Paris - Als die Taliban das letzte Mal in Afghanistan regierten, existierten Online-Netzwerke noch nicht. Die erneute Machtübernahme der Islamisten stellt nun auch Social-Media-Konzerne wie Facebook und Twitter vor ein Dilemma. Während die Ankunft der Taliban in Kabul weltweit für Entsetzen sorgte, meldeten sich Repräsentanten der Gruppe auf Twitter zu Wort, um über die Grenzen Afghanistans hinaus den Anschein von Ruhe und Ordnung zu vermitteln.

Die Behauptung, dass die Taliban junge Mädchen an ihre Kämpfer verheirateten, sei nichts als „giftige Propaganda“, erklärte der Taliban-Sprecher Suhail Schahin in einem Tweet an seine mehr als 350.000 Follower. Berichte über Morde seien „gegenstandslos“. Dass Vertreter der Taliban auf Twitter kommunizieren, ist ein Dorn im Auge vieler ihrer Gegner – nicht zuletzt für die Unterstützer des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump. Er war im Januar von der Plattform entfernt worden.

„Ich freue mich auf eine baldige Antwort, weshalb ein ehemaliger US-Präsident gesperrt ist, während zwei Sprecher der Taliban weiter auf der Plattform aktiv sein dürfen“, schrieb der US-Abgeordnete Doug Lamborn in einem Brief an Twitter-Chef Jack Dorsey. Lamborn und andere Kritiker argumentieren, dass Twitter den Taliban eine weltweite Plattform zur Verfügung stelle, auf der sich die islamistische Gruppierung als legitime Kraft darstellen könne.

Whatsapp hat Konten der Taliban bereits gesperrt 

Viele Afghanen sind jedoch zugleich auf aktuelle Informationen über die Absichten der neuen Machthaber angewiesen. Den Taliban also jede Möglichkeit der öffentlichen Kommunikation zu nehmen, könnte dem öffentlichen Interesse durchaus zuwiderlaufen.

Beim Onlinedienst Whatsapp wurden bereits Konten der Taliban gesperrt. So ist einer der Sprecher der Islamisten, Sabihullah Mudschahid, dort offenbar nicht mehr erreichbar. Die Financial Times berichtete zudem, dass ein Taliban-Konto, bei dem Afghanen Plünderungen melden konnten, gesperrt worden sei. Einige Aktivisten kritisierten die Entscheidung und argumentierten, dass dieser Beschwerdekanal hilfreich gewesen sei.

Ein Whatsapp-Sprecher wollte die Sperrungen der Taliban-Konten zunächst nicht bestätigen, sagte aber der Nachrichtenagentur AFP, das Unternehmen sei an US-Sanktionsgesetze gebunden. „Dies bedeutet auch, dass wir Accounts sperren, bei denen es sich offenbar um offizielle Accounts der Taliban handelt“, sagte der Sprecher weiter.

Dürfen die Taliban bei Facebook, Instagram und YouTube bleiben?

Facebook bestätigte, dass die Taliban von dem Konzern seit Jahren als terroristische Organisation eingestuft werden. Accounts der Taliban würden deshalb sowohl auf Facebook als auch auf Instagram gesperrt. Die Taliban sind darüber offenbar sehr verärgert: Auf die Frage, ob die Taliban die Meinungsfreiheit schützen würden, antwortete Taliban-Sprecher Mudschahid, die gleiche Frage müsse an Facebook gerichtet werden.

Auch YouTube hatte angekündigt, Taliban-Inhalte zu entfernen. Twitter war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen. Schahin und drei weitere Sprecher der Taliban, mit insgesamt fast einer Million Follower, sind jedoch weiterhin auf der Plattform aktiv.

Ähnlich wie Facebook hat Twitter sich bei der Entfernung von Inhalten bisher an der Liste ausländischer Terrororganisationen der US-Regierung orientiert. Der Status der Taliban ist jedoch unklar: Zwar wird die Gruppierung vom US-Finanzministerium als terroristische Organisation eingestuft, vom US-Außenministerium allerdings nicht.

Terrorismus-Experte: Taliban sind im Umgang mit sozialen Medien versiert

Die Taliban haben die Macht der sozialen Medien offensichtlich erkannt – ein Instrument, das während ihrer vorherigen Zeit an der Macht von 1996 bis 2001 noch gänzlich unbekannt war. Der Terrorismus-Experte Kabir Taneja sagt, die Taliban hätten „viel über die Macht der öffentlichen Kommunikation gelernt“ – auch von anderen Gruppierungen wie der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS). Über die Jahre seien die Taliban im Umgang mit sozialen Medien immer geschickter geworden.

Taneja warnt zugleich davor, dass die Taliban den Internetzugang für die Afghanen einschränken könnten. So wurden beispielsweise Aufnahmen von Protesten gegen die Gruppe in der Stadt Dschalalabad von vielen Menschen geteilt. „Solche Geschehnisse könnten die Taliban dazu bewegen, in Zukunft den Zugang zum Internet deutlich einzuschränken.“