Potsdam - Es ist wohl eines der schwersten Verbrechen seit Jahrzehnten in Potsdam: In einem Wohnheim für behinderte Menschen in Potsdam sind vier Menschen getötet worden, eine fünfte Person wurde schwer verletzt. Die Polizei wurde auf die schreckliche Tat erst aufmerksam, als der Ehemann der verdächtigen Mitarbeiterin die Polizei alarmierte. Die 51-Jährige hatte ihm nach Informationen der Berliner Zeitung am Donnerstagabend von dem Verbrechen erzählt, als sie von der Arbeit nach Hause kam.

Ermittler der Mordkommission gehen von „schwerer, äußerer Gewaltanwendung“ als Todesursache aus. Bei den Opfern soll es sich um Bewohner der Einrichtung Thusnelda-von-Saldern-Haus des Oberlinhauses an der Rudolf-Breitscheid-Straße im Stadtteil Babelsberg handeln. Eine 51 Jahre alte Frau sei unter „dringendem Tatverdacht“ festgenommen worden, sagte ein Polizeisprecher.

Gegen sie hat die Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl wegen Totschlag beantragt. „Mordmerkmale liegen nicht vor“, sagte die Sprecherin der Potsdamer Staatsanwaltschaft, Hanna Urban, am Donnerstag der Nachrichtenagentur AFP. Die Sprecherin wollte zunächst keine näheren Angaben machen, warum die Staatsanwaltschaft keine Mordmerkmale sieht.

Opfer lagen in verschiedenen Krankenzimmern

„In verschiedenen Krankenzimmern einer Station wurden insgesamt vier Menschen mit tödlichen Verletzungen und eine weitere schwer verletzte Person aufgefunden“, teilte Heiko Schmidt, Polizeihauptkommissar der Polizeidirektion West mit. Die Verletzungen aller Opfer sind nach bisherigen Erkenntnissen auf „schwere, äußere Gewaltanwendung zurückzuführen“. Nach Informationen der Bild-Zeitung soll es sich bei der Tatwaffe um ein Messer handeln. Bestätigen wollte dies die Polizei am Donnerstag zunächst nicht.

Morris Pudwell
Rettungskräfte der Feuerwehr in der Nacht zu Donnerstag im Einsatz in Potsdam. Eine schwer verletzte Person kam in ein Krankenhaus.

Die Mordkommission der Polizeidirektion West hat unter Leitung der Staatsanwaltschaft Potsdam die Ermittlungen zum Verdacht eines vorsätzlichen Tötungsdelikts übernommen. In der Nacht begannen die Ermittler mit „umfangreichen Spurensicherungen“. Auch Rechtsmediziner und Staatsanwaltschaft waren vor Ort.

Die Beschuldigte soll eingeschränkt oder vollständig schuldunfähig sein

Polizisten waren am Mittwochabend gegen 21.30 Uhr Uhr auf das Areal des Oberlinhauses gerufen worden. Eine „dringend tatverdächtige 51-jährige Mitarbeiterin des Krankenhauses“ wurde vorläufig festgenommen, bestätigte der Sprecher. Sie wurde anschließend in eine Psychiatrie eingewiesen. Die Haftrichterin habe die einstweilige Unterbringung der Bediensteten des Wohnheims im Maßregelvollzug der Asklepios-Klinik in Brandenburg a. d. Havel angeordnet, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Wilfried Lehmann am Donnerstag. Die Richterin habe dringende Gründe für eine eingeschränkte oder vollständige Schuldunfähigkeit der Beschuldigten erkannt. Zunächst hatte es geheißen, die Einweisung in die Psychiatrie sei nicht beantragt worden.

Die Verständigung der Angehörigen der Opfer werde durch die Polizei durchgeführt. Bis zur „Beendigung der Angehörigenverständigungen werden weitere Angaben zu den getöteten Personen und zu weiteren Tatumständen nicht veröffentlicht“, so der Leiter der Pressestelle der Polizeidirektion West. Die vier Todesopfer sind Bewohner in der diakonischen Einrichtung. Zwei von ihnen hätten dort seit ihrer Kindheit gelebt, sagte Tina Mäueler, Bereichsleiterin Wohnen in den Oberlin Lebenswelten.

Zu dem Komplex, auf dem sich die Tat ereignete, gehören neben einer Klinik Kitas und Schulen, Arbeitsplätze und Wohnbereiche für Menschen mit Behinderung und Beratungsstellen. Der Verein Oberlinhaus, auf dessen Komplex sich die Tat ereignete, beschreibt sich auf seiner Website als diakonisches „Kompetenzzentrum für Teilhabe, Gesundheit, Bildung und Arbeit in der Region Berlin-Brandenburg“.

Die Mitarbeiter der diakonischen Einrichtung stehen unter Schock. Es sei eine so große Erschütterung, „das hat uns schon die Beine weggehauen“, sagte der Theologische Vorstand des Oberlinhauses, Matthias Fichtmüller, am Donnerstag. Am Abend fand eine Gedenkandacht in der Oberlinkirche statt. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD), Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne), Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) und der Landesbischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Christian Stäblein, legten vor dem Wohnheim Blumen nieder und verharrten dort in einer Schweigeminute.