Nato sieht keinen „Angriff“ auf Polen, geht von ukrainischer Flugabwehrrakete aus

+++ Das Geschoss sowjetischer Bauart ist laut den USA Bestandteil der ukrainischen Flugabwehr +++ Polen und Nato gehen nicht von gezieltem Angriff aus +++ Die News im Überblick +++

Dieses Foto bringt Radio Zet, es soll vom Einschlag russischer Raketen stammen. 
Dieses Foto bringt Radio Zet, es soll vom Einschlag russischer Raketen stammen. Radio Zet
DAS WICHTIGSTE IM ÜBERBLICK
  • Im polnischen Ort Przewodow nahe der Grenze zur Ukraine sind bei einer Explosion auf einem landwirtschaftlichen Betrieb zwei Menschen gestorben.
  • US-Präsident Joe Biden sagt, es handele sich um eine ukrainische Luftabwehrrakete. Die Ukraine bestreitet das.
  • Der polnische Präsident Andrzej Duda sagte, dass „nichts auf einen gezielten Angriff auf Polen hindeutet“.
  • Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg: Hinweise, dass es sich um ukrainische Flugabwehrrakete handelte.
  • Moskau weist die Berichte zurück und nennt sie „gezielte Provokation“.
  • Polen überreicht Russlands Botschafter eine diplomatische Note.
  • Einheiten der polnischen Armee wurden in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt.
Karte zeigt Ort der Explosion in Polen nahe der ukrainischen Grenze.
Karte zeigt Ort der Explosion in Polen nahe der ukrainischen Grenze.dpa/A. Brühl

Mittwoch, 16. November

Nato-Generalsekretär: Ukraine für Flugabwehrrakete „nicht schuld“

„Nichts deutet darauf hin, dass es um einen gezielten Angriff handelte oder dass Russland sich auf Militäraktion gegen Nato vorbereitet“, sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg während einer Pressekonferenz nach einem Treffen der Nato-Staaten. Obwohl die Untersuchung weitergeht, handele es sich wahrscheinlich um eine ukrainische Luftabwehrrakete, die versehentlich in Polen eingeschlagen ist. Das sei aber „nicht Schuld der Ukraine“. Russland müsse diesen „sinnlosen Krieg“ beenden, so Stoltenberg.

Analyse von Alexander Dubowy: „Es war nur eine Frage der Zeit“

Der Osteuropa-Spezialist Alexander Dubowy, Mitarbeiter der Berliner Zeitung, schätzt die Situation folgendermaßen ein: „Diese Art von Vorfall war nur eine Frage der Zeit. Denn russische Raketenangriffe nahe der Nato-Grenzen birgen ernsthafte Eskalationsgefahr; insofern ist Russland zumindest mit verantwortlich. Bei den gestrigen Ereignissen dürfte es sich aber nicht um einen absichtlichen russischen Angriff handeln, sondern um einen durch ukrainische S-300-Flugabwehrraketen ausgelösten Zwischenfall. Dies hat auch US-Präsident Joe Biden heute gesagt und damit den sich anbahnenden Konflikt vorsorglich deeskaliert. Finnlands Außenminister hat gar von mehreren potentiellen Abschussorten gesprochen. Auch Polens Staatspräsident sprach lediglich von einer Rakete aus russischer Produktion. Die ukrainischen S-300-Flugabwehrraketen sind nämlich aus sowjetischer Produktion.

Das Fazit von Alexander Dubowy: „Einem unmittelbaren Konflikt zwischen der Nato und Russland sind wir nicht näher gekommen. Eine gewisse und gar nicht geringe Eskalationsgefahr besteht freilich nach wie vor. Es steht zu hoffen, dass durch den gestrigen Zwischenfall nunmehr größere Vorsicht geübt wird. Letztere ist aber unwahrscheinlich, wenn Russland auch Ziele im Westen der Ukraine angreift.“

Wie kann man die harten Angriffe Russlands auf die Ukraine mit Waffenstillstandverhandlungen zusammenbringen, über die man in den vergangenen Tagen spekuliert hat?

