Es sind schwerwiegende Vorwürfe, die die Entdeckerin der Omikron-Variante gegen europäische Regierungen vorträgt. In einem Interview mit der Welt sagt die südafrikanische Gesundheitsexpertin Angelique Coetzee: „Mir wurde gesagt, ich solle öffentlich nicht erklären, dass es eine milde Erkrankung sei. Ich wurde gebeten, von derartigen Äußerungen Abstand zu nehmen und zu sagen, es sei eine ernste Erkrankung.“ Und weiter: „Ich kann das so nicht sagen, denn es ist nicht das, was wir sehen (...) Ich habe mich geweigert. Man wird mich nicht zum Schweigen bringen.“

Die Medizinerin zitiert eine WHO-Definiton, nach der bei einem milden Verlauf „Patienten zu Hause behandelt werden können“. Eine Versorgung mit Sauerstoff oder die Aufnahme in ein Krankenhaus sei demnach nicht erforderlich. Ein schwerer Verlauf sei einer, „bei dem Patienten Sauerstoff, vielleicht sogar eine künstliche Beatmung“ bräuchten. „Das haben wir bei Delta gesehen, aber nicht bei Omikron“, fährt die Medizinerin im Welt-Interview fort.

„Schauen Sie sich die Mutationen an“

Auf die Frage, ob der Druck von westlichen Staaten ausgeübt worden sei, antwortet Coetzee, dass sie sich nicht „an politischen Kämpfen“ beteiligen wolle, aber: „Ja, von einigen Ihrer (der europäischen, Anmerkung der Welt-Redaktion) Länder wurde ich kritisiert.“ Zu den Ländern, die sie kritisiert hätten, gehörten offenbar die Niederlande und Großbritannien. Dort hätten Wissenschaftler sie gefragt: „Wie können Sie erklären, dass es eine milde Erkrankung ist? Es ist eine schwere Erkrankung. Schauen Sie sich die Mutationen an.“

Coetzee zufolge müsse man in der Pandemie verstärkt mit Hausärzten kommunizieren, um sich einen besseren Eindruck vom Krankheitsbild machen zu können. Die Medizinerin ist laut Welt der Ansicht, dass „niemand fragt, was an der Basis passiert“. Es zähle immer die Meinung des Wissenschaftlers oder der Professorin, „die nie mit einem Patienten in Berührung kommen.“

Ob falsche Entscheidungen getroffen worden seien? Coetzee gegenüber der Welt: „Mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir vieles falsch gemacht haben. Es gibt viel Not da draußen. Es gibt viele Vorschriften, die keinen Sinn ergeben.“ Coetzee sieht die von ihr angeschuldigten Staaten in einem Lernprozess, glaubt aber, dass dieser ein langsamer sei. Und: „Es hängt alles von der politischen Lage ab und davon, wie einige innerhalb der Wissenschaft ihre eigene Agenda voranbringen wollen.“

Auf die Frage, ob sie glaube, dass einige Wissenschaftler nicht das Gemeinwohl, sondern sich im Sinn hätten, antwortet Coetzee laut Welt mit „Ja, ich denke schon“. Wissenschaftler sollten erklären, ob „sie finanziell belohnt werden, wenn sie bestimmte Produkte fördern“, zitiert die Welt Coetzee. Zum Ende des Interviews mahnt die Medizinerin: „Man muss wissen, welche Interessen sie verfolgen. Dem Ziel, dass die Gesundheit der Bevölkerung an erster Stelle steht, muss alles untergeordnet werden.“