Verspätete Züge, umgestürzte Bäume, umherfliegende Gegenstände und eingestellte Fährverbindungen: Das Sturmtief „Nadia“ hat am Samstag und in der Nacht zum Sonntag zum Teil orkanartige Böen und eine Sturmflut nach Norddeutschland gebracht. Feuerwehren und die Polizei mussten Hunderte Male ausrücken. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) erwartet allerdings für den Sonntagabend ein deutliches Abflachen des Sturms. In der Nacht zum Montag soll demnach ein Zwischenhoch für Beruhigung sorgen.

Im brandenburgischen Beelitz wurde ein Mann von einem umstürzenden Wahlplakat schwer verletzt. Der Mann sei trotz Reanimationsversuchen wenig später gestorben, berichtete die Polizei am Sonntag. Das 3,5 Meter mal 2,5 Meter große Plakat sei am Samstagabend kurz nach 22 Uhr nach einer starken Windböe umgefallen und habe den 58-Jährigen am Kopf getroffen. Der Mann sei mit seiner Freundin und einem Bekannten spazieren gewesen und einige Meter vor seinen Begleitern gelaufen, hieß es im Polizeibericht. Das aus einem Metallkorpus und Sperrholz bestehende Plakat sei mit Metallstangen im Boden verankert gewesen. Zur Ursache des Unfalls laufen weitere Ermittlungen.

Brandenburg: Landrats-Kandidat erklärt wegen Unfalls Wahlkampf für beendet

Das Plakat war zur Landratswahl am kommenden Sonntag in Potsdam-Mittelmark aufgestellt worden. Der Kandidat der Piraten, Meiko Rachimow, erklärte seinen Wahlkampf nach dem tödlichen Unfall für beendet. Seine Wahlbanner der Großplakate würden noch am Sonntag abgehängt, erklärte Rachimow. Nach seinen Angaben war das umgestürzte Wahlplakat zur Werbung für einen anderen Kandidaten aufgestellt worden. Das Groß-Wahlplakat des Mitbewerbers sei aus der Verankerung gerissen worden und habe eine Fußgängergruppe getroffen.

Die Feuerwehr-Leitstelle in Brandenburg/Havel berichtet über mehr als 100 Einsätze in der Nacht wegen umgestürzter Bäume, abgedeckter Dächer und umgekippter Wahlplakate. Auch die Feuerwehrleitstelle Lausitz in Cottbus meldete rund 150 Einsätze, vor allem wegen umgestürzter Bäume. In Drahnsdorf (Dahme-Spreewald) habe der Sturm einen Flügel eines Windrads angerissen, sagte der Sprecher der Leitstelle. Verletzt wurde niemand.

Auch die Leitstelle Nordost berichtete von zahlreichen Einsätzen bis Sonntagvormittag wegen umgestürzter Bäume und abgedeckter Dächer. Der Bereich um die Kirche in Bernau (Barnim) musste weiträumig abgesperrt werden, weil sich Ziegel gelöst hatten.

Feuerwehr ruft bis zum Nachmittag den Ausnahmezustand aus

Auch die Menschen in Berlin erleben ein stürmisches Wochenende: Um kurz nach 8 Uhr rief die Feuerwehr am Sonntagmorgen dann den Ausnahmezustand aus. Die Berliner sollten bei Sturm und Gewitter nicht das Haus verlassen,  Abflüsse von Balkonen und Terrassen frei halten, Sonnenschirme und Markisen schließen. Bürger sollten kleinere Wasserschäden möglichst selbst regeln. Die Rettungskräfte sollten sich auf größere Einsätze konzentrieren.

Um 16.40 Uhr beendete die Feuerwehr den Ausnahmezustand Wetter. Zu 340 wetterbedingten Einsätze war sie bis dahin gerufen worden. Auch zahlreiche Kräfte der Freiwilligen Feuerwehren seien im Einsatz gewesen, hieß es.

BVG: Verlauf ist typisch für diese Jahreszeit

Die BVG schätzte den Verlauf der Ereignisse als „typisch für diese Jahreszeit“ ein: Von Samstagabend bis Sonntagvormittag seien insgesamt 18 Buslinien zeitweilig von Sturmschäden betroffen gewesen. Neben umgestürzten Bäumen seien herabstürzende Dachziegel oder herumfliegende Gegenstände die Ursachen für die Einschränkungen des BVG-Nahverkehrs gewesen.

Mitunter konnten die Busfahrer Haltestellen nicht bedienen, weil Wartehäuschen demoliert waren, heißt es in einer Mitteilung. Auch Straßenbahnlinien waren teilweise unterbrochen. Bei der U-Bahn habe es „keine sturmbedingten Unterbrechungen“ gegeben, bei einigen Linien seien Züge jedoch „vorsorglich“ nur mit einer maximalen Geschwindigkeit von 40 km/h gefahren. Der Fähre auf der Linie F12 wurde am Sonntagmorgen eingestellt, so die BVG.