Dubowy dazu: „Russland erhöht den Druck auf Kiew und indirekt auf den Westen. Angriffe auf zivile kritische Infrastruktur werden zu einer verstärkten Fluchtbewegung in die EU führen und damit die bestehenden Probleme vertiefen. Insofern sollen die harten Angriffe die Ukraine zu Verhandlungen zwingen.“

Polens Präsident Duda: „Nichts deutet auf einen gezielten Angriff hin“

Polens Präsident Andrzej Duda geht nicht von einem gezielten Angriff aus. „Nichts deutet auf einen gezielten Angriff auf Polen hin. Höchstwahrscheinlich handelte es sich um eine in Russland hergestellte S-300-Rakete“, schrieb er auf Twitter. „Wir haben derzeit keinen Beweis dafür, dass es sich um eine von russischer Seite abgefeuerte Rakete handelt. Vieles deutet darauf hin, dass es sich um eine Flugabwehrrakete handelte, die unglücklicherweise auf polnisches Gebiet eingeschlagen ist.“

Polen überreicht Russlands Botschafter diplomatische Note

Nach dem tödlichen Raketeneinschlag in Polens Grenzgebiet zur Ukraine hat Polens Außenminister Zbigniew Rau den russischen Botschafter einbestellt und ihm eine diplomatische Note überreicht. Botschafter Sergej Andrejew sei am Dienstag kurz vor Mitternacht im Außenministerium gewesen, sagte ein Sprecher des Ministeriums am Mittwoch in Warschau. „Es war ein sehr kurzes Gespräch ohne jegliche Höflichkeit, nicht einmal ein Händedruck wurde ausgetauscht. Es dauerte vier Minuten.

Macron spricht von zwei Einschlägen auf polnischem Boden

Bei dem tödlichen Zwischenfall im Osten Polens nahe der Grenze zur Ukraine sind nach Angaben von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am Dienstag zwei Raketen eingeschlagen. Zum Abschluss des G20-Gipfels auf Bali sagte Macron am Mittwoch: „Es sind zwei Geschosse auf polnischem Boden niedergegangen.“ Bislang war in den meisten Berichten nur von einer einzigen Rakete die Rede. Bei dem Einschlag kamen auf dem Gelände eines Bauernhofs zwei Menschen ums Leben.

Auf die Frage, von wem die Raketen abgefeuert worden seien, antwortete Macron, dies sei derzeit noch Gegenstand von Untersuchungen. „Heute können wir das nicht zuordnen. Wir müssen sehr vorsichtig bleiben.“

Russlands Ex-Präsident Medwedew: Der Westen erhöht Gefahr eines Dritten Weltkriegs

Russlands Ex-Präsident Dmitri Medwedew bezeichnet Raketeneinschlag in Polen als westliche Provokation und warnt vor einem Dritten Weltkrieg. „Die Geschichte mit den ukrainischen ‚Raketenschlägen‘ auf eine polnische Farm beweist nur eins: Der Westen erhöht durch seinen hybriden Krieg gegen Russland die Wahrscheinlichkeit für den Beginn des Dritten Weltkriegs“, schreibt er auf Twitter.

Britischer Premierminister Sunak: Russland grundsätzlich verantwortlich

Der britische Premierminister Rishi Sunak gibt Russland die grundsätzliche Schuld am Einschlag einer Rakete. „Das Wichtigste ist, anzuerkennen, warum die Ukraine Raketen einsetzen muss, um ihr Heimatland zu verteidigen“, so Sunak am Rande des G20-Gipfels zu Berichten, wonach es sich um eine ukrainische Flugabwehrrakete gehandelt haben könnte. „Es muss sein Heimatland gegen eine illegale und barbarische Angriffsserie Russlands verteidigen.“

Polens Armee: Raketentreffer konnte nicht verhindert werden

Der tödliche Raketentreffer in Polens Grenzgebiet zur Ukraine konnte nach Darstellung des polnischen Generalstabs von der Raketenabwehr des Nato-Landes nicht verhindert werden. Die Aufgabe der Systeme bestehe darin, kritische Infrastrukturen zu schützen, teilte die Armeeführung am Mittwoch per Twitter mit. „Keine Armee verfügt über ein Luftabwehrsystem, das das gesamte Territorium eines Landes schützt. Ein Raketenangriff zeichnet sich dadurch aus, dass ein ausgewähltes Ziel punktgenau getroffen wird und nicht mehrere Ziele über große Gebiete hinweg zerstört werden.“

