Wien Nach dem Anschlag mit vier Toten und mehreren Verletzten hat die Polizei in Österreich vorläufig 14 Menschen aus dem Umfeld des erschossenen Attentäters festgenommen. Das teilte Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) mit. Insgesamt 18 Wohnungen seien durchsucht worden.

Wiens Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) teilte mit, 22 Menschen seien teils schwer verletzt worden. Der Täter, ein 20-Jähriger mit österreichischem und nordmazedonischem Pass, habe, als er von der Polizei erschossen wurde, noch viel Munition bei sich getragen. Laut Innenminister Nehammer hatten die Wiener Behörden ein Verfahren angestrengt, um ihm die österreichische Staatsbürgerschaft aberkennen zu lassen. Es habe aber wohl „zu wenige Hinweise auf das aktive Tun des Attentäter“ gegeben, um das Verfahren erfolgreich abzuschließen.

Der Täter war den Behörden bekannt

Nach dem Anschlag hat sich Österreich außerdem an die Behörden in Nordmazedonien gewandt. Bisherigen Erkenntnissen zufolge schoss der Täter am Montagabend nahe der Hauptsynagoge in der Wiener Innenstadt um sich, tötete mindestens vier Menschen und verletzte mehr als ein Dutzend weitere. Er wurde von der Polizei erschossen. Sein konkretes Motiv war zunächst unklar.

Der Attentäter wollte in der Vergangenheit nach Syrien ausreisen, um sich dort der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anzuschließen. Er wurde daran gehindert und am 25. April 2019 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu 22 Monaten Haft verurteilt. Der Mann sei jedoch am 5. Dezember „vorzeitig bedingt entlassen“ worden. Demnach galt er als junger Erwachsener und fiel damit unter die Privilegien des Jugendgerichtsgesetzes. 

Sebastian Kurz wandte sich am Montagmorgen in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung.
Foto: dpa

Österreichs Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) warnte in einer Fernsehansprache vor einer Spaltung der Gesellschaft. „Es muss uns stets bewusst sein, dass dies keine Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen oder zwischen Österreichern und Migranten ist.“ Es sei ein Kampf zwischen den vielen Menschen, die an den Frieden glaubten, und jenen wenigen, die sich den Krieg wünschten. Religion und Herkunft dürften nie Hass begründen. 

Ein Polizist, der sich dem Täter entgegengestellt habe, sei niedergeschossen und verletzt worden, sagte Kurz. Nach Angaben der Kliniksprecherin befindet er sich in „kritisch-stabilem“ Zustand. Österreich ehrt die Opfer mit einer dreitägigen Staatstrauer bis einschließlich Donnerstag.

Grafik: BLZ/Sabine Hecher, Quelle; Polizei Wien, dpa, OSM-Mitwirkende 

Wahllos auf Lokale gefeuert

Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen sieht trotz der Terror-Attacke die liberale Demokratie nicht gefährdet. „Hass kann niemals so stark sein wie unsere Gemeinschaft in Freiheit, in Demokratie, in Toleranz und in Liebe“, sagte das Staatsoberhaupt.

Großeinsatz der Polizei. Wien wurde am Montagabend von einem Terroranschlag erschüttert.
Foto imago-images/Georges Schneider

Wegen der weiteren polizeilichen Ermittlungen wurden die Bürger aufgerufen, die Innenstadt zu meiden. Die Wiener Innenstadt war zeitweise mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht mehr erreichbar. Weder Busse noch Bahnen steuerten Ziele im historischen Kern der Zwei-Millionen-Metropole an.

Die Bevölkerung habe der Polizei inzwischen Tausende von Videoaufnahmen für die Ermittlungen zur Verfügung gestellt. Die Wohnung des Verdächtigen sei auf der Suche nach belastendem Material durchsucht worden, hieß es. 1000 Beamte seien in Wien im Einsatz.

Der Terrorangriff ereignete sich wenige Stunden vor Beginn des teilweisen Lockdowns in Österreich. Seit Mitternacht sind alle Gaststätten im Kampf gegen die Corona-Pandemie geschlossen. Die ersten Schüsse fielen am Montag gegen 20 Uhr nahe der Synagoge in einem Ausgehviertel Wiens. Nach Augenzeugenberichten feuerte der Täter wahllos in die Lokale. Ein Mann brach tödlich getroffen auf einem Bürgersteig zusammen. Passanten rannten in Panik davon. Einige hoben die Hände, um der Polizei zu zeigen, dass sie unbewaffnet sind.

Reaktionen aus Politik und Gesellschaft

Der Polizei zufolge gab es sechs verschiedene Tatorte. Einer davon liegt direkt neben der Synagoge. Oskar Deutsch, der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, schrieb auf Twitter, es könne nicht gesagt werden, ob sie eines der Ziele war. „Fest steht allerdings, dass sowohl die Synagoge (...) als auch das Bürogebäude an derselben Adresse zum Zeitpunkt der ersten Schüsse nicht mehr in Betrieb und geschlossen waren“, so Deutsch. Später schrieb er: „Alle Synagogen, jüdische Schulen sowie die Institutionen der IKG, koschere Restaurants und Supermärkte bleiben morgen vorsichtshalber geschlossen.“

Politiker in aller Welt zeigten sich betroffen. Die bundesweit größte Islam-Organisation Ditib verurteilte den Anschlag ebenfalls: „Der brutale Terrorakt in Wien hat uns auch in Deutschland bis ins Mark getroffen.“ Terroristen würden aus Hass handeln und Hass verbreiten wollen. „Wir gewähren ihnen keinen Millimeter“, so die Ditib. Sie und ihre Sympathisanten seien eine „verachtenswerte Gruppe gescheiterter Individuen“.

„Nach einem weiteren abscheulichen Terrorakt in Europa sind unsere Gebete bei den Menschen in Wien“, schrieb US-Präsident Donald Trump auf Twitter. Die USA stünden an der Seite Österreichs, Frankreichs und ganz Europas im Kampf gegen Terroristen.

Der russische Präsident Wladimir Putin bezeichnete den Terroranschlag als „brutales und zynisches Verbrechen“. Israels Staats- und Regierungsspitze verurteilte die Attacke ebenso wie die Türkei. „Wir sind traurig über die Nachricht, dass es infolge des Terroranschlags in Wien Tote und Verwundete gibt“, teilte das Außenministerium in Ankara mit.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron schrieb auf Deutsch auf Twitter: „Nach Frankreich ist es ein befreundetes Land, das angegriffen wird. Dies ist unser Europa. Unsere Feinde müssen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Wir werden nicht nachgeben.“ In Frankreich hatte es in den vergangenen Wochen drei Anschläge gegeben, die Ermittler gehen jeweils von einem islamistischen Hintergrund aus.