kommst du eigentlich, also ursprünglich?“ Ich antworte kurz: „Berlin. Du?“ Er: „Auch aus Berlin. Bin in Zehlendorf aufgewachsen. Wo hast du gewohnt?“ – „Wedding“.

Ich hatte keinen jüdischen Freunde

„Interessant. Welcher Jahrgang bist du? Ich bin 78er.“ Ich zu ihm: „77er. Man wird nicht jünger.“ Daraufhin schaute er mich verwundert an „Obwohl wir fast im selben Alter sind, kenne ich dich nicht aus Berlin. Komisch. Mit wem hast du so abgehangen?“ Ich: „Was meinst du?“ „Na ja, du weißt, die jüdische Community war in den 90ern sehr klein. Man kannte sich. Du bist mir jedoch nicht über den Weg gelaufen. Mit wem warst du denn so befreundet?“ Ich lächelte ihn an und antwortete: „Mit Türken und Arabern. Ich hatte keine jüdischen Freunde.“

Er, sichtlich schockiert, musste das Vernommene einordnen. Dann sagte er: „Du meinst, so wie der bekannte deutschsprachige IDF-Sprecher? Kennst du den? Das ist ein Promi. Der ist auch aus dem Wedding, ursprünglich.“ Ich öffnete meine Facebook-Fanpage auf der ich mit IDF-Gear zu sehen bin und fragte ihn: „Meinst du den hier?“ Er: „Ja, genau den. Kennst du ihn?“ Jetzt war ich ein wenig schockiert.

Hatte er etwa ein Bier zu viel getrunken? Oder lag es daran, dass ich meine Brille nicht aufhatte? Jedenfalls sagte ich: „Das bin ich“. Kurz darauf lachten wir beide laut auf. Es war ihm wahrscheinlich ein wenig unangenehm, weil er den sogenannten „Promi“ nicht erkannt hatte, obwohl er direkt neben ihm sitzt. „Du siehst in Uniform ganz anders aus als so hier am Strand mit Poloshirt und Badelatschen. Du wirkst viel jünger. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich neben einem Promi sitze.“ Mir ging in diesem Moment so vieles durch den Kopf.

Was hätte er wohl gesagt, hätte er mich damals in Weddinger Gangster-Gear kennen gelernt?