Berlin - Schlag gegen Kinderschänder. Die Polizei Berlin ist am Mittwochmorgen in mehrere Bezirke ausgerückt. Die stadtweite Riesenrazzia begann um sechs Uhr früh. Das Ziel: 43 Wohnungen von Männern, die sich Kinderpornografie beschafft und sie verbreitet haben sollen. Dabei wurden umfangreiche Beweismittel gesichert und Datenträger wie Handys, USB-Sticks, Laptops und andere Computer beschlagnahmt. Insgesamt 250 Beamte waren im Einsatz. 

Festnahmen und Haftbefehle gab es zunächst nicht. Die Verdächtigen sind zwischen 17 und 84 Jahre alt, sagte die zuständige Kriminaldirektorin Norma Schürmann vom Landeskriminalamt (LKA) Berlin. Von den 42 Tatverdächtigen sind etwa zwei Drittel polizeibekannt, von diesen wiederum jeder Zweite in Zusammenhang mit Sexualdelikten, sagt die Kriminaldirektorin.

Bilder von Kindesmissbrauch bei Facebook, Instagram und Whatsapp geteilt

Schürmann ist die Chefin des LKA-Dezernats 13, zuständig für Sexualdelikte. Vorausgegangen waren der Razzia monatelange Ermittlungen.   

Sie gehen zum Teil auf einige der zehntausenden Hinweise zurück, die aus den USA nach Deutschland übermittelt worden waren: vom „National Center for Missing & and Exploited Children“ (NCMEC) an das Bundeskriminalamt (BKA). Die auch von staatlichen Stellen finanzierte US-Organisation nimmt Hinweise der dazu verpflichteten Internetprovider zu Straftaten gegen Kinder entgegen. Zudem arbeitet das NCMEC mit hochmoderner Software, die das Internet rund um die Uhr nach kinderpornographischen Inhalten durchsucht.

Die Erkenntnisse mitsamt der IP-Adressen der Computer Verdächtiger werden an andere Staaten übermittelt. Seit Januar 2021 geht das nach Deutschland leichter, weil die Daten direkt an das BKA und von dort an die LKA der Bundesländer geschickt werden, ohne Zwischenschaltung von Staatsanwaltschaften. 

Ende des Jahres soll in Deutschland im Rahmen des „Netzwerkdurchsetzungsgesetzes“ eine dem NCMEC ähnliche zentrale Meldestelle für Internetkriminalität eingerichtet werden. Dann erwarten die Berliner Ermittler einen weiteren Anstieg von Fällen.

Jedes verschickte Bild ist ein Missbrauchsfall

Laut Polizei sollen einige der jetzt Tatverdächtigen Kinderpornografie nicht nur besessen, sondern auch im Internet verbreitet haben. Dies sei unter anderem bei Facebook und Instagram geschehen. Auch über den Messengerdienst WhatsApp seien die Missbrauchsbilder verschickt und geteilt worden. 

Neben den Informationen des NCMEC liefern Anzeigen Hinweise auf mutmaßliche Täter. Häufig kämen sie von Eltern oder Lehrern, die zufällig beispielsweise in WhatsApp-Chatgruppen von Schülern entsprechende Filme oder Fotos finden, die „unbedarft“ geteilt würden.

Norma Schürmann warnt eindringlich davor, sich an solchen Chats zu beteiligen: „Jedes verschickte Bild ist ein Missbrauchsfall“, und in Kürze werde das nicht mehr als Vergehen, sondern als Verbrechen behandelt - mit Haftstrafe von mindestens einem Jahr, wenn das entsprechende Gesetz in Kraft tritt, und Untersuchungshaft davor.

Eigene Internetrecherchen betreibe Berlin nicht, das erledigten in Deutschland das Bundeskriminalamt und einige LKA, unter anderem in Hessen und Niedersachsen. Allerdings ist die Zahl der Kommissariate im LKA 13, die sich um dieses Deliktfeld kümmern, im April von einem auf drei und von rund 30 auf über 50 Beamte erhöht worden. Insgesamt hat das LKA 13 sieben Kommissariate mit über hundert Mitarbeitern.

Bloß keine Nacktfotos von sich machen lassen

Kinder und Jugendliche bräuchten laut LKA 13 mehr Medienkompetenz, deshalb gingen die Präventionsbeauftragten der Polizeiabschnitte auch in die Schulen. Dort warnen sie auch davor, dass Jugendliche im pubertären Überschwang Nacktbilder von sich, vom Freund oder der Freundin machen lassen. Gehe die Beziehung in die Brüche und verbreite einer der beiden die Bilder, könne man sie nie wieder „einfangen“.

