Nach heftigen Auseinandersetzungen in der Führung des deutschen PEN-Zentrums soll das komplette Präsidium seine Posten räumen. Das sieht ein Abwahlantrag aus den Reihen der Schriftstellervereinigung vor. Über die erst im Oktober eingesetzte Spitzenriege unter dem zum Präsidenten gewählten Journalisten Deniz Yücel soll eine Mitgliederversammlung im Mai in Gotha entscheiden. Nach PEN-Angaben reicht laut Satzung des Verbandes eine einfache Mehrheit für den Antrag aus.

In dem der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Berlin vorliegenden Antrag ist von „rüpelhaften Beleidigungen, der Frontstellung zwischen ‚jüngeren‘ und ‚älteren‘ Mitgliedern und Mobbingversuchen an zwei Mitgliedern des Vorstands“ die Rede. Zudem herrsche seit der Neuwahl „ein harscher Ton gegenüber der Geschäftsstelle mitsamt Beleidigungen“.

„Erschrecken über den Umgangsstil“

Die Vorwürfe beziehen sich auf einen umfassenden Mailwechsel im Präsidium, der der dpa ebenfalls vorliegt. Die zwei Dutzend Antragsteller sehen ein in der Mitgliederschaft geäußertes „Erschrecken über den Umgangsstil“ und „eine tiefgreifende, systemische Störung des Anstands und der Würde unserer Schriftstellervereinigung“.

In einem Brief an die Mitglieder sprach das PEN-Zentrum in der Folge von einem „internen Konflikt“ und bedauert den „Ton unserer internen Korrespondenz“, der „zu persönlichen Kränkungen geführt hat“. Gleichzeitig weisen fünf Präsidiumsmitglieder, darunter Yücel, in der Stellungnahme die erhobenen Vorwürfe als „haltlos“ zurück.

Von Seiten des PEN-Zentrums hieß es nun zudem, es gebe „auch sehr viele Mitglieder, die Deniz Yücel den Rücken stärken“. Der am umstrittenen Mailwechsel beteiligte Yücel selbst wollte sich im Gespräch mit der dpa nicht zu den Vorwürfen äußern.

Forderungen nach Yücels Rücktritt

Zuletzt hatten mit Gert Heidenreich, Christoph Hein, Johano Strasser, Josef Haslinger und Regula Venske fünf ehemalige Präsidenten des PEN-Zentrums den Rücktritt Yücels gefordert. Begründet wurde dies damit, dass sich Yücel während des Literaturfestivals Lit.Cologne für eine Flugverbotszone in der Ukraine und somit für ein direktes militärisches Eingreifen der Nato ausgesprochen habe. Mit den Äußerungen habe er seine Befugnisse überschritten und gegen die Charta des Internationalen PEN verstoßen.

Yücel bezeichnete sein Statement als Meinungsäußerung. In der PEN-Stellungnahme heißt es dazu, Yücel könne „bei öffentlichen Auftritten stets nur für sich selber sprechen“. Der Präsident sei kein Organ des PEN und könne deswegen nicht für den Verband sprechen. Kein einzelnes Mitglied könne dem Anspruch genügen, „für alle Mitglieder einer Vereinigung von 800 – berufsbedingt und zum Glück! – streitbaren Intellektuellen zu sprechen“.

PEN steht für die englischen Begriffe Poets, Essayists, Novelists. Das PEN-Zentrum Deutschland ist nach Angaben des Verbandes eine von weltweit rund 150 Schriftstellervereinigungen, die zum PEN International gehören. Die Organisation sieht sich als „Anwalt des freien Wortes“ und „Stimme verfolgter und unterdrückter Schriftsteller“. Gegründet wurde die Vereinigung 1921 in England.