Kleve - Der selbsternannte „Prophet“ einer niederländischen Religionsgemeinschaft ist wegen Missbrauchs eines Mädchens zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Das hat das Landgericht Kleve am Donnerstag nach einem rund sechsmonatigen Prozess entschieden, der zu großen Teilen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden hatte. Damit sollten Persönlichkeitsrechte der Beteiligten geschützt werden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der heute 59 Jahre alte Religionsführer nach einer angeblichen Vision von Gott das Mädchen aus seiner Religionsgemeinschaft missbrauchte. Beim ersten Fall sei das Kind 13 Jahre alt gewesen, danach sei es zu 20 Wiederholungen an unterschiedlichen Orten gekommen.

Verteidigung hat Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeugin

Die Verteidigung kündigte Revision an. Sie hatte im Prozess immer wieder Zweifel an den Zeugenaussagen der heute 27-Jährigen geäußert. Für die Vorwürfe gebe es keinen einzigen Beweis, nur die Aussagen der Zeugin und vermeintlichen Geschädigten, die aber unglaubwürdig seien, wie die niederländische Anwältin Inez Weski am Donnerstagvormittag noch einmal betonte. Sexuelle Handlungen mit Minderjährigen seien ein absolutes Tabu in der Glaubensgemeinschaft, das auch für ihre religiösen Führer gelte.

Der 59-Jährige sitzt seit Oktober 2020 in Untersuchungshaft und bleibt im Gefängnis, wie das Gericht entschied. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt für den Angeklagten die Unschuldsvermutung. Der Mann war Ende Oktober 2020 nach einer Polizeirazzia auf dem Klostergelände am Niederrhein festgenommen worden. Zuvor hatte es Hinweise gegeben, dass die Frau gegen ihren Willen in dem Kloster festgehalten wurde.

Richter: Frau sah den Angeklagten als „Engel“

Die junge Frau war als Kind mit ihren Eltern in die Religionsgemeinschaft eingetreten, die damals noch in den Niederlanden ihren Sitz hatte, wie der Vorsitzende Richter Christian Henckel in der Urteilsbegründung schilderte. 2012 siedelte die Gemeinschaft in ein ehemaliges Kloster am Niederrhein um.

Die Frau habe den angeklagten Religionsführer nicht als Menschen, sondern als „Engel“ und „Propheten“ mit übersinnlichen Fähigkeiten wahrgenommen, der das Wort Gottes verkündet, sagte der Vorsitzende Richter. Im Winter 2007/2008 habe der Glaubensführer der Gemeinschaft ihr von einer göttlichen Vision berichtet, laut der sie sich mit ihm verbinden solle. Das damals 13-jährige Mädchen habe auch angesichts der außerordentlichen Rolle des Mannes in der Gemeinschaft keinen Widerstand geleistet und sich anerkannt gefühlt.

Danach sei es in schnellem Abstand immer wieder zu Geschlechtsverkehr gekommen, sagte der Vorsitzende Richter. Die junge Frau habe den Mann auch bei Auslandsreisen eng begleitet und eine herausgehobene Position in der Gemeinschaft bekleidet. Er habe ihr einen Ring mit der Aufschrift „Lieber will ich sterben als besudelt zu werden“ geschenkt, um die Beziehung zu festigen. In dem Kloster am Niederrhein habe sie später viel Kontakt zu Gästen gehabt.

Beziehung zu Mann außerhalb der Glaubensgemeinschaft änderte die Situation

Hierbei sei es zu dem entscheidenden Ereignis gekommen, berichtete der Vorsitzende: Die Frau habe sich in einen Mann von außerhalb verliebt, die Beziehung aber zunächst nur bei heimlichen Treffen ausleben können. Als sie in der Glaubensgemeinschaft schließlich von der Beziehung berichtete, sei sie in ihrem Zimmer isoliert worden, schilderte der Vorsitzende. Ihr Partner sei in Sorge gewesen, habe zunächst Bekannten von dem Fall erzählt und so schließlich die Polizeiaktion ausgelöst.

Zweifel an den Zeugenaussagen der heute 27-jährigen Frau, die die Glaubensgemeinschaft inzwischen verlassen hat, wies das Gericht bei der Urteilsbegründung zurück. Sie sei hochintelligent und habe ihre Erlebnisse glaubhaft und widerspruchsfrei vorgetragen, sagte der Vorsitzende. Auch sei nicht erkennbar, dass sie den Angeklagten oder die Glaubensgemeinschaft absichtlich belasten wollte. Der Vorsitzende betonte außerdem, dass das Klever Gericht aus seiner Sicht auch für die in den Niederlanden verübten Taten zuständig sei, da die niederländischen Behörden auf eine Auslieferung des Mannes verzichtet hätten.