Der amtierende Chefredakteur der Bild-Zeitung, Julian Reichelt. 
Foto: imagoimages/Jörg Schüler

BerlinDie Berichterstattung der Bild-Zeitung über fünf in Solingen getötete Kinder hat eine Debatte über Journalismus und speziell den Boulevardjournalismus entfacht. Mindestens fünfzig Beschwerden gingen beim Presserat ein, weil Springers Schlachtschiff aus WhatsApp-Nachrichten des überlebenden Geschwisterkindes zitiert hat. Dazu veröffentlichte die Bild ein – wenn auch verpixeltes – Foto des noch lebenden Jungen.

Der am Wochenende über die Bild und eine Reporterin von Axel Springer hereingebrochene Shitstorm bei Twitter und Co. hat dazu geführt, dass die Art der Berichterstattung nun auch Thema in weiteren Medien geworden ist, von t-online über den Tagesspiegel bis hin zur Berliner Zeitung wird über den Regelverstoß berichtet. Dabei steht vor allem eine einzelne Reporterin im Visier der Kritiker, obwohl sich die Kritik auf deren Chefredakteur, auf Julian Reichelt, fokussieren muss. Er ist derjenige, der für die auch unter hartgesottenen Polizeireportern als grenzverletzend empfundene Berichterstattung verantwortlich ist.

Die Kollegen vor Ort, die die umstrittenen Informationen erarbeiteten, haben – so unangenehm es für viele Menschen und Journalisten anderer, weniger mit den menschlichen Dramen befassten Ressorts klingen mag – zunächst nur ihren Job gemacht.

Der Job eines Reporters ist oftmals grenzverletzend

Wenn fünf Kinder getötet werden, zudem nach derzeitigem Kenntnisstand von der eigenen Mutter, ist die Recherche von Beginn an brutal und per se grenzverletzend. Aber es ist ein Job, der gemacht werden muss – Pressefreiheit endet nicht dort, wo es unangenehm wird. Sie fängt dort an, wo es grenzwertig und im Ergebnis unklar ist.

Das Beschaffen von Informationen darf also nicht der Teil sein, der kritisiert wird. Es ist der Beruf und die Pflicht eines Journalisten, so viele Informationen wie möglich zu sammeln. Und ja, es gehört auch in Fällen wie Solingen dazu, mit Freunden, Bekannten und Verwandten der Opfer zu sprechen, um sich ein Bild unabhängig der offiziellen Behördenmitteilungen machen zu können. Das ist nicht der Teil, den es zu kritisieren gilt. Der Skandal ist, was der Chefredakteur der Bild-Zeitung mit diesen Informationen gemacht, wie er sie aufbereitet hat.

Alle Polizeireporter – zu denen auch der Autor dieser Zeilen über 15 Jahre zählte - haben mit Müttern gesprochen, die ihre Kinder wenige Stunden zuvor verloren, sei es durch einen Unfall oder durch ein Verbrechen, saßen bei weinenden Witwen und Witwern in deren Wohnzimmern und führten teils erschütternde Interviews auch mit zum Teil minderjährigen Opfern sexueller Gewalt. Dabei erfuhren sie oft Informationen und Details oder bekamen Fotos zugespielt, die den jetzt veröffentlichten WhatsApp-Nachrichten in ihrer Tragik und schonungsloser Brutalität in nichts nachstanden. Aber sie wurden – und das ist der entscheidende Unterschied – nicht veröffentlicht.

Journalistische Regeln und moralischer Anstand

Weil es in jeder Redaktion – auch bei den Blättern der Axel Springer SE – einen für die Veröffentlichung verantwortlichen Journalisten gab, der entschied: Nein! Das drucken wir nicht! Das können wir nicht machen! Und obwohl die Menschen die Informationen aus freien Stücken preisgaben, wurden sie oftmals mit der Begründung „Wir müssen die Menschen vor sich selbst schützen“ nicht veröffentlicht. Diese Entscheidungen zu treffen, ist die Aufgabe von Journalisten in Führungspositionen.

Bei Julian Reichelt als amtierender Chefredakteur kommen daher zwei Möglichkeiten in Betracht: Entweder fehlt ihm der moralische Kompass. Oder er ist der Aufgabe, Nein zu sagen, nicht gewachsen. Nicht die Reporter vor Ort haben hier massiv gegen journalistische Regeln und moralischen Anstand verstoßen. Es war einzig und allein der verantwortliche Chefredakteur der Bild-Zeitung – Julian Reichelt.

Bislang gab es weder von Friede Springer noch von Ralph Büchi, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Axel Springer SE, eine Reaktion auf den neuerlichen Fehltritt des Chefredakteurs. Zumindest keine öffentliche.