Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat von der Bundesregierung eine eindeutigere Haltung bei der Unterstützung seines Landes gefordert und vor einem „Spagat“ zwischen Kiew und Moskau gewarnt. Im Interview mit dem ZDF-„heute journal“, das im Präsidentenpalast in Kiew geführt wurde, warf Selenskyj Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) am Montag vor, noch immer zu viel Rücksicht auf Russland zu nehmen.

Selenskyj erwartet zudem, dass die EU seinem Land noch in diesem Juni den Status eines Beitrittskandidaten zuerkennt. Von Scholz wünsche er sich, dass dieser persönlich die EU-Mitgliedschaft der Ukraine unterstütze. Kritisch fügte Selenskyj an, in der Zeit vor Scholz' Amtsantritt, also während der Kanzlerschaft Angela Merkels (CDU), habe „eine gewissen Skepsis“ in der politischen Führung Deutschlands geherrscht, was einen EU- und Nato-Beitritt seines Landes angehe. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte am Wochenende bei einem Besuch in Kiew angekündigt, die Analyse des EU-Beitrittsantrags der Ukraine Ende kommender Woche abzuschließen.

„Wir brauchen von Kanzler Scholz die Sicherheit, dass Deutschland die Ukraine unterstützt. Er und seine Regierung müssen sich entscheiden“, so Selenskyj. Auch wenn die Beziehungen zwischen der deutschen und ukrainischen Regierung „keineswegs schlecht“ seien, „darf kein Spagat versucht werden zwischen der Ukraine und den Beziehungen zu Russland“.

Der Krieg könne nur von Russland beendet werden, sagte er weiter. Dazu müsse die Situation der Ukraine so gestärkt werden, dass die Verluste für das russische Volk spürbar seien. Derzeit seien keine Kompromisse möglich.

Selenskyj: Deutschland half später als andere Staaten

Deutschland habe später als andere Staaten begonnen, die Ukraine militärisch zu unterstützen. „Das ist eine Tatsache“, sagte Selenskyj. Die USA, die Slowakei, Polen, Großbritannien „waren die ersten, die geliefert haben, Bulgarien und Rumänien haben auch geholfen“, ebenso die baltischen Staaten.

Deutschland und Frankreich hätten zwar politisch und rhetorisch die Ukraine unterstützt, „aber damals am Anfang des Krieges brauchten wir nicht die Politik, sondern die Hilfe“, sagte Selenskyj. Inzwischen seien sie „Gott sei dank“ dazugekommen. Über den Umfang der Waffenhilfe aus Deutschland wollte Selenskyj laut ZDF keine Aussage machen.

Der deutsche Bundeskanzler müsse eine Position einnehmen und nicht suchen, wo es am wenigsten weh tue in den Beziehungen zu Russland und der Ukraine, sagte Selenskyj dem ZDF. Dieser Ansatz sei falsch.

Auf die Frage, ob für einen Frieden Gebietsabtretungen der Ukraine für ihn denkbar seien, antwortete Selenskyj: „Wir sind auf dem eigenen Boden, das ist unser Volk, das ist unser Territorium und es tut sehr weh, Menschen zu verlieren, das ist so, aber wir werden alles verlieren, wenn wir Russland in diesem Krieg unterlegen sind.“ Die Ukraine sei nur dann bereit, Gespräche zu führen, wenn die andere Seite bereit sei, dem Krieg ein Ende zu bereiten.