Martin Dulig ist auch stellvertretender Ministerpräsident in Sachsen. 
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BerlinZum 30. Jahrestag der Wiedervereinigung am 3. Oktober hat der SPD-Ostbeauftragte Martin Dulig ‎dazu aufgerufen, Unterschiede zwischen Ost und West zu akzeptieren. „Ich halte es für fatal, wenn wir ‎glauben, die deutsche Einheit ist dann vollzogen, wenn es keine Unterschiede zwischen Ost und West ‎mehr gibt“, sagte Sachsens SPD-Landesvorsitzender, der auch stellvertretender Ministerpräsident ist. 

Dass es in Ost und West unterschiedliche Lebenserfahrungen, Biografien und Sichtweisen auf die Dinge gebe, könne durchaus ‎bereichernd sein, betonte Dulig, der auch Wirtschaftsminister von Sachsen ist: „Es lebe der Unterschied.“ Diese Unterschiede dürften aber nicht zu Gerechtigkeitsfragen werden. Wenn es um bessere ‎Löhne, Renten und Chancen gehe, dürfe die Himmelsrichtung keine Rolle spielen. ‎

So bleibt nach Einschätzung des SPD-Ostbeauftragten viel zu tun, um strukturelle ‎Ungerechtigkeiten zu beseitigen. „Es kann nicht sein, dass man etwa in Sachsen im Jahresschnitt 14 ‎Tage länger arbeiten muss und 700 Euro weniger verdient als die Kolleginnen und Kollegen im ‎Westen.“

Der frühere Ministerpräsident von Thüringen und von Rheinland-Pfalz, Bernhard Vogel, forderte ein „Ende des Schubladendenkens“. „Wir sollten endlich aufhören, uns selbst in Ossis und Wessis einzuteilen“, so der CDU-Politiker. Vogel, der als bisher einziger Politiker sowohl im Westen als auch im Osten als Ministerpräsident regierte, betonte, dass der Westen ebenso wenig gleich sei wie der Osten: „Die Bayern sind keine Berliner, und die Thüringer sind keine Mecklenburger.“

Vogel: Nicht von „neuen Ländern“ sprechen

Es sei falsch, von „neuen Ländern“ in Ostdeutschland zu sprechen, sagte der 87-Jährige. „Thüringen ist älter als zum Beispiel Rheinland-Pfalz, das ein Kind der Nachkriegszeit ist. Dagegen haben die ostdeutschen Länder zum Teil eine jahrhundertealte Tradition“, so Vogel. Es ärgere ihn sehr, dass auch gut 30 Jahre nach dem Mauerfall die Menschen in Ostdeutschland meist mehr über Westdeutschland wüssten als umgekehrt.

Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur zufolge halten knapp zwei Drittel der Deutschen das Zusammenwachsen von Ost und West noch nicht für abgeschlossen. 64 Prozent der Befragten gaben an, dass dafür der Unterschied der Lebensverhältnisse noch zu groß sei. Nur 24 Prozent meinten, die Einheit sei vollendet. 12 Prozent machten keine Angaben.

In den Gebieten, die früher zur DDR gehörten, halten 83 Prozent die Wiedervereinigung für unvollendet. In Westdeutschland sind es dagegen nur 59 Prozent. Am Wochenende jährt sich die Vereinigung der westdeutschen Bundesrepublik Deutschland und der ostdeutschen Deutschen Demokratischen Republik zum 30. Mal. Diejenigen, die zur Wendezeit noch nicht geboren waren, schauen oftmals positiver auf die Einheit als ältere Generationen: Von den 18- bis 24-Jährigen sehen 65 Prozent die Einheit als Erfolgsgeschichte und nur 15 Prozent nicht.