Warschau - Ein polnisches Berufungsgericht hat ein umstrittenes Urteil gegen zwei renommierte Holocaust-Forscher aufgehoben. Ein Gerichtssaal sei „nicht der richtige Ort für eine historische Debatte“, sagte die Richterin Joanna Wisniewska-Sadomska, nachdem sie die Verurteilung von Barbara Engelking und Jan Grabowski wegen Verleumdung am Montag für ungültig erklärt hatte.

Engelking und Grabowski waren von den Nachfahren eines Dorfbürgermeisters verklagt worden. Im Februar wurden sie in erster Instanz wegen Verleumdung verurteilt. Das Gericht wies die beiden Wissenschaftler an, sich bei der Klägerin zu entschuldigen.

Engelking und Grabowski hatten das Buch „Und immer noch ist Nacht“ herausgegeben, in dem mehrere Fälle von Mittäterschaft katholischer Polen an der Ermordung von Juden während der deutschen Besatzung dokumentiert werden. In einer kurzen Passage wird erwähnt, dass der Ortsvorsteher des Dorfes Malinowo möglicherweise in ein Massaker an 22 Juden durch deutsche Soldaten verwickelt gewesen sei.

Gedenken an Verwandten durch „Angabe ungenauer Informationen“ verletzt

Die Nichte von Edward Malinowski hatte daraufhin eine Verleumdungsklage gegen die Verfasser angestrengt. Das Gericht verhängte zwar nicht die geforderte Entschädigung, verlangte aber eine Entschuldigung von den Forschern, da die beanstandete Passage „ungenau“ sei.

Die Berufungsrichterin hob dieses Urteil nun auf, ohne auf die Richtigkeit der Passage einzugehen. Sie erklärte stattdessen, die Verurteilung der beiden Forscher sei eine „unzulässiger Verstoß gegen die Freiheit der Forschung und die Meinungsfreiheit“.

Scharfe Kritik kam auch von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem 

Das Verfahren hatte in Polen eine heftige Debatte über die Freiheit der Forschung im Zusammenhang mit der Erforschung der polnischen Geschichte während des Zweiten Weltkriegs und der Besatzung durch Nazi-Deutschland ausgelöst. Scharfe Kritik kam auch aus dem Ausland, unter anderem von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel und von Wissenschaftlern.

Zwischen 1939 und 1945 starben sechs Millionen Polen unter deutscher Besatzung, drei Millionen von ihnen waren Juden.

Die Haltung der Polen gegenüber ihren jüdischen Nachbarn war nicht einheitlich. Historiker beschreiben zum einen Fälle von Gleichgültigkeit und manchmal Grausamkeit gegenüber Juden, andererseits wurden mehr als 7000 Polen von der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt, weil sie Juden das Leben retteten. Mehr „Gerechte unter den Völkern“ zählt kein anderes Land der Welt.