Krisentreffen der Nato-Partner um 10 Uhr

Nach Informationen des Spiegel werden die Botschafter der Nato-Partner ab 10 Uhr im sogenannten Nordatlantikrat die neuesten Erkenntnisse und mögliche Reaktionen des Bündnisses auf den Vorfall beraten. Danach kommt auch das Militär-Komitee des Bündnisses zusammen.

Aufgrund des Artikels 4 kann jedes Nato-Mitglied die anderen Mitglieder zu Konsultationen zusammenrufen, dies hatte Polen am Dienstagabend getan.

Russia Today: Polnische oder britische Provokation

Die russische Propagandistin und Chefredakteurin der englischsprachigen Ausgabe von Russia Today, Margarita Simonjan, kommentierte den Raketenangriff auf Przewodowo auf Telegram. Ihrer Ansicht nach handelte es sich wahrscheinlich um eine „polnische oder britische Provokation“, und die Wahrscheinlichkeit, dass eine russische Rakete „so weit vom Kurs abweicht“, sei so hoch wie die Wahrscheinlichkeit, „einen lebenden Dinosaurier zu treffen“.

Französische Experten: Moskau wird nie eine Schuld eingestehen

Die linksliberale polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza schreibt: „Nach Ansicht französischer Experten wird Moskau niemals seine Schuld zugeben, aber die Explosion in Przewodowo ist ein monumentaler Fehler Putins.

Recep Tayyip Erdoğan: Russland hat mit dem Raketenangriff nichts zu tun

Am Mittwochmorgen hat sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan zum Raketeneinschlag in Polen geäußert. „Ich respektiere die Position Russlands, dass es keine Raketen auf Polen abgefeuert hat“, sagte der türkische Präsident und fügte hinzu, dass Moskau seiner Meinung nach „nichts damit zu tun hat“.

Gazeta Wyborcza: Ein historisch einmaliges Ereignis

Der Journalist Bartosz T. Wielinski von der linksliberalen polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza stellt den Raketeneinschlag auf polnisches Territorium in einen Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Er schreibt: „Wir wissen noch nicht genau, was in Przewodowo passiert ist. Das polnische Außenministerium schrieb jedoch, dass es sich um eine Rakete aus russischer Produktion handelte, und forderte den russischen Botschafter auf, eine Erklärung abzugeben. Dies alles ist an dem Tag geschehen, an dem Russland die größte Raketensalve auf die Ukraine seit dem Beginn der Aggression am 24. Februar abfeuerte. Die Tragödie in der Region Lublin steht in direktem Zusammenhang damit.“

Dann heißt es weiter: „Die gegen die Ukraine abgefeuerten russischen Raketen – moderne Kaliber und Iskander oder 50 Jahre alte Ch-55-Schiffsabwehrraketen – haben sich als sehr ungenaue Waffen erwiesen. Die Raketen könnten von ihrer programmierten Route abgewichen und von der ukrainischen Flugabwehr beschädigt worden sein.“

Die Analyse müsse die Ursache des Angriff beweisen, so der Autor. „Sollte sich herausstellen, dass Raketen des ukrainischen S-300-Raketenabwehrsystems in Przewodowo abgestürzt sind, bedeutet dies keineswegs, dass Russland nicht für die Tragödie verantwortlich ist. Tatsächlich haben die Ukrainer ihre Raketen zur Verteidigung gegen russische Luftangriffe abgefeuert. Russland, das mit einer besonderen Intensität gegen Ziele in der Nähe der polnischen Grenze vorgegangen ist, muss davon ausgegangen sein, dass der Angriff auch Opfer im Nato-Gebiet fordern würde.“

Ukrainischer Außenminister Kuleba: Es war keine Flugabwehrrakete

Die ukrainische Regierung hält dagegen und bekräftigt, dass der Raketeneinschlag in Polen mit zwei Todesopfern nicht auf ein Luftabwehrgeschoss der Ukraine zurückgeht. Damit widerspricht die Regierung in Kiew der Deutung ihres wichtigsten Verbündeten, den USA. Er habe mit US-Außenminister Antony Blinken telefoniert, schreibt Außenminister Dmytro Kuleba.

