Berlin - Vor dem Mehrfamilienhaus Am Treptower Park 49 werden an diesem Mittwochmorgen Metallreste und Brandschutt zu einem Haufen zusammengefegt. Teile eines Autohecks sind darunter, eine grüne Beifahrertür. „Die ist bis in den ersten Stock des Hauses geflogen und hat die Fassade beschädigt. Wir haben sie aus dem Gebüsch direkt an der Hauswand gezogen“, sagt einer der Arbeiter. Gleich neben den Resten eines einstmals teuren Sportwagens liegt ein aus den Ankern gerissener Stromkasten, der Stumpf eines Baumstammes ist zu sehen. Der Bürgersteig ist noch mit Flatterband abgesperrt.

Es sind Spuren einer tödlichen Raserei, bei der  zwei 19 und 20 Jahre alte Männer aus Neukölln ums Leben kamen. Sie saßen in einem Fahrzeug, das nach bisherigen Ermittlungen und auch laut Zeugenaussagen in der Nacht zu Mittwoch mit stark überhöhter Geschwindigkeit unterwegs war, bevor der Wagen verunglückte. Ein dritter Insasse des Wagens kämpft derzeit noch um sein Leben.

Foto: Morris Pudwell
Rettungskräfte stehen schockiert vor dem ausgebrannten Audi Sport (450 PS). 

Am Dienstagabend, um 22.39 Uhr, ging bei der Berliner Feuerwehr der erste Notruf ein. Danach meldeten sich immer mehr Anwohner der Straße Am Treptower Park im Ortsteil Plänterwald. Als die Retter vor Ort eintrafen, bot sich ihnen das Bild eines Trümmerfelds. Ein in zwei Teile gerissener Audi RS 5 stand in Flammen und brannte vollständig aus.

Ersten Ermittlungen zufolge hatte der Fahrer des Audi auf der stadtauswärts führenden dreispurigen Straße die Kontrolle über den 450 PS starken Wagen verloren. Laut Augenzeugen könnte er um die 150 Kilometer pro Stunde schnell gewesen sein. Das hochmotorisierte Fahrzeug war ins Schleudern geraten, hatte mit hoher Geschwindigkeit zwei Bäume und einen Stromkasten umgerissen und war dann gegen einen Baucontainer geprallt. Durch die Wucht der Kollisionen wurde das Fahrzeug völlig zerstört und fing Feuer.

Die Feuerwehr war mit mehr als 80 Einsatzkräften am Unfallort. Doch für einen der vier Fahrzeuginsassen konnten die Retter schon nichts mehr tun. Er war sofort tot. Einem Notarzt gelang es zwar, einen zweiten Mann an der Unfallstelle zu reanimieren. Doch verstarb der Schwerverletzte wenig später in einem Krankenhaus. Ein dritter Insasse des Fahrzeugs überlebte den Crash mit schwersten Brandverletzungen. Er schwebe in akuter Lebensgefahr, so die Polizei.

Lediglich der Fahrer Omran H. kam bei dem Unfall glimpflich davon. Er sei nur leicht verletzt worden, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Der junge Mann, der ins Krankenhaus Friedrichshain eingeliefert wurde, ist gerade erst 21 Jahre alt geworden. Ihm werden fahrlässige Tötung und die Teilnahme an einem verbotenen Autorennen mit tödlichem Ausgang vorgeworfen. Der 21-Jährige wurde am Krankenbett festgenommen, ist aber nicht in Untersuchungshaft. Der Haftrichter am Bereitschaftsgericht habe den Antrag auf Haftbefehl wegen Zweifeln am dringenden Tatverdacht und wegen fehlender Haftgründe abgelehnt, teilte die Generalstaatsanwaltschaft über ihren Twitter-Account mit. „Wir prüfen, ob wir dagegen Beschwerde einlegen“, hieß es weiter.

 Alle Insassen des Fahrzeugs sollen aus einer arabischstämmigen Großfamilie stammen. Das Auto sollen sie bei einer Neuköllner Fahrzeugvermietung geliehen haben.

Ein Fußgänger, der den Unfall beobachtet hatte, erlitt einen Schock. Er hatte Glück, dass er nicht von herumfliegenden Trümmerteilen getroffen wurde. „Durch die enorme Rauchentwicklung dachten wir erst, dass es sich um einen Wohnungsbrand gehandelt hat“, sagt eine Frau aus der angrenzenden Karpfenteichstraße, die den Feuerwehreinsatz miterlebte. Die Straße Am Treptower Park war für den Autoverkehr stundenlang gesperrt. Noch am Vormittag mussten Fußgänger einen Bogen um die Reste von Fahrzeug und Stromkasten machen.

Immer wieder kommt es in Berlin bei illegalen Straßenrennen zu schweren Unfällen – auch mit tödlichem Ausgang. So starb im Februar 2016 ein unbeteiligter Autofahrer, als sich zwei Raser auf der Tauentzienstraße in der City West ein Stechen lieferten. Einer der beiden Raser ist mittlerweile wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden. Der tödliche Unfall war Anlass, den Paragrafen 315d ins Strafgesetzbuch aufzunehmen, der im Oktober 2017 in Kraft trat und auch in Berlin immer öfter angewendet wird. Mit dem Paragrafen sind illegale Autorennen keine Ordnungswidrigkeiten mehr, sondern Straftaten.

Paragraf 315d stellt nicht nur Raserwettbewerbe, bei denen mehrere Fahrer mit ihren Autos gegeneinander antreten, unter Strafe. Auch wenn sich ein Einzelner mit „nicht angepasster Geschwindigkeit und grob verkehrswidrig und rücksichtslos fortbewegt, um eine höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen“, drohen eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren. Das trifft auch auf solche Fahrer zu, die mit rasanter Geschwindigkeit vor der Polizei flüchten – etwa bei einer Verkehrskontrolle.

Im Jahr 2018 leitete die Berliner Polizei 279 Verfahren wegen verbotener Kraftfahrzeugrennen ein. Im Jahr darauf wurden schon 362 Taten zur Anzeige gebracht. 2020 ist die Zahl noch einmal gestiegen – diesmal in noch größerem Maße. Von Anfang Januar bis Ende November wurden 683 Verfahren eingeleitet. Ausgerechnet Corona hat zu dem Anstieg beigetragen. Weil Ladendiebstähle und andere Delikte während der Pandemie zurückgegangen sind, konnte sich die Polizei intensiver als bisher um den Verkehr kümmern.

„Im vergangenen März und April waren die Straßen wegen des Lockdowns leer. Das hat junge Leute animiert, richtig Gas zu geben“, sagt Oberamtsanwalt Andreas Winkelmann, der in Berlin für die Bearbeitung verbotener Kraftfahrzeugrennen zuständig ist. Er verweist zudem darauf, dass es für junge Leute sehr einfach ist, sich im Internet ein hochmotorisiertes, teures Auto zu mieten. Legen vier junge Männer für eine Spritztour zusammen, sei das sogar bezahlbar.

Anmerkung der Redaktion: Die Polizei hatte am Mittwochmittag mitgeteilt, ein dritter Mann sei bei dem Unfall gestorben. Die Behörde hat ihre Angaben mittlerweile korrigiert. Korrekt ist, dass zwei Männer bei dem Unfall starben.