Papst Franziskus hat die Weltgemeinschaft angesichts des Ukraine-Kriegs dazu aufgefordert, sich vom üblichen Gut-Böse-Schema zu lösen. „Was wir sehen, ist die Brutalität und Grausamkeit, mit der dieser Krieg von den Truppen, in der Regel Söldnern, die von den Russen eingesetzt werden, geführt wird“, sagte er europäischen Kulturzeitschriften des Jesuitenordens in einem am Dienstag veröffentlichten Interview. „Aber die Gefahr ist, dass wir nur das sehen, was ungeheuerlich ist, und nicht das ganze Drama sehen, das sich hinter diesem Krieg abspielt, der vielleicht in gewisser Weise entweder provoziert oder nicht verhindert wurde. Und ich registriere das Interesse am Testen und Verkaufen von Waffen. Das ist sehr traurig, aber darum geht es ja offensichtlich.“

Das katholische Kirchenoberhaupt sagte, manch einer möge ihm an dieser Stelle entgegenhalten, er sei pro Putin. „Nein, das bin ich nicht. So etwas zu sagen, wäre vereinfachend und falsch. Ich bin einfach dagegen, die Komplexität auf die Unterscheidung zwischen Guten und Bösen zu reduzieren, ohne über die Wurzeln und Interessen nachzudenken, die sehr komplex sind“, betonte Franziskus.

Papst verweist auf andere Kriegsgebiete

Was jetzt in der Ukraine passiere, berühre die Menschen in Europa stärker, weil es ihnen näher sei. Aber es gebe auch andere Länder, wo der Krieg immer noch andauere und dies niemanden kümmere. Er denke an Nordnigeria, Nordkongo, an den Völkermord in Ruanda vor 25 Jahren und an Myanmar und die Rohingya. „Die Welt befindet sich im Krieg. Vor einigen Jahren kam ich auf die Idee zu sagen, dass wir den Dritten Weltkrieg in Stücken und Brocken erleben. So ist für mich heute der Dritte Weltkrieg ausgebrochen“, sagte der Papst. „Das ist etwas, das uns zu denken geben sollte. Was ist mit der Menschheit geschehen, die in einem Jahrhundert drei Weltkriege erlebt hat?“, fügte er hinzu. Das Interview war bereits Mitte Mai geführt worden. Franziskus gehört selbst dem Jesuiten-Orden an.

Er sprach in dem Interview auch über ein Video-Telefonat mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill, der den russischen Präsidenten Wladimir Putin von Beginn an unterstützt und auch den Krieg legitimiert hatte. Er habe zu Kyrill gesagt: „Bruder, wir sind keine Staatskleriker, wir sind Hirten des Volkes.“ Ein für Dienstag geplantes Treffen zwischen Papst Franziskus und dem Moskauer Patriarchen in Jerusalem wurde abgesagt. Papst Franziskus kündigte nun an, er hoffe, Kyrill auf einer Generalversammlung im September in Kasachstan zu treffen.