Hinweise auf ukrainische Flugabwehrrakete

Nach dem tödlichen Raketentreffer im Osten Polens gibt es Hinweise darauf, dass es sich bei dem Geschoss um eine Flugabwehrrakete aus der Ukraine handelt. Das teilte US-Präsident Joe Biden am Mittwoch nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur bei einem Treffen mit anderen Staats- und Regierungschefs von Nato- und G7-Staaten auf Bali mit. Er soll demnach von einer Rakete des Systems S-300 gesprochen haben. Das System sowjetischer Bauart ist wesentlicher Bestandteil der ukrainischen Flugabwehr.

Von mehreren Seiten hieß es nach dem Treffen, Moskau trage mit seinem Beschuss der Ukraine die Verantwortung für den Vorfall in Polen. Dies gelte selbst dann, wenn es sich tatsächlich um eine ukrainische Abwehrrakete gehandelt haben sollte.

Biden hatte nach dem Krisentreffen öffentlich erklärt, die in Polen nahe der ukrainischen Grenze eingeschlagene Rakete sei wahrscheinlich nicht von Russland aus abgefeuert worden. Es gebe entsprechende Informationen über die Flugbahn, die dem entgegenstünden. „Ich werde sicherstellen, dass wir ganz genau herausfinden, was passiert ist“, ergänzte er.

Die New York Times schreibt: „Am Rande des Treffens der G20 in Indonesien sagte Präsident Biden, dass vorläufige Informationen darauf hindeuteten, dass die Rakete nicht von Russland aus abgefeuert worden sei, ohne darauf einzugehen, ob sie von russischen Truppen in der Ukraine oder vom Schwarzen Meer aus abgefeuert worden sein könnte. Auf die Frage eines Reporters antwortete er:‚ Ich möchte das nicht sagen, bevor wir nicht alles untersucht haben‘, aber die Flugbahn der Rakete mache es unwahrscheinlich, ‚dass sie von Russland aus abgefeuert wurde‘.“

Die russische Regierung bestritt, Ziele im ukrainisch-polnischen Grenzgebiet beschossen zu haben und sprach von einer gezielten Provokation.

Olaf Scholz: Raketeneinschlag in Polen „sorgfältig aufklären“

Bundeskanzler Olaf Scholz hat sich für intensive Untersuchungen ausgesprochen. „Es ist jetzt notwendig, dass sorgfältig aufgeklärt wird, wie es dazu gekommen ist, dass diese Zerstörung dort angerichtet werden konnte“, sagte er am Mittwoch nach einer Krisensitzung der auf dem G20-Gipfel in Indonesien anwesenden G7- und Nato-Staaten.

Kiew fordert harte Reaktion

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba hat eine harte und „prinzipienfeste“ Reaktion gefordert. Das habe er bei einem Telefonat mit US-Außenminister Antony Blinken deutlich gemacht, teilte Kuleba am Mittwoch im Kurznachrichtendienst Twitter mit. Demnach verurteilte er „Russlands Raketenterror“.

Polen bestätigt Einschlag von Rakete aus russischer Produktion

Die polnische Regierung hat den Einschlag einer Rakete aus russischer Produktion auf polnischem Staatsgebiet bestätigt. Der Einschlag des Geschosses geschah demnach um 15.45 Uhr in dem Dorf Przewodow nahe der Grenze zur Ukraine, erklärte ein Sprecher des Außenministeriums in der Nacht zum Mittwoch. Der russische Botschafter in Warschau sei einbestellt worden, um „sofort detaillierte Erklärungen“ für den Vorfall zu liefern. Der polnische Präsident Andrzej Duda sagte, es gebe noch keine gesicherten Erkenntnisse zur Frage, wer für den Raketeneinschlag verantwortlich sei.

