Silvester-Bilanz der Polizei Berlin: 103 Festnahmen, 18 Beamte verletzt

Nach den schweren Ausschreitungen in der Silvesternacht erwägt Berlins Regierende Bürgermeisterin Giffey eine Ausweitung der Böllerverbotszonen.

Die Polizei im Einsatz
Die Polizei im EinsatzImago/Andreas Gora

In der Silvesternacht in Berlin sind bei Attacken und Ausschreitungen 18 Polizeikräfte verletzt worden, davon ein Beamter schwer. Zudem mussten Einsatzkräfte der Polizei Berlin mehrfach die Kolleginnen und Kollegen der Berliner Feuerwehr bei ihren Maßnahmen unterstützen. Wie die Polizei am Sonntag mitteilte, sei die Intensität der Gewalt mit den Silvesternächten der Vorjahre nicht zu vergleichen gewesen.

„Dieses Ausmaß an Gewaltbereitschaft und Zerstörung geht darüber hinaus und erschüttert auch mich zutiefst. Es schadet unserer Stadt, es schafft Angst und Schrecken“, erklärte Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) auf Twitter. Sie verurteilte die Übergriffe auf Einsatzkräfte „auf das Schärfste“ und kündigte eine Diskussion im Senat über Konsequenzen an. Dabei solle auch eine Ausweitung von Böllerverbotszonen in der Stadt thematisiert werden.

Auch Innensenatorin Iris Spranger zeigte sich empört über die Angriffe auf Feuerwehrleute und Polizisten. „Dass wir auch in diesem Jahr darüber sprechen müssen, dass Rettungs- und Einsatzkräfte behindert, angegriffen und verletzt wurden, in Teilen sogar schwer, macht mich wütend“, erklärte die SPD-Politikerin. Es sei unbegreiflich, wie man bewusst andere Menschen in Gefahr bringen könne – sowohl die Einsatzkräfte als auch diejenigen, die auf Hilfe warteten.

38 Feuerwehrleute angegriffen, 15 von ihnen wurden verletzt

Die traurige Bilanz der Berliner Polizei hat auch bei der Feuerwehr und der Gewerkschaft der Polizei (GdP) für Entsetzen gesorgt. Berlins GdP-Landeschef erklärte, dass Pyrotechnik ganz gezielt als Waffe gegen Menschen eingesetzt wurde. Nach jetzigem Stand wurden in der Silvesternacht 103 Verdächtige festgenommen, darunter 98 Männer und fünf Frauen. Es wurden zahlreiche Ermittlungsverfahren – überwiegend wegen Brandstiftungsdelikten, Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz, Landfriedensbruchs sowie tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte – eingeleitet.

In 38 Fällen wurden Einsatzkräfte der Feuerwehr angegriffen, dabei wurden 15 von ihnen verletzt. Einer der verletzten Retter musste sogar ins Krankenhaus. Nach ersten Angaben vom Morgen wurden insgesamt vier Fahrzeuge der Feuerwehr so stark beschädigt, dass sie nicht mehr im Einsatz bleiben können. Außerdem wurden 18 Polizisten verletzt.

Polizei: Keine Verstöße in den Böllerverbotszonen

Trotz der ausufernden Gewalt gab es auch eine gute Nachricht: In den drei polizeilich erlassenen Verbotszonen am Alexanderplatz, im Steinmetzkiez in Schöneberg sowie in den Straßenzügen rund um die Justizvollzugsanstalt Moabit stellten die Einsatzkräfte keine Verstöße fest. Auch bei den Großveranstaltungen am Brandenburger Tor, in der Kulturbrauerei und in der Zitadelle Spandau blieb es ruhig.

Ausgewählte Einsätze: Polizeiwagen in Berlin-Neukölln mit Steinen beworfen

Im gesamten Stadtgebiet kam es zu zahlreichen – überwiegend durch pyrotechnische Erzeugnisse verursachten – Bränden. Dabei wurden zahlreiche Fahrzeuge, aber auch Wohnungen, Balkone und Kellerräume beschädigt. Darüber hinaus wurden neben Einsatzkräften von Polizei und Feuerwehr auch Bedienstete der Verkehrsbetriebe sowie Passantinnen und Passanten und Verkehrsteilnehmende mit Pyrotechnik beschossen.

Kurz nach 20 Uhr warfen Unbekannte in der Peter-Anders-Straße in Neukölln Steine auf ein Einsatzfahrzeug der Polizei. Glücklicherweise wurde dabei niemand verletzt und auch keine Beschädigungen an dem Einsatzwagen festgestellt.

Mehrere Einsätze in Berlin-Gesundbrunnen

Gegen 20.30 Uhr schoss eine Vielzahl von Jugendlichen am Bahnhof Gesundbrunnen im gleichnamigen Ortsteil mit Pyrotechnik und Schreckschusswaffen um sich. Alarmierte Einsatzkräfte konnten die Lage beruhigen.

Rund zwei Stunden später trugen etwa 30 Personen Baustellenabsperrungen auf die Fahrbahn der Brunnenstraße in Mitte, welche von Polizistinnen und Polizisten wieder entfernt wurden.

