Berlin - Sandro Schwarz ging keiner Frage aus dem Weg und fand emotionale Worte. Seine umstrittene Entscheidung trotz des russischen Angriffs auf die Ukraine vorerst bei Dynamo Moskau zu bleiben war das zentrale Thema seiner ersten Medienrunde als neuer Trainer von Hertha BSC. In der Sache blieb der 43-Jährige ganz klar: „Jeder kennt meine Haltung zu diesem Angriffskrieg. Was ich sagen kann, die Menschen aus dem Dynamo-Umfeld, dass das gute Menschen sind, die eine klare Haltung haben, wie wir alle zu dem Thema“, sagte Schwarz am Freitag.

Er habe eine „innere Zerrissenheit“ gespürt. Oft hätten russische Spieler bei ihm gesessen und man habe „gemeinsam geweint“. Die Gedanken an die Menschen aus seinem Umfeld in Moskau gingen dem 43-Jährigen sichtlich nahe.

Schwarz: Bin aus Verantwortungsgefühl geblieben

Geblieben sei er nicht aus sportlichen oder ökonomischen Gründen, sondern aus Verantwortungsgefühl für seine Spieler und die Club-Angestellten. Diese hätten die „gleichen Werte“, sagte der neue Hertha-Cheftrainer. Hätte es Zweifel an der Haltung im Club-Umfeld gegeben, wäre er sofort nach Deutschland zurückgekehrt. Dennoch habe er Verständnis für kritische Fragen. Die „Erwartungshaltung“, nach Deutschland zurückzukehren, habe er gespürt.

Der Krieg habe seit Februar auch das Leben in Moskau verändert. „Man hat den Krieg auch in Russland gespürt. Die Ängste. Das haben alle gespürt im Umfeld. Jeder hatte seine eigenen Schicksalsschläge mit Verwandten, mit Freunden in der Ukraine“, sagte Schwarz.

Schwarz hat bei Hertha einen Vertrag bis 2024

Der 43-Jährige hatte Moskau nach dem verlorenen Pokalfinale Anfang der Woche verlassen. Zuvor war er von den Dynamo-Fans enthusiastisch gefeiert worden. Bei der Hertha hat Schwarz als Nachfolger von Felix Magath einen Vertrag bis Mitte 2024.

Mit dem Hauptstadtclub muss sich Schwarz nachvollziehbarerweise noch mehr vertraut machen, bevor er öffentlich im Detail über Ziele in der Tabelle, die Kaderplanung und die Mannschaft spricht. „Es wird darum gehen für uns, vom ersten Tag eine Identität, eine Spielweise zu entwickeln. Wo die Menschen dann auch erkennen: Das ist eine Hertha-Mannschaft“, sagte der 43-Jährige, der vor Moskau den zwischen 2017 und 2019 den 1. FSV Mainz 05 trainierte. Man werde die Aufgabe mit Demut und Fleiß angehen, ohne öffentlich große Töne zu spucken, gab der Coach die Linie vor.

Schwarz: „Da gilt es jetzt, gemeinsam anzupacken“

Schon seit dem Relegationsrückspiel der Hertha sei er mit Geschäftsführer Fredi Bobic im engen Austausch. Bobic, der nun in gut einem Jahr bereits mit seinem vierten Hertha-Trainer zusammenarbeitet, hatte nach der Ernennung von Schwarz dessen „Begeisterungsfähigkeit, Leidenschaft und Emotionalität“ gelobt. In der kommenden Saison sollen die Berliner „aktiven und vorwärts gewandten Art Fußball“ zeigen, wie es auch Schwarz am Freitag ausdrückte.

Er wolle einen Stimmungswandel herstellen, sagte Schwarz. „Da gilt es jetzt, gemeinsam anzupacken.“ Ein alter Bekannter wird allerdings nicht dabei sein: Der ehemalige Hertha-Stürmer Andrej Woronin, der Schwarz in Moskau bis zum Beginn des Krieges assistierte und ihn zuletzt noch auf der Vereins-Internetseite in höchsten Tönen gelobt hatte, kommt nicht zurück nach Berlin. In seinem Trainer-Staff setzt Schwarz auf Volkan Bolut und Daniel Fischer, die ihn schon bei Dynamo Moskau begleitet hatten. Tamás Bódog kommt als weiterer Assistent hinzu.

Mit dem gebürtigen Berliner Kevin-Prince Boateng, der sich in Endphase der vergangenen Saison als Anführer der Mannschaft zeigte, will Schwarz zunächst persönlich über die Zukunft sprechen. Boateng hatte nach dem geschafften Klassenerhalt gesagt, gerne noch ein weiteres Jahr für die Hertha zu spielen.