Polizisten führten nach der Räumung Journalisten durch das Haus.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinEs ist vorbei – oder auch nicht. Das jahrelange Hickhack um ein Linksradikalen-Haus in Friedrichshain ist fürs Erste beendet. Am Freitag ließ ein Gerichtsvollzieher durch die Polizei das Haus Liebigstraße 34 räumen. Die Aktion wurde von Protesten begleitet, die wohl am Wochenende noch weitergehen werden.

Das Areal an der Liebig- Ecke Rigaer Straße war bereits am Donnerstag abgesperrt worden. Gegen 7 Uhr am Freitagmorgen drangen dann Polizisten von vorn und vom Hinterhof aus in das Haus ein und arbeiteten sich Etage für Etage nach oben. Nach Angaben der Polizei verlief die Räumung in den ersten Stunden „zäh“, da es zahlreiche Hindernisse wie Stahltüren oder Holzverschläge zu überwinden gab. Im Treppenhaus stießen die Beamten auf Betonplatten, viele Türen waren verbarrikadiert.

Bautrupps der Polizei betraten das Haus mit Spitzhacken, Beilen und Trennschleifern. „Die Bewohnerinnen hatten im Haus auch Gegenstände postiert, die offenbar den Anschein erwecken sollten, gefährlich zu sein“, sagte Polizeisprecher Thilo Cablitz. So seien zum Beispiel Drähte in Gegenstände verbaut worden, so dass sie wie Sprengsätze aussahen. „Deshalb mussten wir mehr Zeit verwenden. Die Gegenstände waren aber ungefährlich“, so Cablitz. Die Bewohnerinnen hatten auch Hindernisse errichtet, etwa Betonsperren im Treppenhaus. Nach Angaben von Polizisten mussten die Beamten sich „alternative Wege“ suchen. „Wir sind deshalb auch mal durch die Decke gegangen“, sagte ein Beamter der Berliner Zeitung.

Ab 8 Uhr wurden vor allem Frauen aus einem aufgebrochenen Fenster über eine Leiter auf die Straße geführt. Jede von ihnen wurde von den Gegendemonstranten lautstark bejubelt. Die Räumung lief nach Angaben der Polizei geordnet ab. Gegen 11 Uhr war das Haus dann endgültig geräumt. 57 Frauen waren von der Polizei aus dem Gebäude geführt worden. Ihre Identität wurde festgestellt, dann konnten sie gehen. Gegen einige von ihnen wurden Verfahren wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte eingeleitet.

Moritz Heusinger, der Anwalt der Besetzer, erklärte vor Ort, die Räumung sei rechtswidrig. Der Räumungsbescheid richte sich gegen die Mitglieder des Raduga-Vereins. Doch die seien gar nicht im Haus, dort seien Mitglieder des Mittendrin-Vereins.

Kurz darauf betrat der Gerichtsvollzieher die Räume, um die Schäden für zivilrechtliche Ansprüche des Eigentümers zu dokumentieren. Ein Bausachverständiger hatte zuvor das Gebäude für sicher erklärt. Am frühen Nachmittag ließ der Hauseigentümer Medienvertreter in das geräumte Gebäude. Das Innere des Hauses, das seit vielen Jahren nur von den radikalen Bewohnerinnen und ihren Gästen betreten werden durfte, wurde durch die Räumung und die damit verbundenen baulichen Veränderungen der Linksradikalen stark beschädigt. In den Fluren waren Stolperfallen errichtet worden, politische Parolen waren an die Wände geschmiert. Eine zentnerschwere Eisentür war zu einer lebensgefährlichen Falltür umfunktioniert worden. Balkone wurden mit spitzem Metall und scharfem Gerümpel vollgestellt, um ein Eindringen der Polizisten zu verhindern. Auf Balkonbrüstungen wurden zudem Glasscheiben einbetoniert.

Über das gesamte Wochenende sind rund 2500 Polizisten in Berlin im Einsatz. Nach Angaben der Polizei waren am Freitag etwa 1500 Beamte für die Räumung und den Schutz der Umgebung eingesetzt. Sie hätten es mit ebenso vielen Demonstranten zu tun gehabt. Bereits in der Nacht vor der Räumung hatte es Anschläge und Schmierereien an Hausfassen gegeben. An verschiedenen Stellen in der Stadt brannten nach Angaben der Polizei Autoreifen, Müllcontainer sowie ein Abfertigungsgebäude im S-Bahnhof Tiergarten.

Polizisten führen einen Randalierer ab, der Widerstand geleistet hat. 
Foto: AFP/IOdd Andersen 

Die Proteste verliefen am Vormittag ruhiger als von der Polizei erwartet. Allerdings wurden Beamte am Morgen auch mit Flaschen beworfen. Feuerwerk wurde mitten in der Nacht abgebrannt. Vor dem Haus kam es zu Prügeleien zwischen Polizisten und vermummten Demonstranten. Vereinzelt wurden Gegenstände auf die Straße geräumt. Mehrere Randalierer wurden festgenommen. In der Rigaer Straße und in der südlichen Liebigstraße gab es am Vormittag Protestansammlungen. Kurzzeitig versuchten Demonstranten die Frankfurter Allee zu blockieren, was die Polizei verhinderte. Für den späten Abend hatten die Linksautonomen dann eine Protestdemonstration von Mitte nach Prenzlauer Berg angemeldet.

Für die Kinder im Kiez war dieser Freitag ein besonderer Tag: Gleich neben dem Haus ist eine große Kita, schräg gegenüber eine Schule. Die Einrichtungen waren aufgrund der drohenden Ausschreitungen geschlossen worden. Und auch die Kita „Rock’n’Roll Zwerge“ in der Rigaer Straße war dicht. In der Grundschule in der Pettenkofer Straße, ganz am anderen Ende des Kiezes, wurde den Eltern an diesem Tag freigestellt, ob sie ihre Kinder an den Polizeiabsperrungen vorbei in die Schule bringen oder nicht.

Polizisten führen eine der Bewohnerinnen aus dem Haus.
Foto: AFP/Odd Andersen

Um 14.20 Uhr fuhr ein Container-Auto vor und ein vom Eigentümer beauftragter Bautrupp betrat das Haus. Die Polizei bleibt auch am Wochenende mit einem größeren Aufgebot vor Ort.