Der auf dem Papier niedrige R-Wert, eine Art Ansteckungsindikator in der Corona-Pandemie, wird von Experten nicht als Anzeichen für eine Entspannung bewertet. Stattdessen könnte der Wert, der am Mittwoch erstmals seit längerem vom Robert Koch-Institut (RKI) mit unter 1 angegeben wurde, auch als Folge von Engpässen beim Testen und Melden sinken.

Die Reproduktionszahl – kurz R-Wert – soll eigentlich angeben, wie viele weitere Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt. Der vom RKI am Mittwochmorgen mit 0,98 angegebene R-Wert würde also bedeuten, dass 100 Infizierte rechnerisch 98 weitere Menschen anstecken. Damit würden die Fallzahlen sinken.

R-Wert spiegelt auch Testkapazitäten wieder

Allerdings ist zu beachten, dass sich der R-Wert grob gesagt aus der Entwicklung der offiziell gemeldeten Fallzahlen errechnet. Im Moment gehen Experten und auch das RKI aber davon aus, dass diese offizielle Zahl die tatsächliche Entwicklung der Ansteckungen in Deutschland nur unvollständig erfasst, weil das Test- und Meldesystem überlastet ist.

So schreibt eine RKI-Sprecherin auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur: „Das Verhalten des R-Wertes spiegelt nicht nur den Verlauf der Welle wider, sondern auch die Verfügbarkeit von Testkapazitäten und die Überlastungssituation in den Gesundheitsämtern.“ Es könne jedoch nicht bestimmt werden, wie groß die Rolle der beiden Effekte ist. Zudem sei der R-Wert von 0,98 eine Momentaufnahme, schreibt die RKI-Sprecherin. „Tageswerte sollten generell nicht überbewertet werden.“

Die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung teilte auf dpa-Anfrage mit, dass aus ihrer Sicht das überlastete Test- und Meldesystem für den niedrigen R-Wert verantwortlich ist.

Der Corona-Modellierer Kai Nagel von der Technischen Universität Berlin hält einen R-Wert von unter 1 für „nicht plausibel“, wie er auf dpa-Anfrage schreibt. Denn bislang steige die sogenannte 7-Tage-Inzidenz, deshalb sei laut Nagel auch ein R-Wert von über 1 zu erwarten. Doch auch sinkenden Inzidenzen würde er momentan skeptisch gegenüberstehen, schreibt Nagel. Denn viele Infektionen würden aufgrund von Priorisierungen bei PCR-Tests nicht mehr erfasst.