Zwischen Spandau und Pichelsdorf: Baum stürzt auf S-Bahngleise

In Berlin stürzten in der Nacht Bäume um, zahlreiche Äste brachen ab. So geschehen auch an der S-Bahnstrecke zwischen Spandau und Pichelsdorf. Hier stürzte ein Baum auf die Bahngleise. Wie Zeugen berichten, erfasste ein Zug der Linie S3, der in Richtung S-Bahnhof Pichelsdorf fuhr, den großen Baum und wurde im Frontbereich stark beschädigt. Ein S-Bahn-Zug aus der Gegenrichtung, der in Richtung Spandau fuhr, soll zudem zahlreiche Äste, die sogar in der Front stecken blieben, gerammt haben.

In beiden S-Bahnzügen soll niemand verletzt worden sein. Die Feuerwehr beseitigte die unter dem Zug klemmenden Äste, sodass beide S-Bahnen den nächsten Bahnhof anfahren konnten, heißt es. Aufgrund der Beschädigungen mussten offenbar beide Züge in eine Werkstatt gefahren werden. Die Passagiere sollen durch Lautsprecherdurchsagen informiert worden sein und so die nötige Ruhe bewahrt haben. Wegen der Bergung blieb der Streckenabschnitt bis zum Sonntagmorgen gesperrt. Als Ersatz fuhren Busse.

Berlin: Bäume fallen auf Autos

Auch im Treptower Ortsteil Baumschulenweg richtete der Sturm Schäden an: Hier brach in der Trojanstraße ein Ast von einem Baum ab und traf einen geparkten VW. Wie Reporter von vor Ort berichten, trug die Berliner Feuerwehr den Ast nach und nach ab. Verletzt wurde offenbar niemand. Das Auto erlitt jedoch einen Totalschaden.

Morris Pudwell
Die Berliner Feuerwehr im Einsatz in Treptow.

Auf der Halbinsel Stralau in Friedrichshain begrub ein Baum zwei Fahrzeuge unter sich. Gegen 22.40 Uhr krachte ein Baum auf mehrere Fahrzeuge auf der Straße „Fischzug“. Nach Informationen der Berliner Zeitung bereinigten Kameraden der Feuerwehr die Unglücksstelle.

Morris Pudwell
Der Tannenbaum in der Charlottenstraße in Lankwitz wird nur noch von umstehenden Bäumen gestützt.

In Lankwitz brachen ebenfalls Bäume ab. Nach ersten Erkenntnissen konnte der offenbar mindestens zwölf Meter hohe Baum in der Charlottenstraße nicht sofort abgetragen werden. Führungskräfte der Berliner Feuerwehr berieten offenbar bis spät in die Nacht die weitere Vorgehensweise. Die umliegenden Bäume stützten den gefallenen Baum und verhinderten, dass die Tanne auf geparkte Pkw fiel.

Lankwitz: S-Bahn rammt Baum

Kurz hinter der Unterführung der Beethovenstraße in Berlin Lankwitz krachte eine S-Bahn auf dem Weg zu einem zugeteilten Abstellgleis gegen einen abgeknicken Baum, der nur noch durch eine Mauer daran gehindert wurde, komplett auf die Gleise zu stürzen. Dies berichten Reporter der Berliner Zeitung. Dieser Umstand führte offenbar dazu, dass die S-Bahn nur oben rechts gegen den Baum prallte und sonst keine schlimmeren Beschädigungen ersichtlich waren.

Der Triebfahrzeugführer alarmierte dem Bericht zufolge sofort die Berliner Feuerwehr, die sich um den abgeknickten Baum kümmerte. Nachdem die Stromschienen stromlos geschaltet wurden, zerlegten die Kräfte der Wehr den Baum komplett. Eine Bestätigung der Berliner Feuerwehr steht noch aus.

Morris Pudwell
Ein umgestürzter Baum auf der Halbinsel Stralau.

Zoo und Tierpark bis Sonntagmittag geschlossen

Der Berliner Zoo und der Tierpark blieben am Sonntag bis 13 Uhr geschlossen. „Wir hatten schon am Samstagabend speziell die Fluchttiere in ihre Ställe gebracht, damit diese sich nicht wegen des Sturms erschrecken“, sagte eine Sprecherin der Deutschen Presse-Agentur. Größere Unwetterschäden habe es nicht gegeben. „Wir hatten hauptsächlich mit Astbruch zu kämpfen.“

Hamburg: Sturmflut setzt Fischmarkt in St. Pauli unter Wasser

In Norddeutschland wütete der Sturm besonders heftig. In Bremen und im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte wurden zwei Menschen bei Unfällen aufgrund von umgestürzten Bäumen schwer verletzt.

