Berlin - Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner hat die Reaktion der Partei auf die Plagiatsvorwürfe gegen Spitzenkandidatin Annalena Baerbock verteidigt. „Kritik ist völlig legitim (...), nur wir sehen eben auch, dass da auch Kleinigkeiten aufgebauscht werden“, sagte Kellner am Freitag im ZDF-Morgenmagazin. Als der Vorwurf der Urheberrechtsverletzung im Raums stand, sei es der Partei jetzt darum gegangen, ein Stoppschild zu setzen.

Kellner weiter: „Sowohl unser Anwalt als auch viele andere sagen: Das ist keine Urheberrechtsverletzung.“ Die Wiedergabe allgemein bekannter Fakten sei unproblematisch. SPD-Politiker Florian Post sagte Focus Online dazu, die Vorwürfe gegen Baerbock würden für ihn „ins Bild von Hochstapelei“ passen. Der Bundestagsabgeordnete weiter: „Darf Baerbock alles, weil sie für sich in Anspruch nimmt, die Moral auf ihrer Seite zu haben?“

Und der renommierte Berliner Urheberrechtsanwalt Paul W. Hertin von der Kanzlei Hertin & Partner sagte Focus Online: „Die Textstelle von Seite 219 in dem Buch von Frau Baerbock, in der sie den US-Wissenschaftler Michael T. Klare zitiert, ohne ihn als Quelle zu nennen, ist eine klare Verletzung des Urheberrechts. Da besteht überhaupt kein Zweifel“, so der erfahrene Anwalt.

Hat Baerbock ein Sachbuch geschrieben oder nicht?

Auf die Frage, wie in den vergangenen Wochen im Wahlkampf von Baerbock mehrere Fehler passieren konnten, sagte Kellner weiter: „Manöverkritik machen wir intern. Das würde ich jetzt nicht übers Morgenmagazin machen.“ Der österreichische Medienwissenschaftler Stefan Weber hatte am Dienstag zuerst mehrere Stellen in Baerbocks Buch „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“ bemängelt, die auffällige Ähnlichkeiten zu anderen Veröffentlichungen aufweisen.

Im Deutschlandfunk sagte Kellner am Freitag: „Es ist eben keine wissenschaftliche Arbeit, sondern es ist ein Sachbuch über ihren Antrieb auch, was sie in der Politik erreichen möchte, was sie umsetzen möchte.“ Baerbock hatte am Donnerstagabend in einem Gespräch mit Journalistinnen der Zeitschrift Brigitte in Berlin gesagt: „Ganz viele Ideen von anderen sind mit eingeflossen“.

Und weiter: „Aber ich habe kein Sachbuch oder so geschrieben, sondern das, was ich mit diesem Land machen will – und auf der anderen Seite die Welt beschrieben, wie sie ist, anhand von Fakten und Realitäten.“ Bei der Vorstellung ihres Buches hatte Baerbock auf die Frage, ob es eine Biografie oder ein Sachbuch sei, geantwortet: „Beides.“ Sie habe dieses Buch geschrieben, um zu erklären, „wer ich bin und was mich antreibt“, sagte Baerbock.

Sie halte es für wichtig, selbstkritisch zu sein, aber auch deutlich zu machen, wofür man stehe und falsche Behauptungen zurückzuweisen, sagte Baerbock. Die Frage, ob sie im Wahlkampf künftig mehr auf Angriff setzen wolle, verneinte Baerbock. „Wenn man sich immer nur von anderen treiben lässt, dann ist man ein Fähnchen im Wind.“ Der Anspruch der Grünen sei nicht, andere schlecht zu machen. Sie wolle keinen Wahlkampf führen nach dem Motto: „Das machen andere schlecht und hau drauf.“

Baerbock: Nach Höhenflug in den Umfragen kam die Talfahrt 

Nach Baerbocks Nominierung als Kanzlerkandidatin Mitte April erlebten die Grünen zunächst einen Höhenflug: Sie überholten mit Umfragewerten von bis zu 28 Prozent zeitweise sogar die CDU/CSU. Im Zusammenhang um mehrere falsche Angaben in Baerbocks Lebenslauf und den zunächst nicht gemeldeten Sonderzahlungen an Baerbock sackten die Werte auf derzeit rund 20 Prozent ab.