BerlinSingles sind während der Pandemie anders belastet als Familien oder Paare. Besonders die Kontaktbeschränkungen machen Alleinstehenden zu schaffen. Sie leiden teilweise massiv unter Einsamkeitsgefühlen. Doch im Gegensatz zu Familien besitzen sie keine Lobby, die ihre Interessen auf hoher politischer Ebene vertreten könnte. Es gibt keinen Bundesverband oder ähnliches.

Auffällig ist, dass in den wichtigen Entscheidungsrunden Singles deutlich in der Unterzahl sind: Sämtliche Ministerpräsidenten und -präsidentinnen sind verheiratet. Und auch die Mitglieder der Bundesregierung sind nach offiziellen Angaben fast alle in einer Ehe oder liiert, mehrere haben Kinder. „In solchen Gremien fehlt dann das Verständnis“, sagt Pastorin Astrid Eichler vom Netzwerk Solo & Co für christliche Singles mit Sitz in Dallgow-Döberitz in der Nähe von Berlin. „Die wissen gar nicht, dass es uns gibt.“ Es sei auch schwierig, wenn man sich immer erst selbst zu Wort melden müsse.

„Singles geht es am schlechtesten“

Eichler sieht die Gefahr, dass viele Singles in der Corona-Pandemie abrutschen und in ein schwarzes Loch fallen. „Singles im Homeoffice sind die Gruppe, der es am schlechtesten geht. Da merkt im Moment kein Mensch, wenn sie in eine Depression rutschen.“ Für Singles in Großstädten sei der Lockdown in den Bereichen Gastro und Kultur mitunter noch schlimmer als die Kontaktbeschränkungen.

Wichtig sei, in dieser Zeit auf seine Mitmenschen besonders achtzugeben. Alleine zu leben habe oft viele Vorteile, sagt Eichler. „In dieser Situation spürt man allerdings die Nachteile.“

Janine Wissler ist Abgeordnete im hessischen Landtag und hat das Problem ebenfalls erkannt. Die stellvertretende Parteivorsitzende der Linken auf Bundesebene gehört zu den Betroffenen des hessischen Polizeiskandals, bei dem Morddrohungen von Rechtsextremen gegen die Politikerin geäußert wurden – unterzeichnet mit dem Kürzel NSU 2.0.

Mehr als 17 Millionen Menschen in Deutschland waren nach Angaben des Statistischen Bundesamts im vergangenen Jahr nicht nur alleinstehend sondern lebten auch noch alleine. Tendenz: seit Jahren steigend.

Alleine sein heißt laut Deutscher Gesellschaft für Psychologie aber nicht automatisch, „dass es uns dann schlecht geht und wir uns einsam fühlen, im Gegenteil: Viele Menschen nehmen sich bewusst Zeit für sich alleine, um dem Trubel des Alltags zu entgehen und ein wenig Ruhe zu haben“. Doch könne sich auch Einsamkeit entwickeln. Die fühle sich schmerzhaft an und gehe oft mit Traurigkeit und einem Gefühl von Kontrollverlust einher. Wichtig sei dann, Kontakte zu pflegen.

Über Messenger-Dienste wie WhatsApp könnten nicht nur Texte, sondern auch Fotos und Sprachnachrichten ausgetauscht werden. Und Menschen könnten etwa über Skype sogar per Video miteinander sprechen. „Aber auch den klassischen Brief oder das Telefon sollten wir nicht vernachlässigen“, empfehlen die Experten. „Besonders bei den Mitmenschen, die keinen Zugang zu digitalen Medien haben.“

Die belgische Regierung geht noch einen Schritt weiter

Auch im Nachbarland Belgien gelten zwar wieder strenge Regeln zur Pandemiebekämpfung. Doch bis Mitte Dezember dürfen Belgierinnen und Belgier weiter einen „Knuffelcontact“ zu Hause empfangen – ohne Abstand. „Knuffelen“ bedeutet auf Niederländisch nämlich so viel wie drücken oder schmusen. An Singles wurde dabei gedacht: Sie dürfen einen zweiten „Knuffelcontact“ haben – jedoch nicht beide gleichzeitig einladen.