Biden: Abschuss der Rakete aus Russland ist unwahrscheinlich

Die eingeschlagene Rakete ist nach Angaben von US-Präsident Joe Biden wahrscheinlich nicht von Russland aus abgefeuert worden. Es gebe entsprechende Informationen über die Flugbahn, die dem entgegenstünden, sagte Biden am Mittwochmorgen (Ortszeit) auf der indonesischen Insel Bali. Der US-Präsident betonte aber, dass die Untersuchung noch nicht abgeschlossen sei.

Zuvor hatte Biden am Rande des G20-Gipfels zu einem Krisentreffen geladen. Daran nahmen die Staats- und Regierungschefs der sieben großen westlichen Demokratien (G7) teil. Am Tisch saßen Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzler Olaf Scholz sowie die Regierungschefs aus Großbritannien, Italien, Kanada und Japan.

Regierungschef Morawiecki ruft alle Polen zur Ruhe auf

Der polnische Regierungschef Mateusz Morawiecki hat seine Landsleute nach dem Einschlag einer Rakete in einem Dorf nahe der ukrainischen Grenze zur Ruhe aufgerufen. „Ich rufe alle Polen auf, angesichts dieser Tragödie ruhig zu bleiben“, sagte Morawiecki am frühen Mittwochmorgen nach einer Krisensitzung seines Kabinetts in Warschau. „Wir müssen Zurückhaltung und Umsicht walten lassen.“

Bundeskanzler Scholz: Deutschland steht eng an der Seite Polens

Bundeskanzler Scholz hat Polen die Unterstützung Deutschlands zugesichert. Scholz habe dem polnischen Präsidenten Andrzej Duda in einem Telefonat sein Beileid ausgesprochen, schrieb Regierungssprecher Steffen Hebestreit in der Nacht zum Mittwoch im Onlinedienst Twitter. Deutschland stehe „eng an der Seite unseres Nato-Partners Polen“.

Auch US-Präsident Biden telefonierte mit Duda. Es sei vereinbart worden, dass die beiden Präsidenten und ihre Berater in Kontakt bleiben, „um die nächsten Schritte festzulegen“, teilte das Weiße Haus mit. Biden habe zudem ein Telefonat mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg geführt. Für Mittwoch ist eine Dringlichkeitssitzung der Nato-Botschafter in Brüssel angesetzt.

Dienstag, 15. November

Krisensitzung soll die Lage deeskalieren, Nato-Botschafter treffen sich

Die Krisensitzung der polnischen Regierung scheint auf Deeskalation er Lage ausgerichtet zu sein. Der polnische Regierungssprecher Piotr Mueller sagte nach dem Treffen, Polen habe zugestimmt, „seine militärische Bereitschaft zu erhöhen“ . Er räumte ein, es sei nicht „klar, was die Explosion in der südöstlichen Stadt Hrubieszów verursacht hat“. Russland hat vehement bestritten, hinter den Explosionen zu stehen, bei denen zwei Menschen ums Leben kamen.

Anstelle von Artikel 5 spricht Warschau nun davon, dem Artikel 4 des Nato-Vertrags zu aktivieren. Die Nato-Botschafter treffen sich am Mittwoch auf Ersuchen Polens auf Grundlage von Artikel 4 des Bündnisses zur Krisensitzung. Der Artikel 4 sieht im wesentlichen eingehende Konsultationen in kritischen Lagen vor.

Artikel 4 besagt: „Die Parteien werden einander konsultieren, wenn nach Auffassung einer von ihnen die Unversehrtheit des Gebiets, die politische Unabhängigkeit oder die Sicherheit einer der Parteien bedroht ist.“ Konkrete Reaktionen muss das nicht zur Folge haben.

