Lothar H. Wieler, der Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin.
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BerlinLothar Wieler, der Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI) hält es bei steigenden Corona-Infektionszahlen für durchaus möglich, dass Risikogebiete komplett abgeriegelt werden.

Vor neun Monaten habe er eine solche Maßnahme noch für undenkbar gehalten, sagte Wieler dem Nachrichtensender Phoenix. Inzwischen halte er das aber für vorstellbar. „Mobilität ist einer der Treiber dieser Pandemie“, nannte der RKI-Chef eine Begründung. Er sprach sich auch für eine generelle Maskenpflicht in geschlossenen Räumen und für das Beherbergungsverbot aus. 

„Wenn die Maßnahmen nicht verschärft werden, werden die Infektionszahlen weiter hochgehen“, möglicherweise sogar bis zu 10.000 täglichen Neuinfektionen. „Aber wir wollen das verhindern. Aber ich bin nach wie vor der Ansicht, dass wir das auch noch schaffen können“.

Allerdings kritisierte Wieler die Beschlüsse, die Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Ländern am Mittwoch vereinbart hatte. Ihm fehle die „Verbindlichkeit“, sagte er. Einige Maßnahmen seien nur Empfehlungen. 

Mit Blick auf die teilweise schwereren Corona-Verläufe und die hohen Infektionszahlen in europäischen Nachbarländern sagte Wieler, es gebe das Phänomen, dass „zu harte Maßnahmen die Akzeptanz in der Bevölkerung schneller schwinden lassen“.  Wieler wünschte, die richtige Balance zu finden. „Ich glaube, das ist ein wichtiger Punkt. Wir müssen daran denken, dass wir diese Pandemie ja noch viele Monate bewältigen, und wir müssen mit den Maßnahmen sorgfältiger umgehen.“

Wieler sprach auch über das Gesundheitssystem in Deutschland., das er als  sehr stabil bezeichnete. Es habe sehr „viele Ressourcen“. Lobend erwähnte er auch den öffentlichen Gesundheitsdienst, der „ist zwar auch in Deutschland in den letzten Jahrzehnten runtergespart worden, aber er ist immer noch leistungsfähiger ist als in vielen anderen Ländern“.

Eine Abriegelung von Risikogebieten könnte bedeuten, dass etwa Städte wie Cottbus, Mainz, Bremen, München, Köln oder auch Berlin von Polizei oder Militär abgeschottet werden müssten. In der spanischen Hauptstadt hat Gesundheitsminister Salvador Illa die Abriegelung damit begründet, dass die lokale Regierung „nichts unternommen“ habe. Man müsse „verhindern, dass das hohe Infektionsniveau Madrids auf den Rest des Landes übergreift“. Der Notstand, den die Regionalregierung ablehnt, gilt zunächst für zwei Wochen.

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In Spanien sind neben Madrid acht weitere Städte im Umland der Hauptstadt abgeriegelt. Dort dürfen Menschen nur noch mit triftigem Grund ihre Heimatgemeinde verlassen - etwa, um zur Arbeit oder zum Arzt zu fahren.