Frankfurt/Main - Im niedersächsischen Werlte wird seit Montag CO2-neutrales Kerosin für den Luftverkehr produziert. Vorerst handelt es sich lediglich um eine kleine Menge Flugzeugtreibstoff, doch die Bundesregierung hofft auf eine zügige Ausweitung der Produktion. Denn nur so können Luftverkehr und Klimaschutz künftig miteinander in Einklang gebracht werden. Ganz ohne Umweltschäden wird es sich aber auch dann nicht fliegen lassen.  Ein paar Fragen und Antworten:

So hoch sind die Emissionen durch den Luftverkehr  

Der Anteil des Flugverkehrs an den gesamten Treibhausgas-Emissionen in Deutschland beträgt zwischen drei und vier Prozent, erklärt der Direktor des Instituts für Verbrennungstechnik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Manfred Aigner. Dabei verzeichnete der Flugverkehr zumindest bis zur Corona-Pandemie einen besonders starken Zuwachs.

Der Flugverkehr macht bisher im Vergleich zu anderen Sektoren, beispielsweise dem Autoverkehr, dem Gebäudesektor oder der Energiewirtschaft, bislang eher einen kleinen Anteil der gesamten Emissionen aus. Im Kampf gegen die Klimakrise muss jedoch auch dieser Sektor seinen Beitrag leisten. Die technische Lösung für dieses Problem verspricht das E-Kerosin.

Was ist E-Kerosin?

Bei E-Kerosin handelt es sich um synthetisch hergestellten Flugzeugtreibstoff. Wird bei der stromaufwändigen Produktion ausschließlich erneuerbare Energie verwendet und das für die Herstellung benötigte CO2 aus der Luft gefiltert, handelt es sich um CO2-neutrales E-Kerosin.

Die am Montag in Werlte eröffnete Anlage stellt Kerosin aus Wasser und erneuerbarem Strom von Windrädern aus dem Umland her. Dazu kommen Abfall-CO2 aus Lebensmittelresten einer Biogasanlage sowie CO2 aus der Umgebungsluft. Anschließend wird das synthetische Kerosin in einer Raffinerie zu einsatzbereitem Kerosin veredelt und an den Flughafen Hamburg geliefert.

Wie viel E-Kerosin wird benötigt?

Bis alle Flugzeuge mit klimaneutralem Kerosin fliegen können, ist es noch ein langer Weg. Der Regelbetrieb in Niedersachsen soll im ersten Quartal 2022 beginnen, ab dann soll die Anlage täglich acht Fässer Kerosin produzieren. Jährlich wären das etwa 300 Tonnen Kerosin. Allein in Deutschland werden jedoch jährlich rund zehn Millionen Tonnen verflogen.

Um die Pariser Klimaziele bis 2030 zu erreichen, müssten laut DLR-Experte Aigner 40 Prozent des Kerosins durch E-Kerosin ersetzt werden. Das entspricht rund vier Millionen Tonnen. Dieses Ziel sei „durchaus sehr ehrgeizig“, sagt Aigner. Bis 2050 müsste der gesamte Kerosinverbrauch auf CO2-neutrales E-Kerosin umgestellt werden.

Die offiziellen Ziele der Bundesregierung fallen weniger ambitioniert aus: Ab 2026 müssen in Deutschland mindestens 0,5 Prozent des Flugkraftstoffes aus E-Kerosin bestehen. Ab 2030 gilt eine sogenannte Beimischungsquote von zwei Prozent.

Sind Flugzeuge dann immer noch umweltschädlich? 

Leider doch: Schätzungen von Experten zufolge macht der CO2-Ausstoß nur rund ein Drittel der Umweltschäden einer Flugreise aus. Laut Greenpeace entstehen gut zwei Drittel des Klimaschadens eines Flugs durch Kondensstreifen sowie Feinstaub- und Stickoxidemissionen in großer Höhe. Diese lassen sich auch durch die Verwendung von E-Kerosin nur begrenzt reduzieren.

Mit E-Kerosin werden die Flugtickets wohl teurer 

Eine Folge für Verbraucher könnten höhere Preise für Flugtickets sein: Die Herstellung synthetischer Kraftstoffe ist deutlich teurer als die Herstellung von Kerosin aus fossilen Energieträgern. Vorausgesetzt, die Technologien zur Herstellung von E-Kerosin würden über die nächsten zehn Jahre kontinuierlich weiterentwickelt, dann wäre E-Kerosin wohl auch in zehn Jahren noch rund doppelt so teuer wie Kerosin aus fossilen Energieträgern heute, erklärt Luftfahrt-Experte Aigner.

Gesellschaftlich bedeutet die Ausweitung der Produktion von klimaneutralem E-Kerosin insbesondere einen schnelleren Ausbau der erneuerbaren Energien. Um beispielsweise das in Deutschland im Jahr 2018 vertankte Kerosin durch synthetischen Kraftstoff zu ersetzen, wäre laut Berechnungen von Greenpeace die gesamte deutsche Jahresproduktion an Windenergie nötig gewesen. Nötig sei deshalb ein „Ausbauturbo“ für die Erneuerbaren, fordert Greenpeace.

Da auch nach der Umstellung auf E-Kerosin bei Flugreisen weiterhin Umweltschäden entstehen, bedeutet das wohl auch zukünftig: Wer umweltfreundlich reisen will, verzichtet auf das Flugzeug.