Berlin - Droht der Union bei der Bundestagswahl der Absturz? CDU und CSU könnten am Sonntag das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte einfahren. Die Nachrichtenagentur AFP hat Politikwissenschaftler befragt, warum die Union in den Umfragen vor der Wahl dermaßen an Zuspruch verloren hat – und wie es nach der Wahl mit ihr weitergehen könnte. Die wichtigsten Befunde:

Laschets Wahlkampf-Strategie zieht nicht

Die CDU habe ihren Wahlkampf auf einer falschen Annahme von Kontinuität aufgebaut, sagt der Parteienforscher Oskar Niedermayer von der Freien Universität Berlin – nämlich, dass die Wählerschaft dem Kandidaten Laschet automatisch dasselbe „generalisierte Grundvertrauen“ entgegenbringt wie Merkel. „Das ist bei Laschet aber nicht da – und da das so ist, kann man nicht einen möglichst inhaltslosen Wahlkampf führen.“ Laschet hätte viel früher inhaltliche Akzente mit klassischen CDU-Themen setzen müssen, sagt der Professor – etwa in der inneren Sicherheit.

Profilverlust der CDU durch langes Regieren

„Die programmatischen Profillinien der CDU sind im Dauerzustand des Regierens abgeschliffen worden“, sagt der Parteienforscher Karl-Rudolf Korte von der Universität Duisburg. „Es ist schwer, den Markenkern der CDU über das Krisenmanagement hinaus zu erkennen.“ Korte nennt ein Beispiel: Die CDU habe ihren traditionellen Kompetenzvorsprung gegenüber der SPD im Bereich Wirtschaft fast verspielt.

Vakuum durch Merkels Weggang

Der Abschied Angela Merkels hinterlässt in der CDU eine Lücke, die niemand füllen konnte, sagt der Berliner Politikprofessor Thorsten Faas. „Jetzt merkt man, dass die integrative Kraft der Union, der Zusammenhalt der verschiedenen Richtungen, in weiten Teilen von Merkel als Person und von ihrem Amtsbonus ausging“, sagt Faas. „Sie hat ein Vakuum hinterlassen - erst an der Parteispitze, jetzt wohl auch im Kanzleramt.“

Mangel an profilierten Köpfen

Laschets schwache persönliche Umfragewerte drücken die Partei nach unten. „Deswegen hätte man Laschet schon mehrere Monate vor der Wahl mit zwei, drei interessanten Leuten flankieren müssen“, sagte Oskar Niedermayer. Diesem Team hätte man genug Zeit geben müssen, sich bekannt zu machen. Die späte Vorstellung von Laschets Kompetenzteam kurz vor der Wahl sei „total daneben gegangen“.

Kräftezehrende Selbstbeschäftigung

„Der innere Zustand der CDU ist seit längerem davon geprägt, dass sie komplett im Umbruch ist“, sagt Karl-Rudolf Korte. Der Parteivorsitz sei „über verschiedene Stationen neu besetzt worden“ – von Merkel zu Kramp-Karrenbauer zu Laschet. „Das ist die vielleicht anstrengendste Phase für eine Partei, wenn sie sich in einem solchen Stadium der Nachfolge befindet.“

Politikwissenschaftler: „Viele Leute wissen nicht mehr, wofür die CDU steht“

Oskar Niedermayer attestiert der CDU eine „deutliche inhaltliche Entkernung“. Merkels CDU sei „wirtschafts- und gesellschaftspolitisch nach links gerückt und hat viele Dinge aufgegeben, die dem konservativen und wirtschaftsliberalen Teil der Wählerschaft wichtig waren. Viele Leute wissen nicht mehr, wofür die CDU steht.“ Dieses Manko könnte zwar „kompensiert werden durch eine charismatische Führungspersönlichkeit - die ist aber nicht da.“

Wie geht es nach dem Wahltag mit der CDU und Laschet weiter?

„Wenn die Union nach dem Wahltag eine Option auf die Regierungsführung hat, könnte das disziplinierend wirken – und das könnte Laschet in die Hände spielen“, sagt Thorsten Faas. Laschets Kritiker würden sich dann womöglich nicht aus der Deckung wagen, um den Parteichef zu stürzen.

Ähnlich sieht es Karl-Rudolf Korte: „Warum sollte die CDU Laschet als potenziellen Verhandlungsführer für eine Jamaika-Koalition schwächen?“ Sollte die Union allerdings klar hinter der SPD landen, könnte es eng werden für Laschet, vermutet jedenfalls Oskar Niedermayer: „Wenn es so hart kommen sollte, wäre die Karriere von Laschet beendet.“