Seit der Gründung des Nato-Bündnisses 1949 wurde Artikel 4 offiziellen Angaben zufolge sieben Mal in Anspruch genommen. Zuletzt war dies am 24. Februar 2022 der Fall. Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, die Slowakei und die Tschechische Republik hatten dies nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine beantragt

Selenskyj: „Dies ist ein russischer Raketenangriff auf die kollektive Sicherheit“

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte bei seiner Videobotschaft am Dienstag: „Mit Raketen auf NATO-Territorium schießen … Dies ist ein russischer Raketenangriff auf die kollektive Sicherheit! Dies ist eine wirklich bedeutende Eskalation. Es müssen Maßnahmen ergriffen werden.“ Er sagte, es sei „nur eine Frage der Zeit, bis der russische Terror weitergeht“.

Die Daily Mail berichtet, denkbar sei auch, dass die Trümmer, die in Polen gefunden wurden, auch von einer von der ukrainischen Luftabwehr abgeschossenen Rakete rühren könnten.

Washington: Arbeiten mit polnischer Regierung zusammen

Das Weiße Haus arbeitet nach eigenen Angaben mit der polnischen Regierung zusammen, um mehr Informationen über die Ereignisse an der Grenze zur Ukraine zu bekommen. Aktuell könne man keine Berichte oder Details bestätigen, teilte der Nationale Sicherheitsrat der USA am Dienstag mit. In der Stadt Hrubieszow nahe der Grenze zur Ukraine hatte es nach Angaben der polnischen Feuerwehr zwei Tote nach einer Explosion auf einem Agrarbetrieb gegeben. In Berichten war die Rede von einem Raketeneinschlag.

Der US-Sicherheitsberater Jack Sullivan habe mit seinem polnischen Kollegen Jacek Siewiera gesprochen, teilte das Weiße Haus weiter mit. Man werde feststellen, was passiert sei und was die angemessenen nächsten Schritte sein werden.

Polen versetzt Teil seiner Streitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft

Nach Berichten über russische Raketeneinschläge auf polnischem Boden versetzt Warschau Einheiten seiner Armee in erhöhte Alarmbereitschaft. Mehrere Kampfeinheiten und „andere uniformierte“ Truppen würden in erhöhte Bereitschaft versetzt, sagte ein Regierungssprecher nach einer Krisensitzung des Nationalen Sicherheitsrats am Dienstagabend. Zuvor hatte es Berichte gegeben, wonach in Polen zwei russische Raketen einschlugen. Polnische Medien berichteten von zwei Todesopfern bei einer Explosion in einem Getreidelager in dem Dorf Przewodow nahe der Grenze zur Ukraine.

Der polnische Regierungssprecher Piotr Mueller (r) und der Leiter des Büros für Nationale Sicherheit Born Jacek Siewiera (l) während einer Pressekonferenz nach der Sitzung des Sicherheitsrates.
Der polnische Regierungssprecher Piotr Mueller (r) und der Leiter des Büros für Nationale Sicherheit Born Jacek Siewiera (l) während einer Pressekonferenz nach der Sitzung des Sicherheitsrates.dpa/PAP/Radek Pietruszka

Moskau nennt Berichte über Raketeneinschlag in Polen „Provokation“

Das russische Militär hat Berichte über den Absturz angeblich russischer Raketen auf ein polnisches Dorf nahe der Grenze zur Ukraine als „gezielte Provokation“ zurückgewiesen. Es seien keine Ziele im ukrainisch-polnischen Grenzgebiet beschossen worden, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau am Dienstagabend mit. Auch die in polnischen Medien verbreiteten Fotos angeblicher Trümmerteile hätten nichts mit russischen Waffensystemen zu tun, hieß es.

Lettland beruft Sitzung der Regierung ein

In Lettland hat Ministerpräsident Krisjanis Karins eine außerordentliche Regierungssitzung einberufen. Bei dem Treffen sollen Berichte der zuständigen Ministerien und Institutionen über die Sicherheitslage in der Region angehört werden - auch um „für weitere Maßnahmen bereit zu sein“. Dies teilte der Regierungschef des baltischen EU- und Nato-Landes am Dienstagabend auf Twitter mit.

Außenminister Edgars Rinkevics hatte zuvor Polen - wie auch Karins - den Beistand des Baltenstaats versichert. „Lettland bringt seine volle Solidarität mit unserem Verbündeten Polen zum Ausdruck und wird jegliche von Polen als angemessen erachteten Maßnahmen unterstützen“, schrieb er auf Twitter. Auch die beiden anderen Baltenstaaten Estland und Litauen bekundeten ihre Unterstützung für den Nato-Verbündeten.

