Berlin - Stell dir vor, du wachst eines Morgens auf, greifst wie üblich zu deinem Smartphone, um zu checken, was über Nacht so in der Welt passiert ist. Und dann liest du, dass du schuld an der Blockade des Suez-Kanals bist. Zumindest behaupten das etliche Stimmen im Internet. Zudem floriert ein vermeintlicher Artikel einer namhaften Zeitung mit dieser Meldung. Die ersten Hassbotschaften erreichen dich. Falsche Twitter-Accounts mit deinem Namen bestätigen deine Beteiligung. Eine absurde Vorstellung?Nein. Für die ägyptische Kapitänin Marwa Elselehdar wurde dieser Alptraum an einem Tag Ende März 2021 zur bitteren Realität.

Ein gefälschter Artikel der Arab News hatte sich in Windeseile im Netz verbreitet. Darin stand, dass Elselehdar für die Havarie des Containerschiffs „Ever Given“ im Suez-Kanal verantwortlich sei. Der gefälschte Artikel wurde unzählige Male geteilt und kommentiert – hämisch, niederträchtig, sexistisch.

Aus Tracking-Daten der „Ever Given“ geht hervor, dass die Crew des Containerschiffs mit ihrer Route zuvor offenbar einen Penis ins Meer gemalt hatte. Ein Frau allein auf großer See, die – natürlich! – aus lauter sexuellem Frust einen Riesenpenis ins Meer malt. Und dann beim  Einparken einen Unfall baut. So flach, so vorhersehbar, und doch genau so unzählige Male gepostet, getwittert, geteilt. 

Der Haken: Elselehdar befand sich zur Zeit der Blockade in Wahrheit meilenweit entfernt an Bord der Aida IV bei Alexandria. Sie hatte keine Verbindungen zur Reederei der „Ever Given“.

Sexismus gehört in der Schifffahrtsbranche zum schmutzigen Alltag

„Ich war schockiert“, sagt Elselehdar dem englischen Sender BBC. Verleumdungen sind nichts Neues für die Powerfrau aus Ägypten. Sie hatte in ihrem Heimatland und international Bekanntheit als erste weibliche Kapitänin Ägyptens erlangt. In dieser Funktion ist sie seit dem Jahr 2015 erfolgreich in der normalerweise männerdominierten Branche unterwegs.

Doch dieser Ruhm wird ihr nicht gegönnt. Nach eigenen Angaben erntete sie schon früher Hass und Häme in der Netzwelt, wie auch im analogen Leben. Während ihres Studiums bei der Handelsmarine wurde sie regelmäßig mit Sexismus konfrontiert.

„Die Menschen in unserer Gesellschaft akzeptieren immer noch nicht die Vorstellung, dass Mädchen für eine lange Zeit weg von ihren Familien auf dem Meer arbeiten“, erklärt Marwa. Der Verband Deutscher Reeder (VDR) teilte in der Vergangenheit mit, dass zuletzt gerade einmal 0,9 Prozent der Kapitäne in Deutschland Frauen waren.

Sexismus hat im Netz Methode

Der Fall zeigt wieder einmal, wie eng Fake News und Hass im Netz mit Sexismus verknüpft sind. Nicht selten wird auch hier in Deutschland Frauen noch immer und immer wieder Naivität, Blödheit und allgemeine Inkompetenz unterstellt. Das kann unter Umständen sogar Karrieren zerstören, zudem manifestiert und offenbart sich auch ein absurd veraltetes Rollenbild. Ein Rollenbild, von dem viele fälschlicherweise glauben, wir hätten es längst überwunden. Haben wir nicht, im Netz schon gleich gar nicht.

Bei dieser Mischung aus Armseligkeit, gepaart mit Angst vor weiblichem Erfolg, fällt mir zwangsläufig folgender Spruch ein: Das Internet ist wie ein Kühlschrank. Jeder hat hier plötzlich Eier.