Los Angeles/Santa Fe - Nach dem tödlichen Schuss von Schauspieler Alec Baldwin auf die Kamerafrau Halyna Hutchins bei Dreharbeiten in Kalifornien werden nach und nach weitere Details bekannt. Dabei stellt sich zunehmend die Frage, wer am Ende für den Vorfall juristisch zur Verantwortung gezogen werden kann. Hollywoodstar Baldwin könnte theoretisch gleich doppelt in den Fokus geraten: Als derjenige, der den Abzug betätigt hat, und als Produzent des Films.

In einem Punkt sind sich die Strafrechtsexperten einig: Es ist wenig wahrscheinlich, dass Baldwin strafrechtlich für den Vorfall verantwortlich gemacht wird. Der Schauspieler hatte die Pistole von dem Regieassistenten Dave Halls übergeben bekommen – mit dem Hinweis, es handele sich um eine „kalte“, also ungeladene und damit sichere Waffe.

Daher habe Baldwin offensichtlich „vernünftigerweise geglaubt, dass es keine geladene Waffe war“, sagt Juraprofessor Gregory Keating von der University of Southern California. „Alec Baldwin scheint in diesem Fall keine große Verantwortung zuzukommen“, sagt auch der als Strafverteidiger arbeitende Anwalt Richard Kaplan. „Je weiter man sich von der Person entfernt, die für die Waffe zuständig ist, desto weniger wahrscheinlich“ sei eine strafrechtliche Haftbarkeit.

„Produzent“ kann in Hollywood alles mögliche bedeuten

Neben seinem Job als Hauptdarsteller fungierte Baldwin auch als Produzent für den Low-Budget-Film „Rust“, an dessen Drehort auf einer Film-Ranch der tödliche Unfall passierte. Allerdings ist Baldwin nur einer auf einer Liste von zwölf Produzenten und Produktionsleitern des Streifens. In Hollywood kann die Bezeichnung Produzent alles Mögliche bedeuten – von demjenigen, der die Gesamtverantwortung über die Produktion trägt bis hin zu jemandem, der zu Beginn des Projekts Geld beigesteuert hat.

Bislang ist noch unklar, wer von den zwölf Personen auf der Liste letztlich die Entscheidungen über die konkrete Arbeit wie etwa das Anheuern der Filmcrew oder das Durchsetzen von Arbeitsschutzregeln fällte und wie weitreichend Baldwins Rolle war. Die Produktionsfirma beantwortete wiederholte Anfragen der Nachrichtenagentur AFP dazu nicht.

„Ich persönlich habe das Gefühl, dass Baldwin vermutlich ziemlich weit entfernt war“ von derartigen Entscheidungen, sagt Strafrechtler Kaplan. „Wenn jemand ein Schauspieler der Top-Kategorie ist und als Produzent genannt wird, bedeutet das nicht, dass er die umfassendere Verantwortung eines Produktionsleiters hat. Es geht einfach nur um finanzielle Fragen.“ Auch Juraprofessor Keating schließt sich dieser Einschätzung an: „Es sieht eher so aus als wäre er ein passiver Investor als ein wirklicher Produzent“, sagt er.

Baldwin könnte angeklagt werden, um viel Geld rauszuholen

Abgesehen von strafrechtlichen Fragen ist es nach Einschätzung von Experten jedoch sehr wahrscheinlich, dass die Familie der getöteten Kamerafrau Hutchins und der bei dem Vorfall verletzte Regisseur Joel Souza Zivilklage auf Schadenersatz einreichen werden. Solche Klagen könnten sich sowohl gegen die Produktionsfirma, gegen Baldwin und die übrigen Produzenten als auch „gegen jeden richten, der mit der Waffe in Kontakt kam“, sagt Rechtsexperte Bryan Sullivan: „Ich gehe davon aus, dass alle verklagt werden.“

Baldwin könnte demnach vor allem deshalb in den Fokus rücken, weil bei ihm viel zu holen ist und seine Bekanntheit die Aufmerksamkeit der Medien auf den Fall lenkt. „Ich glaube nicht, dass der Regieassisent viel Geld hat. Als Anwalt eines Klägers würde ich deshalb ganz klar Alec Baldwin anvisieren“, meint Sullivan.

Letztlich gehe es Anwälten bei einer möglichen Klage von Hutchins' Familie nicht um persönliche Gründe, sagt Juraprofessor Keating: „Sie versuchen einfach, so viel wie möglich für die Familie herauszuholen.“