ParisAngesichts der Massenproteste gegen Polizeigewalt in Frankreich hat der Soziologe Fabien Jobard der französischen Polizei ein „strukturelles Gewaltproblem“ attestiert. „Ich kenne kein westeuropäisches Land, das ein so großes Polizeiproblem hat“, sagte er der Nachrichtenagentur AFP in einem Interview. Es handele sich um mehr als nur ein paar „schwarze Schafe“.

Jobard verwies unter anderem auf den Fall eines schwarzen Musikproduzenten, der vor rund einer Woche in Paris von Polizisten angehalten worden war, weil er keine Mund-Nase-Bedeckung trug. Auf Aufnahmen einer Überwachungskamera war zu sehen, wie die Polizisten den Mann in sein Studio drängten und ihn unter anderem schlugen und traten. Am Freitag wurden deshalb vier Beamte suspendiert und in Gewahrsam genommen. Sie müssen mit strafrechtlichen Konsequenzen rechnen.

Jobard: Öffentlichkeit ersetzt Hierarchien

Unter anderem wegen der für viele schockierenden Videoaufnahmen gingen am Samstag landesweit mehr als hunderttausend Menschen auf die Straße und protestierten gegen Polizeigewalt. Während des Vorfalls in dem Musikstudio sei kein Vorgesetzter in der Nähe gewesen, um den Einsatz zu stoppen, kritisierte Jobard. Der Einsatz wurde demnach erst unterbrochen, als einem der Beamten auffiel, dass Nachbarn das Geschehen filmten. „Heutzutage ersetzt das Auge der Öffentlichkeit fehlende Hierarchien“, so Jobard.

Der Soziologe empfahl der französischen Polizei, sich ein Beispiel an der Gendarmerie zu nehmen, die in Frankreich in Kleinstädten und auf dem Land im Einsatz ist. „Es mag Gewalt, rassistische Handlungen und Beleidigungen durch Gendarmen geben, aber keineswegs in derselben Größenordnung“, sagte er. Dabei seien die Gendarmen in vielen Vororten mit ähnlichen Problemen konfrontiert wie die französische Polizei in den Städten.

Gelbwesten: UN kritisierten Polizeigewalt

In Frankreich wird der Polizei immer wieder übermäßige Gewalt vorgeworfen. Entsprechende Vorfälle bei den Gelbwesten-Protesten wurden unter anderem von der Menschenrechtskommissarin der Vereinten Nationen und vom Europarat kritisiert. Die Beamten klagen ihrerseits über Überlastung, schlechte Ausrüstung und eine angeblich hohe Gewaltbereitschaft etwa von Demonstranten. Mit einem geplanten Filmverbot bei bestimmten Einsätzen will die Regierung die Polizisten nun nach eigenen Angaben besser schützen. Gegner der Regelung argumentieren, dass viele Fälle von Polizeigewalt ungestraft geblieben wären, wenn sie nicht gefilmt und im Internet verbreitet worden wären.