Berlin - Ein wochenlanger harter Wahlkampf liegt hinter den Parteien. Der Ausgang der Bundestagswahl am Sonntag ist höchst unsicher. Laut jüngstem ZDF-„Politbarometer“ wissen 35 Prozent der Befragten noch nicht genau, ob sie wählen wollen und gegebenenfalls wen. Klar ist: Mit dem Ende von 16 Jahren Kanzlerschaft von Angela Merkel (CDU) steht Deutschland vor einer Zäsur. Oft ist in diesen Tagen im politischen Berlin von einer „Zeitenwende“ die Rede.

Zum Wahlkampfabschluss zogen die Parteien nochmals alle Register, um die Unentschiedenen auf ihre Seite zu ziehen. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil verglich die Situation der SPD mit einem Fußballspiel: In der 88. Minute stehe es 2:0 für die SPD – doch da gehe man noch nicht vom Platz, denn gewonnen sei noch nichts. CSU-Chef Markus Söder blieb in München auf dem Nockherberg im Bild und versicherte: „Wir werden am Sonntagabend das Spiel noch drehen, die SPD abfangen und die Nummer eins in Deutschland werden.“

Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet, der frenetisch mit „Armin Laschet wird Kanzler“-Sprechchören gefeiert wurde, warnte, der Union könnten am Ende wenige Tausend Stimmen fehlen. Andererseits sah er sich schon im Kanzleramt: „Ein Nordrhein-Westfale, der nach Berlin wechselt und ein Bayer, der mit am Koalitionstisch sitzt: Das wird unschlagbar sein.“

Für die Parteien sieht die Ausgangslage unmittelbar vor dem Wahltag so aus:

Olaf Scholz auf ungeahntem Höhenflug

Fast ein Vierteljahrhundert ist es her, dass die SPD die CDU aus dem Kanzleramt verdrängt hat. 1998 war das, Gerhard Schröder siegte über Helmut Kohl. Nun könnte der Sozialdemokrat Olaf Scholz nach 16 Jahren auf Kanzlerin Angela Merkel folgen. Scholz fühlt sich von der Dynamik kurz vor der Wahl denn auch an 1998 erinnert, wie er jüngst sagte.

Dabei schien der SPD die Rolle als Koalitionspartner der Merkel-CDU lange gar nicht zu bekommen. Bei der Wahl 2017 blieb der rote Balken bei katastrophalen 20,5 Prozent stehen. In Umfragen sackte die SPD im Lauf der Wahlperiode noch auf unter 15 Prozent. Dem Rücktritt der Fraktions- und Parteichefin Andrea Nahles 2019 folgte eine aufwendige Suche nach neuen Vorsitzenden. Scholz musste sich dabei Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans geschlagen geben – doch dann rief die Partei ihn schon 2020 in seltener Einmütigkeit zum Kandidaten aus und fand zu einer völlig untypisch gewordenen Geschlossenheit.

Im Wahlkampf präsentierte sich der Vizekanzler schon wie ein Amtsinhaber. Scholz versprach „Respekt“, beteuerte, er habe einen Plan für den klimaneutralen Umbau von Deutschlands Wirtschaft. Trotzdem blieb die SPD lange hinten. Annalena Baerbock von den Grünen und Unionsmann Armin Laschet bestimmten die Schlagzeilen. Doch je unrunder ihr Wahlkampf lief, desto mehr gab Scholz das Gegenbild von Beständigkeit und Verlässlichkeit ab.

Sachlich, bedacht und wenn mit Pathos, dann doch in einem ruhigen Tonfall – so zog Scholz mit seinen persönlichen Werten Ende Juli an Laschet und Baerbock vorbei und zog die SPD dabei mit.

Armin Laschet vor seiner größten Bewährungsprobe

Wird Laschet wie schon öfters auch jetzt wieder grandios unterschätzt – und hat die Union mit ihm als Kanzlerkandidaten am Sonntag doch noch die Nase vorn? Der CDU-Chef setzt darauf – obwohl die klare Trendwende bei den historisch schlechten Umfragewerten ausblieb und die Union lediglich ein, zwei Punkte zulegen konnte. Nun hoffen viele in der Union auf einen Last-Minute-Swing – darauf, dass man die SPD auf den letzten Metern doch noch überholen kann.

Laschet und die Union kämpfen bis zur letzten Minute. Am Freitagabend traten er und CSU-Chef Markus Söder mit der scheidenden Kanzlerin Angela Merkel auf dem Nockherberg in München beim Wahlkampfabschluss auf. Demonstrative Geschlossenheit war dabei Pflicht. Sogar am Samstag macht Laschet noch Wahlkampf: Merkel kommt dafür in seine Heimat Aachen. Auch ihr kann es nicht gefallen, wenn sie ihr Erbe statt an einen CDU-Nachfolger an einen SPD-Mann übergeben müsste.

Für Laschet geht es um alles. Falls er es noch schafft, der Union wenigstens eine Option aufs Kanzleramt zu sichern, rechnen viele damit, dass er versuchen wird, sich am Dienstag zum Vorsitzenden der neuen Unionsfraktion wählen zu lassen. So könne er sich eine starke Position in möglichen Sondierungen und Koalitionsverhandlungen verschaffen, lautet die Kalkulation. Laschet dürfte versuchen, sich in eine Jamaika-Koalition mit Grünen und FDP zu retten. Ihm werden gute Kontakte zu FDP-Chef Christian Lindner und auch zu Spitzenpolitikern der Grünen nachgesagt.

Landet die Union mit größerem Abstand hinter den Sozialdemokraten, gilt es als ziemlich sicher, dass Laschet persönliche Konsequenzen ziehen und zurücktreten wird. Vielleicht nicht schon am Wahlabend, aber sehr bald, so heißt es. Die Serie seiner Überraschungserfolge wäre dann beendet. Wohl endgültig.