Am Sonntagnachmittag hob das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) die Sturmflutwarnung für die deutsche Nordseeküste am Sonntagmittag aufgehoben. Das Mittagshochwasser war zu diesem Zeitpunkt vorbei. In Hamburg war der Fischmarkt zuvor zum zweiten Mal binnen Stunden vollgelaufen. Tausende Schaulustige zog es an die Elbe und den Fischmarkt, um das Spektakel zu beobachten, wie ein dpa-Reporter berichtete. Der Wasserstand am Pegel St. Pauli stieg am Mittag auf 2,60 Meter über dem mittleren Hochwasser. Damit war auch die zweite Sturmflut des Wochenendes in Hamburg eine schwere. Bei dem Hochwasser in der Nacht wurde ein Wert von 2,84 Meter erreicht.

dpa/Steven Hutchings
In Hamburg stehen nach der Sturmflut zahlreiche Autos unter Wasser.

An der Nordseeküste spricht man von einer Sturmflut, wenn das Hochwasser mindestens 1,5 Meter höher als normal aufläuft. Von einer schweren oder sehr schweren Sturmflut wird erst ab Werten von 2,5 beziehungsweise 3,5 Meter gesprochen.

Auch an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste hat es am Mittag erneut eine Sturmflut gegeben. Am Eidersperrwerk wurde ein Wert von 2,07 Meter über dem Mittleren Hochwasser gemeldet, in Büsum lag der Wert bei 1,83 und in Dagebüll bei 1,41. Auch hier sind die Pegel nicht ganz so hoch gestiegen wie in der Nacht. Am Eidersperrwerk wurde am frühen Sonntagmorgen ein Wert von 2,46 Metern über dem mittleren Hochwasser gemessen, in Büsum 1,98 Meter und in Dagebüll 1,80 Meter.

Die Sturmflutwarnung für die Ostseeküste bestand am Sonntagmittag weiterhin. Hier werden ab dem Abend Wasserstände bis 1,35 Meter über dem mittleren Wasserstand erwartet.

An der Ostseeküste spricht man von einer Sturmflut, wenn das Wasser 1,00 bis 1,25 Meter über mittlerem Wasserstand aufläuft. Bei einer mittleren Sturmflut steigt der Pegel auf 1,25 bis 1,50 Meter über mittlerem Wasserstand. Von einer schweren oder sehr schweren Sturmflut wird ab Werten von mehr als 1,50 beziehungsweise 2,00 Metern über mittlerem Wasserstand gesprochen.

In Hamburg und auf der Nordsee kam es außerdem zu zwei Vorfällen mit Schiffen: Im Hamburger Hafen fuhr sich ein Binnenschiff unter einer Brücke fest. Das Schiff sei beim Durchfahren mit dem Steuerhaus an der Freihafenelbbrücke hängengeblieben und habe sich verklemmt, sagte ein Polizeisprecher. Verletzte gab es ersten Erkenntnissen zufolge nicht. An Bord des Schiffes befanden sich demnach zwei Menschen. Die Unfallursache war zunächst unklar. Es sei möglich, dass sich der Kapitän wegen des steigenden Wasserstandes der Elbe verschätzt habe.

Vor Ostfriesland: Frachter treibt stundenlang auf dem Meer

Der zweite Vorfall ereignete sich 16 Seemeilen (ca. 30 Kilometer) vor der ostfriesischen Küste. Dort trieb ein unbeladener Frachter mehrere Stunden im Meer. Die 190 Meter lange „Vienna“ hatte wegen des Sturms erkennbar Probleme zu manövrieren, wie ein Sprecher des Havariekommandos in Cuxhaven am Sonntagmorgen mitteilte. Die Maschine sei zu schwach gewesen, um das Schiff gegen Wind und Wellen zu halten. Daher wurden unter anderem Notschlepper zu dem Havaristen entsandt. Der Frachter sei nach etwa sechs Stunden gesichert worden.

„Hätten wir nicht eingegriffen, wäre das Schiff zu einem Risiko für die Küste geworden“, sagte der Sprecher. Die 24 Crewmitglieder blieben nach ersten Erkenntnissen unverletzt. Der Frachter, der unter der Flagge der Marshallinseln fährt, wurde nicht beschädigt. Um die Schleppverbindung herzustellen, wurden demnach mehrere speziell ausgebildete Seeleute von einem Bundespolizei-Hubschrauber auf den Frachter abgeseilt. Das Sturmtief über der Nordsee habe den Einsatz aber erheblich erschwert. Bei Windstärke 10 seien die Wellen auf der Nordsee sechs bis sieben Meter hoch gewesen.