Ein Teilnehmer der Kundgebung stellt vor dem neu errichteten Denkmal auf dem Oranienplatz eine Kerze ab. 
Foto: Eric Richard

BerlinGenau vier Jahre ist es her, dass die Berliner Polizei Hussam Fadl erschoss. Da der Fall bis heute nicht aufgeklärt ist, forderten am Sonntag rund 70 Teilnehmer bei einer Kundgebung auf dem Oranienplatz Gerechtigkeit für den Iraker. Der junge Mann, vermutlich 1987 geboren, war am 27. September 2016 vor der Flüchtlingsunterkunft in der Kruppstraße in Moabit unter tragischen Umständen ums Leben gekommen. Hussam Fadl geriet zwischen die Linien eines verdächtigen Sexualstraftäters und der Beamten, die ihn gerade festnahmen. 

Die Demonstranten, die sich gegen 15 Uhr auf dem Oranienplatz trafen, sind davon überzeugt, dass Fadl Opfer von rassistischer Polizeigewalt wurde. Viele der Leute, die gekommen waren, legten Blumen vor einem Denkmal für Fadl ab, das von Unbekannten spontan in der Nacht zu Sonnabend errichtet worden war. Die Anwesenden zeigten offen ihre Trauer - aber auch ihre Wut und Verwunderung über die Ermittlungsarbeit. Denn noch immer wirft der Tod des Flüchtlings viele Fragen auf. Nach Angaben der damals eingesetzten Polizisten sei es Notwehr gewesen, auf den Mann zuschießen. Doch später tauchten immer wieder Zweifel an der Darstellung der Beamten auf. „Wir fordern endlich eine Anklage. Es kann nicht sein, dass es keine Konsequenzen für die Polizisten gab und der Fall noch immer nicht aufgeklärt ist“, sagte ein Teilnehmer der Kundgebung der Berliner Zeitung. 

Vier Schüsse in den Rücken

Am Tatabend war die Polizei an die Kruppstraße alarmiert worden, weil es den Verdacht eines sexuellen Missbrauchs gegeben hatte. Ein pakistanischer Asylbewerber hatte sich an der sechsjährigen Tochter von Fadl vergangen, die Tat hatte er später vor Gericht gestanden. Wachmänner überraschten ihn und rissen den Mann von dem Mädchen weg. Als der Verdächtige gefesselt im Polizeifahrzeug saß, lief Fadl aufgebracht auf den Wagen zu. Daraufhin sollen Polizisten von hinten vier Schüsse auf ihn abgefeuert haben. Fadl starb kurz darauf im Krankenhaus. Zeugen sollen aus der Menge heraus gerufen haben, dass Fadl ein Messer in der Hand hielt. Laut Aussagen der Beamten, die ihn sehen konnten, war dies aber nicht der Fall. Auf einem Messer, das beim Tatort gefunden wurde, waren zudem keine Fingerabdrücke von ihm zu finden. 

Auf der Kundgebung am Oranienplatz war der Tenor eindeutig. Die Ermittlungen seien bewusst verschleppt worden, um die Polizei zu schützen. Immerhin habe die Justiz den verurteilten Sexualstraftäter, einen möglichen Zeugen, vor zwei Jahren abgeschoben, hieß es. Bis heute ist tatsächlich nicht nachgewiesen, ob Fadl während des Tathergangs ein Messer bei sich trug. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft hatte den Fall 2017 mit Verweis auf Notwehr zunächst eingestellt, nach einem Antrag des Berliner Kammergerichts allerdings wieder aufgenommen. Viel Bewegung kam bisher nicht in die Ermittlungen, weshalb die „Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt“ zu der Kundgebung aufgerufen hatte.