Bis zur Ausgangssperre feierten die Pariser noch einmal ausgelassen.
Foto: imago images/Hans Lucas

ParisVollbesetzte Restaurants, Gedränge in den Bars, Feierstimmung: Kurz vor der rigiden abendlichen Ausgangssperre in Paris und weiteren französischen Großstädten sind tausende Menschen noch einmal richtig ausgegangen. Um Punkt Mitternacht trat dann die von der Regierung angeordnete Ausgangssperre wegen der hohen Corona-Infektionszahlen in Kraft, ab Sonnabend müssen die rund 20 Millionen betroffenen Einwohner der Städte ab 21 Uhr zu Hause bleiben.

Die Stimmung in den Straßen von Paris glich am Freitag einem Silvesterabend. „Wir werden das so sehr genießen, wie wir nur können“, sagte der 19-jährige Kurtys Magdelo der Nachrichtenagentur AFP. Er habe sich mit Freunden zu einer Tour durch mehrere Bars verabredet, danach sei ein nächtlicher Spaziergang entlang der Champs-Elysées geplant, fügte Magdelo hinzu.

„Ich sehe niemanden mehr an der Uni, weil alle meine Kurse online sind; mein Tanzkurs, der um 22 Uhr endet, wird gestrichen, und wenn man obendrein abends nicht ausgehen kann... Ich sehe das als Lebensverbot an“, sagte die 22-jährige Studentin Coline von der Sorbonne der Zeitung „Le Parisien“.

Ausgangssperre in Frankreich: Franzosen suchen schon nach Auswegen

Viele sind skeptisch, ob die Maßnahmen die sich ausbreitenden Infektionen eindämmen können. Manche suchen schon nach Auswegen: Um weiter mit Freunden zum Essen oder Trinken gehen zu können, wollten sich künftig alle einfach „früher als gewohnt“ treffen, berichtete der 28-jährige Dimitri in Rouen.

Obwohl die Ausgangssperre in der Bevölkerung Umfragen zufolge breite Unterstützung findet, beschwerten sich mehrere Restaurantbesitzer bitterlich: Die Maßnahme ergibt ihrer Ansicht nach wenig Sinn angesichts der strengen Corona-Regeln, die bereits gelten. „So etwas habe ich in den 50 Jahren, die ich hier bin, noch nie gesehen“, sagte Restaurantbesitzer Stain Roman der AFP. „Es ist der Tod der Restaurants in Paris am Abend. In der Hauptstadt kommen die Leute um 21 Uhr im Restaurant an, wir essen hier nicht mit den Hühnern. Eine sehr große Mehrheit der Betriebe wird daher am Abend, gegen 18 Uhr, schließen“, sagte der Präsident des Hotel- und Gaststättenverbands Umih Île de France, Frank Delvau, der Zeitung „Le Figaro“.

Auch die Behörden mehrerer Städte zeigten sich besorgt über die wirtschaftlichen Folgen der mindestens vierwöchigen Teil-Ausgangssperre. Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo und Kultusministerin Roselyne Bachelot riefen die Regierung auf, die Regeln für kulturelle Einrichtungen zu lockern. Finanzminister Bruno Le Maire erteilte den Forderungen eine Absage: „Wenn wir anfangen, Ausnahmen zu erlauben, werden wir es nicht schaffen“, sagte er.

Ausgangssperre gilt in neun französischen Städten

Die Ausgangssperre gilt neben Paris in acht französischen Städten mit besonders hohen Corona-Zahlen - Marseille, Lyon, Lille, Rouen, Saint-Etienne, Grenoble, Toulouse und Montpellier. Betroffen ist damit fast ein Drittel der französischen Bevölkerung. Ab sofort dürfen die Menschen in den betroffenen Gebieten ihre Häuser zwischen 21 Uhr und sechs Uhr morgens nicht mehr verlassen.

Frankreich meldete am Freitagabend mehr als 25.000 Corona-Neuinfektionen innerhalb eines Tages, am Vortag waren es sogar mehr als 30.000 gewesen. Die Zahl der Corona-Toten stieg am Freitag um 122 auf insgesamt 33.303 seit Beginn der Pandemie.

Die neue Ausgangssperre ist in Frankreich die härteste Maßnahme seit Ende des landesweiten Lockdowns am 11. Mai. Premierminister Jean Castex betonte beim Besuch in der Universitätsklinik Lille, damit wolle die Regierung den Krankenhäusern helfen, die in der zweiten Corona-Welle wieder unter Druck geraten.

Ausgangssperre in Frankreich: Nur mit Formular vor die Tür

Das Pariser Innenministerium veröffentlichte am Freitagabend ein Formular, das jeder ausgefüllt bei sich tragen soll, der während der Ausgangssperre vor die Tür muss. Folgende Ausnahmen können unter anderem darauf angeben werden: Arbeitsweg, medizinische Notfälle, Pflege von Angehörigen oder Betreuung von Kindern oder Weg zum Flughafen oder Bahnhof für Langstreckenreisen. Auch das Gassigehen mit dem Hund ist erlaubt - allerdings nur im Radius von einem Kilometer zur Wohnung.

Wer sich nun nicht an die neuen Beschränkungen hält, muss 135 Euro Strafe zahlen - für Wiederholungstäter können Tausende Euro fällig werden. 12 000 Polizisten sollen die Einhaltung der Regeln kontrollieren.