Annalena Baerbock und der geplatzte Traum vom Kanzleramt

Bei den Grünen wirkt das Bemühen, Aufbruchstimmung zu versprühen, inzwischen etwas verkrampft. Die historische Chance, der Union das Kanzleramt abzujagen oder zumindest einen respektablen zweiten Platz zu erzielen, ist offenbar verspielt. Mehr Klimaschutz sei geradezu lebensnotwendig, müsse aber die Bürgerinnen und Bürger nicht schmerzen – mit dieser Botschaft wollten die Grünen sich breitere Wählerschichten erschließen. Kein Klimakonzept ohne sozialen Ausgleich, das war die Linie.

Doch von der Pannenserie ihrer Kanzlerkandidatin erholte sich die Partei nicht mehr. Insbesondere das zunächst noch trotzig verteidigte Buch, in dem sich auffällig viele Textähnlichkeiten zu anderen Werken finden, dürfte Schaden angerichtet haben. Die Grünen versuchten, mit Konzeptpapieren und einer aufwendigen Wahlkampftour von Baerbock und Co-Parteichef Robert Habeck aus der Defensive zu kommen – vergeblich.

Zwar betont Baerbock weiterhin tapfer, das Ziel sei eine grün geführte Regierung. Das ist bei Umfragewerten von 15 bis 17 Prozent allerdings illusorisch. Immerhin, eine (Beinahe-)Verdoppelung des Ergebnisses von 8,9 Prozent bei der letzten Bundestagswahl scheint drin. Dass die Grünen Teil der nächsten Bundesregierung sein werden, ist hingegen wahrscheinlich – fragt sich nur, unter welcher Führung und mit welchen Partnern.

Erklärter Lieblingspartner der Grünen ist die SPD, die Union würden sie am liebsten auf die Oppositionsbank schicken. Da es mit der Linken große außenpolitische Differenzen gibt, wäre eine Ampel mit SPD und FDP aus Grünen-Sicht die nächstliegende Option. Aber auch ein Jamaika-Bündnis mit CDU/CSU und FDP hat Befürworter in der Ökopartei.

Christian Lindner als möglicher Königsmacher

Der Satz hängt ihm bis heute in den Kleidern: „Es ist besser nicht zu regieren als falsch zu regieren“ – mit diesen Worten ließ FDP-Chef Lindner nach der 2017er-Wahl die Jamaika-Sondierungen spektakulär platzen. Er drängte damit die Union in weitere vier Jahre ungeliebte große Koalition, was ihm dort zum Teil bis heute übel genommen wird. Lindner selbst verkauft dies nicht erst im Wahlkampf als Prinzipientreue. Die FDP habe eben gezeigt, dass es ihr nicht um Posten gehe, sondern um ihre Inhalte.

Dass er jetzt den Posten des Finanzministers haben will, der ihm vor vier Jahren verwehrt blieb, daraus macht Lindner keinen Hehl. Er betont aber weiter die Bedeutung des Inhaltlichen. Und so schoss er in der Schlussphase des Wahlkampfs auch gegen die Union, mit der er doch eigentlich regieren will. Lindner weiß: Jede Stimme, die er auf diese Weise noch zusätzlich holt, erhöht nach der Wahl sein Druckpotenzial. Jamaika, Ampel oder doch eine Deutschland-Koalition? Nach den Meinungsumfragen gibt es viele Möglichkeiten.

Ginge es allerdings mit der Regierungsbeteiligung erneut schief, hätte Lindner ein Problem. Dann dürften sich die parteiinternen Kritiker, die bisher in Deckung sind, daraus hervorwagen.

Die Linke und die Hoffnung aufs Mitregieren

Die Linke hat als Wahlziel zwar ein zweistelliges Ergebnis ausgegeben, liegt in den Umfragen aber mit sechs Prozent gefährlich nah an der Fünf-Prozent-Hürde. Dass seine Partei daran scheitert, ist für Spitzenkandidat Dietmar Bartsch jedoch „undenkbar“. Sie hat außerdem gute Chancen, wieder mehrere Direktmandate zu holen. Drei davon reichen, um die Fünf-Prozent-Hürde außer Kraft zu setzen und Sitze entsprechend des Zweitstimmenanteils zu bekommen.

Die Linke-Führung träumt von der ersten Regierungsbeteiligung im Bund gemeinsam mit SPD und Grünen. Sie rechnet fest mit einer Einladung zu Sondierungsgesprächen. Betont werden die thematischen Schnittmengen mit beiden Parteien vor allem im Sozialbereich. In einer Ampel mit der FDP könnten SPD und Grüne ihre Wahlversprechen nicht umsetzen, warnten die Linke-Wahlkämpfer.

Die AfD in der Isolation

Nach ihren ersten vier Jahren im Bundestag wird die AfD mit ziemlicher Sicherheit auch im neuen Parlament wieder vertreten sein. In den Umfragen bewegt sie sich bei 11 Prozent. 2017 war die Partei mit ihrer Anti-Asyl-Rhetorik aus dem Stand zweistellig ins Parlament eingezogen und mit 12,6 Prozent stärkste Oppositionspartei geworden. Bei der Oppositionsrolle wird es bleiben: Alle anderen Parteien haben eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen.

Thematisch blieb die Partei bei ihrem scharfen Anti-Migrations-Kurs. Sie positionierte sich zudem als Gegnerin der staatlichen Corona-Maßnahmen – konnte davon den Umfragen zufolge aber nicht profitieren. Im laufenden Jahr musste die AfD viele Federn lassen: Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt schnitt sie schlechter ab als fünf Jahre zuvor.