Explosion in Charlottenburg, Reisebus in Neukölln angezündet

Etwa eine Viertelstunde nach Mitternacht wurde in der Suarezstraße in Charlottenburg ein sprengstoffartiger Gegenstand gezündet. Durch die Explosionswirkung wurden die Scheiben zweier geparkter Fahrzeuge sowie umliegender Geschäfte und Wohnungen zerstört. Menschen kamen nach bisherigen Erkenntnissen nicht zu Schaden.

Ungefähr zur gleichen Zeit stand in der Sonnenallee, Ecke Michael-Bohnen-Ring in Neukölln ein Reisebus in Flammen. Einsatzkräfte der Feuerwehr löschten den Brand, der zuvor zeitweise drohte, auf ein Gebäude überzugreifen. Nach Zeugenaussagen schlugen Unbekannte die Fensterscheiben des Fahrzeugs ein und setzten den Innenraum mit Pyrotechnik in Brand. Der Bus brannte vollständig aus.

Streifenwagen der Polizei in Gropiusstadt mit Feuerwerk beschossen

Gegen 0.20 Uhr wurden mehrere Streifenbesatzungen in der Wutzkyallee in Gropiusstadt massiv mit Pyrotechnik beschossen. Dabei erlitt ein Beamter schwere Verbrennungen am Hals und kam zur medizinischen Behandlung in eine Klinik, wo er stationär aufgenommen wurde.

Böller auf Familie geworfen: Dreijähriges Kind verletzt

Eine Familie war gegen 0.30 Uhr in der Kiefholzstraße in Plänterwald unterwegs, als aus einer größeren Personengruppe ein gezündeter Böller auf sie geworfen wurde. Während der 34-Jährige und seine ein Jahr jüngere Frau unverletzt blieben, erlitt das dreijährige Kind Verletzungen am Bein sowie am Ohr.

Ebenfalls gegen 0.30 Uhr brannte in der Knobelsdorffstraße in Charlottenburg ein geparktes Auto. Aufgrund des starken Windes griffen die Flammen auf weitere Wagen über, sodass schließlich sechs Fahrzeuge, ein Krad und vier Fahrräder zum Teil erheblich beschädigt wurden. Einsatzkräfte der Feuerwehr löschten den Brand.

200 Vermummte greifen Feuerwehrleute in Berlin-Kreuzberg an

Etwa 200 Vermummte griffen gegen 0.45 Uhr Einsatzkräfte der Feuerwehr an, als diese am Kottbusser Damm, Ecke Sanderstraße in Kreuzberg brennende Mülltonnen, die dort die Fahrbahn blockierten, löschen wollten. Erst mit dem Eintreffen der Polizei konnte die Lage beruhigt und mit den Löschmaßnahmen begonnen werden.

Bei einem Balkonbrand in der Manitiusstraße in Neukölln kamen gegen 0.45 Uhr fünf Menschen wegen des Verdachts auf eine Rauchgasvergiftung zur weiteren Behandlung in ein Krankenhaus.

Sonnenstudio auf der Sonnenallee in Neukölln zerstört

Ebenfalls gegen 0.45 Uhr setzten Unbekannte auf dem Freigelände einer Wohnanlage in der Lipschitzallee in Gropiusstadt mehrere Müllcontainer in Brand. Als die Einsatzkräfte eintrafen, wurden sie aus einer Gruppe von 40 bis 50 Personen mit Pyrotechnik angegriffen, wobei auch ein Polizist verletzt wurde. Aus einsatztaktischen Gründen ließ man das Feuer kontrolliert abbrennen.

In der Sonnenallee in Neukölln zerstörten Unbekannte gegen 1 Uhr die Glasfassade eines Sonnenstudios und entkamen unerkannt.

Andere Verkehrsteilnehmende machten einen Autofahrer gegen 1.30 Uhr in der Emser Straße in Neukölln auf Flammen aufmerksam, welche aus dem Kofferraum seines Fahrzeuges schlugen. Zuvor soll ein Feuerwerkskörper unter dem Wagen explodiert sein. Das Auto wurde stark beschädigt, der Mann blieb unverletzt.

Massive Angriffe auf Polizei und Feuerwehr in Berlin-Lichtenrade

Gegen 1.40 Uhr wurde ein Funkwagen in der Nahariyastraße in Lichtenrade mit einem E-Roller und anschließend mit Pyrotechnik und Flaschen beworfen. Verletzt wurde dabei niemand, das Fahrzeug hingegen erheblich beschädigt. Einsatzkräfte der Feuerwehr wurden massiv angegriffen, wobei auch Eisenstangen benutzt wurden. Mit Eintreffen von Verstärkung konnte die Situation beruhigt werden.

Weil die Feuerwehr den Einsatzort nicht erreichen konnte, löschte die Besatzung eines Wasserwerfers gegen 2.15 Uhr brennende Mülltonnen in der Urban-, Ecke Graefestraße in Kreuzberg, die rund 20 Personen auf die Fahrbahn geschoben hatten.

Gegen 2.50 Uhr schoben etwa 50 Personen Müllcontainer auf die Fahrbahn der Kreuzung Hutten-, Ecke Rostocker Straße in Moabit und setzten diese in Brand. Polizeikräfte sicherten die Löschmaßnahmen der Feuerwehr. Ab 3 Uhr war eine deutliche Beruhigung der Situation in der Stadt festzustellen.