Paris: Drei Tote bei Schüssen – Krawalle am Tatort

In der Pariser Innenstadt fallen Schüsse. Drei Menschen sterben, drei werden verletzt. Die Polizei nimmt einen Mann fest. Hatte er ein rassistisches Motiv?

Die Polizei hat den Tatort abgesperrt.
Die Polizei hat den Tatort abgesperrt.Imago/SNA

Ein fremdenfeindlicher Mehrfachmord hat Paris am Tag vor Heiligabend erschüttert. Ein zuvor wegen rassistischer Gewalt angeklagter Franzose erschoss in der Nähe eines Kurdenzentrums drei Menschen und verletzt drei weitere. Einer von ihnen schwebe in Lebensgefahr, teilte die Staatsanwaltschaft am Freitag mit. Der Täter habe „offensichtlich Ausländer angreifen wollen“, sagte Innenminister Gérald Darmanin am Tatort.

Nach Angaben einer kurdischen Vereinigung in Frankreich handelt es sich bei den Toten um kurdische Aktivisten, unter ihnen eine junge Frau und ein Musiker. 

Innenminister: Genaues Motiv noch unbekannt

Darmanin erwähnte die zeitliche Nähe der Tat zum zehnten Jahrestag eines Dreifachmordes an kurdischen Aktivistinnen. Er betonte aber, dass das genaue Motiv des Täters nicht bekannt sei. Es sei auch noch offen, ob der Mann Verbindungen zur ultrarechten Szene habe.

„Im Moment, in dem ich spreche, kann ich nicht sagen, dass er für rechtsextreme Taten bekannt war, auch wenn der Befund und die Vorgehensweise uns das in den kommenden Stunden natürlich besonders prüfen lassen werden.“ Der Mann habe alleine gehandelt und habe als Sportschütze über etliche Waffen verfügt, sagte Darmanin.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schrieb auf Twitter: „Die Kurden in Frankreich waren das Ziel eines niederträchtigen Angriffs mitten in Paris.“

Mutmaßlicher Täter soll zuvor schon zwei Migranten mit Säbel verletzt haben

Nach Informationen der Staatsanwaltschaft handelt es sich bei dem mutmaßlichen Täter um einen 69 Jahre alten Franzosen, einen ehemaligen Lokführer. Er soll vor etwa einem Jahr in Paris zwei Migranten mit einem Säbel verletzt und Zelte zerschnitten haben. Er war deswegen in Untersuchungshaft, aus der er erst vor elf Tagen entlassen worden war. Auf der Gefährderliste des Inlandsgeheimdienstes stehe er nicht.

Der Mann wurde am Tatort in Polizeigewahrsam genommen und leicht verletzt in ein Krankenhaus gebracht. „Die möglichen rassistischen Motive des Täters werden Gegenstand der Ermittlungen sein“, sagte Staatsanwältin Laure Beccuau.

Der Tatort liegt im zehnten Pariser Arrondissement.
Der Tatort liegt im zehnten Pariser Arrondissement.AP/Lewis Joly

Paris: Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Mordes und schwerer Gewalt

Die Schüsse wurden in einer kleinen Straße im 10. Arrondissement abgefeuert. „Wir haben einen alten weißen Mann gesehen, der in das Kurdenzentrum ging und dort feuerte“, sagte Romain, Chef eines nahe gelegenen Restaurants. Der Mann sei danach in den benachbarten Frisörsalon gegangen. „Wir haben uns mit den Angestellten im Restaurant in Sicherheit gebracht“, sagte er.

„Ich habe zwei Polizisten in einen Frisörsalon gehen sehen, wo zwei Menschen am Boden lagen, sie waren an den Beinen verletzt“, sagte ein Anwohner. „Es gab sieben oder acht Schüsse, es herrscht Panik“, sagte eine Augenzeugin der Nachrichtenagentur AFP.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Mordes und schwerer Gewalt. Zuständig ist die Kriminalitätsbrigade der Justizpolizei, nicht die Terrorstaatsanwaltschaft, die sich zunächst auch zum Tatort begeben hatte.

Pariser Bürgermeisterin: Schüsse waren Tat eines rechtsextremen Aktivisten

Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo schrieb am Freitag auf Twitter: „Die kurdische Gemeinschaft und durch sie alle Pariser wurden durch diese Morde, die von einem rechtsextremen Aktivisten begangen wurden, ins Visier genommen“. Und weiter: „Die Kurden, wo auch immer sie leben, müssen in Frieden und Sicherheit leben können. Mehr denn je steht Paris in diesen dunklen Stunden an ihrer Seite.“

Hidalgo kündigte per Twitter an, eine psychologische Beratungsstelle für Betroffene im Rathaus des 10. Arrondissements einzurichten.

Krawalle am Tatort in Paris: Kurden attackieren Polizisten

Am Nachmittag kam es am Tatort zu Krawallen. Wie Medien berichteten, skandierten Personengruppen Parolen gegen die Türkei und attackierten Polizisten.

Es handele sich um Mitglieder der kurdischen Gemeinde, hieß es von Reportern von Flash Info, die Gegenstände auf die Beamten werfen. Die Polizei setze Tränengas ein.

Der demokratische kurdische Rat in Frankreich (CDK-F), ein Dachverband von 24 kurdischen Vereinen hatte zuvor zu einer Protestversammlung am Ort des Angriffs aufgerufen. Außerdem solle in dem kurdischen Zentrum selber eine Nachtwache für die Opfer abgehalten werden.

Die Organisation sprach von einer „terroristischen Attacke“, zu der es nach zahlreichen türkischen Drohungen gekommen sei. Die Türkei bekämpft seit langem kurdische Unabhängigkeitsbestrebungen, die von der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und weiteren kurdischen Organisationen vorangetrieben werden.

Das in Berlin ansässige Kurdische Zentrum für Öffentlichkeitsarbeit, das nach eigenen Angaben Kontakt zu dem Pariser Kurdenzentrum hat, erklärte, in Paris gehe man von einem „gezielten Angriff auf die kurdische Community“ aus.

Élisabeth Borne: „Widerliche Tat“

Frankreich will kurdische Treffpunkte nun schützen. Landesweit sollten durchgehend Wachen an Versammlungsorten der kurdischen Gemeinde aufgestellt werden, sagte Darmanin. Auch türkische diplomatische Vertretungen im Land sollten geschützt werden, um Gegenangriffe zu verhindern.

Frankreichs Premierministerin Élisabeth Borne wertete die Attacke am Freitag auf Twitter als „widerliche Tat“. Den Opfern und ihren Angehörigen sprach sie ihre Unterstützung aus. Für Opfer und Zeugen des blutigen Angriffs richtete die Stadt im Rathaus des zehnten Arrondissements einen psychologischen Dienst ein. 

Auch Deutschlands Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) drückte ihr Mitgefühl aus. „Hass darf niemals gewinnen“, schrieb sie auf Twitter unter dem Hashtag #Paris.

Auch in Deutschland gab es am Freitagabend Demonstrationen von Kurden. So gingen unter anderem in Frankfurt am Main Kurden aus Protest auf die Straße.