Dresden/Berlin - Die Sächsische Impfkommission (Siko) hat generelle Corona-Impfungen für Kinder ab zwölf Jahren empfohlen. Die Empfehlung gilt ab Sonntag, wie die Siko am Freitag in Dresden mitteilte.

Die Sächsische Impfkommission begründete die Änderung ihrer Impfempfehlung mit der „überaus dynamischen Entwicklung der Coronavirus-Pandemie“ und dem wachsenden Wissensstand zu Impfungen. In die generelle Impfempfehlung bei Kindern und Jugendlichen zwischen zwölf und 15 Jahren seien Daten aus den USA und Israel eingeflossen. „Hier überwiegt der Nutzen eindeutig das Risiko adverser Reaktionen“, erklärte die Siko. Bei adversen Reaktionen handelt es sich um mögliche Nebenwirkungen.

Herzmuskelentzündung als Nebenwirkung: Risiko bei bis zu 70 zu einer Million

Besonderes Augenmerk legte die Siko demnach auf das Auftreten von Herzmuskelentzündungen in Verbindung mit Corona-Impfungen. Bei männlichen Jugendlichen in der Altersgruppe von zwölf bis 17 Jahren sei hier mit einer Häufigkeit von bis zu 70 pro einer Million vollständig Geimpfter zu rechnen. Gleichzeitig würden in dieser Altersgruppe zwei Todesfälle und 71 Intensivbehandlungen aufgrund von Covid-19 sowie 5700 Corona-Infektionen verhindert.

Bei weiblichen Impflingen liege die Häufigkeit von Herzmuskelentzündungen bei etwa zehn von einer Million vollständig Geimpfter bei Verhinderung eines Todesfalls und von 38 Intensivbehandlungen, erklärte die Sächsische Impfkommission, die die einzige Impfkommission dieser Art auf Länderebene in Deutschland ist.

Die EU-Arzneimittelbehörde EMA hat bisher die Corona-Impfstoffe der Firma Biontech/Pfizer und des US-Herstellers Moderna für Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren freigegeben.

Ständige Impfkommission plant vorerst keine neue Empfehlung

Ungeachtet des massiven Drängens führender Politiker plant die Ständige Impfkommission (Stiko) offensichtlich vorerst keine neue Empfehlung zu Corona-Schutzimpfungen für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren. Solche Forderungen empörten ihn, sagte Kommissionsmitglied Martin Terhardt am Freitag dem Sender RBB. Er äußerte die Erwartung, dass es eine neue Stiko-Empfehlung in dieser Sache erst in einigen Wochen geben werde.

Bisher sei die Datenlage noch nicht ausreichend, um eine Corona-Schutzimpfung für die Zwölf- bis 16-Jährigen allgemein zu empfehlen, bekräftigte Terhardt die bisherige Haltung der Stiko. Diese rät zu solchen Impfungen von Jugendlichen und älteren Kindern bislang nur in Risikofällen. Ansonsten sollte individuell nach ärztlicher Beratung entschieden werden.

Kommissionsmitglied kritisiert Druck der Politik

„Wir sind ja schon einiges gewöhnt in den letzten Wochen, dass halt die Politiker auf der Stiko herumschlagen, weil sie das Gefühl haben, sie würde nicht vernünftig oder nicht professionell arbeiten“, sagte Terhardt dem RBB weiter. „Das erzürnt uns, das empört uns, das entwertet uns und das schadet dem Vertrauen der Ständigen Impfkommission, und das finde ich einen groben Fehler“, kritisierte er.

In den vergangenen Wochen hatten sich wiederholt führende Politikerinnen und Politiker trotz der zurückhaltenden Linie der Stiko für die Impfung von älteren Kindern und Jugendlichen ausgesprochen, seit die Europäische Arzneimittelagentur EMA die Impfstoffe erst von Biontech/Pfizer und kürzlich auch von Moderna für diese Altersgruppe ausdrücklich zugelassen hat. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) äußerte die Hoffnung auf eine hohe Impfbereitschaft bei Jugendlichen.

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) forderte die Stiko in der Neuen Osnabrücker Zeitung vom Freitag ausdrücklich auf, ihre Impfempfehlung entsprechend zu ändern und den EU-Empfehlungen zu folgen. Inzwischen sprach auch die Sächsische Impfkommission eine generelle Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren aus, da der Nutzen das Risiko überwiege.