Rund 300 Durchsuchungen führen die Bekämpfer der Kinderpornografie in Berlin jährlich durch. Wie viele der Verdächtigen nicht nur Bilder und Filme beschafft oder geteilt, sondern selbst angefertigt haben und dafür Kinder eigenhändig missbrauchten, wussten die Verantwortlichen nicht zu sagen, es seien aber etliche.

Insgesamt sei ein Viertel der Opfer aller 5011 Sexualstraftaten, die die Berliner Kripo 2020 bearbeitete, Kinder. Allein beim Delikt „Besitz oder sich Verschaffen von Kinderpornografie“ stieg die Zahl von 2019 auf 2020 um 143 Fälle oder 61,4 Prozent auf auf 376.

Markus Wächter
Kommissariatsleiterin Judith Dobbrow (r., in roter Jacke) in der Befehlsstelle an der Keithstraße in Tiergarten.

Judith Dobbrow, die als 1. Kriminalhauptkommissarin seit über 20 Jahren mit derlei Untaten zu tun hat: „Kindesmissbrauch ist ein gemeines Delikt, weil es in der Regel nicht mit körperlicher Gewalt einhergeht.“ Und meistens nicht von Fremden begangen wird, sondern von nahen Verwandten, Nachbarn, Lehrern, Trainern oder Erziehern. „Das Kind liebt seinen Papa, und wenn der sagt, rede nicht darüber, was ich mit dir mache, sonst muss ich ins Gefängnis, dann schweigt es.“

Nachbarn beispielsweise könnten sich mit Geschenken das Vertrauen eines Kindes erschleichen oder dadurch, dass sie ihm die Aufmerksamkeit geben, die es in der Familie nicht hat.

Perplex sei sie trotz langer Erfahrung noch heute, sagte Dobbrow, wenn sie Fälle auf den Tisch bekommt, bei denen ein Kind über Jahre hinweg vom Vater missbraucht wird, ehe die Mutter etwas merkt. Die Opfer seien jeweils etwa zur Hälfte Jungen und Mädchen.

Die jetzt beschlagnahmten Datenträger gehen zunächst an externe Gutachter, die Filme und Fotos überprüfen, ob sie strafrechtlich relevant sind. Wenn die Gutachter dieser Meinung sind, sieht sich der Sachbearbeiter im LKA 13 die Beweise noch einmal an, ehe die Angelegenheit zur Staatsanwaltschaft und vor Gericht geht. Die Gerichte verlangten detaillierte Informationen, wer beispielsweise bei einem kinderpornografischen Video was tut und sagt, erklärte Schürmann.

Dobbrow rechnet damit, dass die Aufarbeitung der Razzia-Ergebnisse ein Jahr dauern wird, weil noch alte Vorgänge ermittelt werden und immer neue dazukommen: „Wir haben sechs Asservatenkeller voll mit Datenträgern aus Fällen, die noch nicht erledigt sind oder bei Gericht liegen“.

dpa/Paul Zinken
Kisten voller Beweismittel, die bei der Razzia beschlagnahmt wurden. 

Täter sind in allen Altersklassen und Schichten zu finden

Der Berliner Landeschef der Gewerkschaft der Polizei Norert Cioma sagte am Mittwoch zu dem Einsatz, er danke seinen beteiligten Kolleginnen und Kollegen. Cioma: „Es gibt nichts Perfideres als Kindesmissbrauch, Kindesmisshandlung und Kinderpornographie. Die heutigen Durchsuchungen geben einen Einblick in diesen breitgefächerten Kriminalitätsbereich, bei dem sich Täter in alle Altersklassen und Schichten finden. Es ist unsere gesamtgesellschaftliche Aufgabe, diese Straftaten mit allen Mitteln aufzudecken und sie am besten vorab zu verhindern. Wer sich an Kindern vergeht und an ihnen bereichert, zerstört Leben, bevor sie erst so richtig begonnen haben.“

Auch Marcel Luthe, Spitzenkandidat der Freien Wähler Berlin, gratulierte den Einsatzkräften zu ihrem Erfolg. Er sagte der Berliner Zeitung: „Derartige Täter gibt es in allen sozialen Schichten. Und je besser situiert sie sind, desto sicherer fühlen sie sich. Wir müssen unmissverständlich klar machen: wer sich an Kindern vergreift, diese Taten billigt oder sich daran ergötzt, wird konsequent zur Rechenschaft gezogen! Kinderschutz ist staatliche Kernaufgabe. Und dieser deutliche, heutige Schritt ist ein guter Anfang“.