Berlin - Die Linke-Politikerin und frühere Fraktionschefin der Linken im  Bundestag, Sahra Wagenknecht, kritisiert eine „zunehmende Intoleranz“ vieler vermeintlich linksliberaler Menschen. Viele dieser Menschen müssten sich nach Wagenknechts Meinung „linksilliberal“ nennen. Die Geisteshaltung vieler Linker sei: „Wer nicht für mich ist, ist kein Andersdenkender, sondern ein schlechter Mensch“. Dieses Denkmuster sei „ein typisches Herangehen des linksliberalen Milieus“.  Diese „selbstgerechte Attitüde“ müssten Linke ablegen.

Entstanden sei besagter Linksilliberalismus aus „der neuen akademischen Mittelschicht der Großstädte“. Es sei „ein relativ privilegiertes Milieu, das heute weitgehend abgeschottet lebt, eine Filterblase im realen Leben“.

Es müsse doch klar sein: „Wer bestimmte Meinungen nicht teilt, ist deshalb noch lange kein Nazi, der gecancelt werden muss“, so Wagenknecht. Dann nennt die Politikerin in dem Interview mit der Welt Beispiele. „Wer für eine Begrenzung von Zuwanderung ist, ist ein Rassist. Wer CO2-Steuern kritisiert, ein Klimaleugner. Und wer die Schließung von Schulen, Restaurants und Fitnessstudios nicht für richtig hält, ein Covidiot.“

„Man muss aufhören, Debatten zu moralisieren“

Auszusprechen, dass „Zuwanderer für Lohndumping missbraucht werden, dass es kaum möglich ist, eine Schulklasse zu unterrichten, in der über die Hälfte der Kinder kein Deutsch spricht, oder dass wir auch in Deutschland ein Problem mit dem radikalen Islamismus haben“, hat laut Wagenknecht zudem „mit Rassismus nichts zu tun“. Echter Rassismus sei, wenn „gegen Menschen gehetzt wird, weil sie eine andere Hautfarbe oder Herkunft haben“.

Man müsse aufhören, „Debatten zu moralisieren oder bewusst darauf auszurichten, Leute niederzumachen“. Wagenknecht weiter: „Alle, vom konservativen bis zum linken Spektrum, die ein Interesse daran haben, dass unser Land nicht wie die USA endet, mit dieser extremen Spaltung, sollten die Fähigkeit zurückgewinnen, mit Anstand und Respekt zu diskutieren.”

Denn die zunehmende Intoleranz gebe es natürlich „auf beiden Seiten. Wer den anhaltenden Lockdown nicht für sinnvoll hält, dem wird gleich der ungeheuerliche Vorwurf gemacht, ihm seien Menschenleben egal“. Wer hingegen anerkenne, „dass Covid-19 eine gefährliche Krankheit ist, bekommt von der Gegenseite Panikmache vorgeworfen“.  

Wagenknecht: „Viele Teilnehmer bei den großen Demonstrationen waren keine Verschwörungsideologen oder Rechtsextremisten, sondern normale Bürger“

Zudem ist Sahra Wagenknecht überzeugt, dass die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen ihre Berechtigung haben. So gebe es „Millionen von Menschen, die völlig zu Recht das Missmanagement der Regierung kritisieren und sich von ihr im Sich gelassen fühlen. Für viele ist die Krise psychisch und finanziell eine Katastrophe. Da ist es legitim zu protestieren“.

Zu dem immer wieder geäußerten Vorwurf, bei derartigen Protesten seien vor allem Rechtsextreme oder Verschwörungstheorethiker, sagt Sahra Wagenknecht in dem Interview: „Viele Teilnehmer bei den großen Demonstrationen waren keine Verschwörungsideologen oder Rechtsextremisten, sondern ganz normale Bürger, deren Anliegen Politiker ernst nehmen sollten.“