Berlin - Während der Corona-Pandemie haben die Privathaushalte in diesem Jahr deutlich mehr Müll verursacht. Die eingesammelte Menge von Plastik und anderen Leichtverpackungen sowie von Glas stieg in diesem Jahr um jeweils rund sechs Prozent, wie eine Umfrage des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) unter seinen Mitgliedsfirmen ergab.

Der Grund: In Pandemiezeiten gehen die Menschen zum Essen weniger oder gar nicht mehr in Restaurants, stattdessen kaufen sie mehr ein oder bekommen Essen geliefert. Der BDE wertet die Umfrageergebnisse als Beleg dafür, dass Abfallvermeidung in Corona-Zeiten kaum möglich sei.

Bei den Papierabfällen gab es den Angaben zufolge nur ein Plus von rund zwei Prozent. Hier gab es allerdings eine Verschiebung bei den Papierarten: Während die Menge des grafischen Papiers - vor allem Zeitungspapier - wegen der Digitalisierung erneut deutlich sank, landeten wesentlich mehr Pappkartons in den Mülltonnen und Containern. Dies wiederum lag an dem boomenden Online-Handel.

In der Umfrage geht es um Abfall aus Privathaushalten. Die Trennlinie zu gewerblichem Müll, auf dessen Menge die BDE-Umfrage keine genauen Rückschlüsse zuließ, ist unscharf, schließlich bringen Restaurants ihre leeren Weinflaschen mitunter auch zum Container um die Ecke - Mengen aus diesen Abholbehältern waren bei der Umfrage inbegriffen.

BDE-Präsident Peter Kurth wertete die Umfrageergebnisse als Beleg, dass es in Corona-Zeiten kaum möglich sei, auf Abfallvermeidung zu achten. „Zur konkreten Abfallreduzierung bleibt den Verbrauchern im Moment vielfach nur die Möglichkeit, genau zu überlegen, welche Artikel sie zu Weihnachten im Onlineshop oder im stationären Einzelhandel kaufen wollen.“

Gebrauchte Masken gehören in die Restmülltonne

Der Branchenvertreter wies auf ein Problem hin: Viele Menschen schmeißen ihren gebrauchten Mund-Nase-Schutz und Gummihandschuhe in die Gelbe Tonne oder in den Gelben Sack, obwohl sie in den Restmüll gehören. „Diese Materialien sind keine Verpackungsmaterialien“, betonte Kurth. „Ihre Zusammensetzung ist für den Recyclingprozess ungeeignet.“ Landen solche Abfälle in der falschen Tonne, erschwert das den Aballverwertern die Arbeit - im schlimmsten Fall werden Teile der Verpackungsmengen aussortiert und landen in der Verbrennung. In der Branche spricht man hier von „verlorenen Chargen“.

Wie andere Branchen hatten auch die Müllabfuhren, Sortieranlagen und Abfallverwerter umfangreiche Hygienekonzepte eingeführt. Der Verbandschef zeigte sich erleichtert, dass diese Konzepte gut funktioniert hätten. „So hat es keine flächendeckenden Ausfälle in der Entsorgung durch Quarantänemaßnahmen für Mitarbeiter gegeben“, sagte Kurth. „Ich bin sicher, dass unsere Branche auch in der zweiten Corona-Welle ihre Aufgaben in Deutschland erfüllt.“

Der BDE hat rund 750 Mitglieder aus allen Bereichen der Abfallwirtschaft - ob Müllabfuhr, Sortier- oder Verbrennungsanlagen, ob Verwerter oder Zulieferer. Marktführer in der Branche ist Remondis aus NRW. Ein Firmensprecher berichtete besonders bei Glas von einem starken Mengenplus - je nach Region und Monat lag das Plus bei bis zu 20 Prozent.

Nach deutlich höherer Nachfrage im März und April, als die Restaurants erstmals schließen mussten, habe sich die Lage in den Sommermonaten entspannt, so der Remondis-Sprecher. In der seit Anfang November andauernden zweiten Phase der Gastro-Schließungen zögen die Glasmengen aber wieder an. „Die Menschen konsumieren ihre Getränke derzeit nicht mehr in Restaurants, sondern daheim - daher landet viel mehr Glas in unseren Containern.“

Umweltschützer: Coronakrise ist Plastikkrise

Mancherorts seien die Abhol-Behältnisse nach einer Leerung viel früher voll als normalerweise. „So schnell sind Container sonst nur nach Weihnachten und Silvester voll.“ Der Sprecher betonte, dass Remondis die Behältnisse nicht einfach häufiger leeren könne, um das Problem zu lösen. Schließlich seien die Abholzeiten Teil des Vertrags zwischen den Kommunen und den dualen Systemen. Die dualen Systeme wiederum beauftragen Müllabfuhren mit der Leerung.

Umweltschützer sehen das höhere Abfallaufkommen mit Sorge. „Die Coronakrise ist auch eine Plastikkrise“, sagt die Greenpeace-Konsumexpertin Viola Wohlgemuth. Viele Lebensmittel- und Handelsfirmen setzten mehr auf Verpackungen und suggerierten dem Verbraucher damit mehr Sicherheit, kritisiert sie. „Das ist eine Mär - nicht Plastik hilft gegen das Virus, sondern Hygiene.“

Sie findet es bedauerlich, dass viele Bäckereien und Supermärkte keine mitgebrachten Becher oder Tupperdosen mehr akzeptierten für Kaffee, Käse oder Nudeln, obwohl dies bei Einhaltung normaler Hygieneregeln unbedenklich sei. Firmen erlaubten das Befüllen von mitgebrachter Tupperware häufig nicht mehr, weil sie unsicher seien, wie genau die staatlichen Vorgaben diesbezüglich seien. „Wir fordern einheitliche bundesweite Vorgaben, die so einen umweltschonenden Konsum ermöglichen und ein wichtiger Beitrag wären zur Reduktion des Plastikabfalls“, sagt die Umweltschützerin.