Außenministerin Baerbock: Gedanken sind bei Polen

Außenministerin Annalena Baerbock hat sich betroffen über die Explosion mit zwei Toten in Polen nahe der Grenze zur Ukraine gezeigt. „Meine Gedanken sind bei Polen, unserem engen Verbündeten und Nachbarn“, schrieb die Grünen-Politikerin am Dienstagabend auf Twitter. „Wir beobachten die Situation genau und stehen in Kontakt mit unseren polnischen Freunden und Nato-Verbündeten.“ Die Nato hatte zuvor bekannt gegeben, dass sie Berichte über die tödliche Explosion prüfen werde.

Nato prüft Berichte über Raketeneinschläge in Polen

Die Nato geht den Berichten über mögliche russische Raketeneinschläge in Polen nach. „Wir prüfen diese Berichte und stimmen uns eng mit unserem Verbündeten Polen ab“, sagte ein Nato-Verantwortlicher am Dienstag in Brüssel. Nach Angaben aus dem Bündnis könnte sich die Regierung in Warschau theoretisch auf Artikel 4 des Nordatlantik-Vertrags berufen und eine Aussprache der 30 Verbündeten verlangen. Eine solche Entscheidung sei aber noch nicht gefallen, hieß es in Brüssel.

In Artikel 4 sichern sich die Nato-Staaten „Konsultationen“ in allen Fällen zu, in denen ein Mitglied „seine territoriale Integrität, politische Unabhängigkeit oder Sicherheit“ gefährdet sieht. Daraus gehen aber nicht zwingend gemeinsame Schritte hervor.

Artikel 4 ist deutlich weniger weitreichend als der in Artikel 5 geregelte Bündnisfall. Dieser sieht im Falle eines „bewaffneten Angriffs“ auf einen oder mehrere Mitgliedstaaten eine kollektive Antwort vor. Artikel 5 wurde in der 73-jährigen Nato-Geschichte nur ein einziges Mal von einem Mitgliedsland bemüht: Von den USA nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001.

Sicherheitsrat tagt zur Stunde in Warschau

Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki berief den Ministerrat für nationale Sicherheit und Verteidigung zu einer Krisensitzung ein, teilt ein Sprecher auf Twitter mit. Der Sprecher forderte alle Medien auf, Zurückhaltung bei der Verbreitung von ungesicherten Meldungen walten zu lassen. Regierungssprecher Piotr Müller bestätigte nicht, dass der mutmaßliche Einschlag zweier Raketen nahe der Grenze zur Ukraine Anlass für die Sitzung sind.

Radio Zet meldet Einschlag russischer Raketen in polnischem Dorf

In Polen meldete der lokale Radiosender Radio Zet, dass zwei fehlgeleitete Geschosse in dem Dorf Przewodów nahe der Grenze zur Ukraine eingeschlagen seien. Der Sender berichtet unter Berufung auf „inoffizielle Quellen“, dass zwei russische Raketen einen Getreidespeicher in dem Dorf getroffen hätten. Die Raketen sollen demnach Irrläufer sein. Radio-Zet-Reporter Michał Dzienyński berichtet, dass sich die Explosionen beim Auffahren eines Traktors auf die Waage ereignet haben sollen. 

Man wisse noch nicht, was passiert sei, das Gebiet ist gesichert, sagte der Sekretär der Gemeinde Dołhobyczów dem Sender. Eine offizielle Bestätigung steht derzeit noch aus. 

Ukraine vermeldet russische Luftangriffe auf mehrere Städte

Auch in der Ukraine hat es am Dienstag massiven Beschuss gegeben. Bei einem großflächigen Angriff auf Energieinfrastrukturanlagen in der gesamten Ukraine am Dienstagnachmittag soll die russische Armee mindestens 100 Raketen abgefeuert haben, teilten die Behörden mit. Die Stromsituation sei kritisch. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, es handle sich um den „massivsten Angriff seit Beginn der Invasion“.