Ermittler arbeiten auf der Berliner Stadtautobahn A100 in Höhe der Ausfahrt Alboinstraße. Für die Tatortarbeit werden den ganzen Mittwochvormittag lang Abschnitte der Stadtautobahn gesperrt. 
Foto: dpa/Paul Zinken

BerlinNach dem Anschlag auf der Berliner Stadtautobahn kommt der Tatverdächtige vorläufig in die Psychiatrie. Das habe am Mittwoch ein Haftrichter antragsgemäß entschieden, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Der Täter hatte offenbar ein islamistisches Motiv. „Er ist dringend verdächtig, Jagd auf Motorradfahrer gemacht zu haben“, sagte Martin Steltner, Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft am Mittwochmittag. „Äußerungen des Beschuldigten nach seinen Tathandlungen legen eine religiös-islamistische Motivation nahe.“

Bei dem islamistischen Anschlag wurden sechs Personen verletzt, drei davon schwer. Nach bisherigen Erkenntnissen des Staatsschutzes hatte der 30-jährige Iraker Sarmad A. am Dienstagabend, kurz vor 19 Uhr, auf der A100 zwischen Wilmersdorf und der Abfahrt Alboinstraße in Tempelhof mit seinem Opel zunächst einen anderen Pkw gestreift. Dann rammte er einen Motorradfahrer. Dieser erlitt Kopf- und Wirbelverletzungen und schwebte auch am Mittwoch noch in Lebensgefahr. Der 30-Jährige setzte seine Fahrt fort und touchierte gezielt einen weiteren Motorroller, dessen Fahrer stürzte. Schließlich drückte er ein Motorrad auf ein anderes Auto und kam zum Stehen. 

Er stieg aus und stellte eine alte Munitionskiste auf das Autodach. Als zwei Polizisten ihn ansprachen, soll er unter anderem „Allahu Akhbar“ (Gott ist der Größte) gerufen haben. Sarmad A. soll den Beamten zudem gedroht haben, dass ihnen Schreckliches passiere, sollten sie sich nähern. Die beiden Polizisten entschlossen sich kurzerhand, den 30-Jährigen zu überwältigen.

Der 30-jährige Sarmad A. wurde festgenommen und in ein Polizeiauto gesetzt.
Foto: Morris Pudwell

Die Polizei schloss nicht aus, dass sich in der Kiste Sprengstoff befand. Ein Entschärferteam der Kriminaltechnik röntgte die Kiste. Schließlich schoss es diese mit einem scharfen Wasserstrahl auf. Die Kiste enthielt lediglich Werkzeug.

Der Täter wurde festgenommen. Es gebe „Hinweise auf eine psychische Labilität“, teilte Steltner mit. Der Mann war bereits früher in einem psychiatrischen Krankenhaus in Berlin untergebracht.

Ankündigung bei Facebook: „Und ich sage Märtyrer“

Sarmad A. kam als Flüchtling nach Deutschland. Er hat einen Duldungsstatus und wohnt in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Reinickendorf. Auf seiner Facebook-Seite hat er zahlreiche Sprüche aus dem Koran gepostet. Unter anderem präsentierte er noch am Dienstag mehrfach den Opel, mit dem er wenige Stunden später die Taten auf der Autobahn verübte. Überschrieben sind die Bilder unter anderem mit „Am Freitag gehen wir nach Palästina. Gott ist groß und Gott überzeugt alle. Und ich sage Märtyrer.“ Das kann als Ankündigung des Anschlags verstanden werden.

Ein Nachbar von Sarmad A. will gehört haben, wie dieser den ganzen Tag lautstark in seiner Wohnung gebetet habe. „Und er hat sehr viel geweint“, sagte er der Berliner Zeitung. Eine weitere Nachbarin bestätigt: „Gegen Mittag wurde er so laut, ich wollte schon die Polizei holen.“

Polizisten beschlagnahmen das Täter-Auto, an dem noch eines der umgerammten Motorräder steckt.
Foto: Eric Richard

Während des Polizeieinsatzes saßen an der Ausfahrt Alboinstraße etwa 300 Menschen in ihren Autos fest. Sie mussten ihre Fahrzeuge verlassen und zu Fuß weitergehen.

Auch am Mittwochmorgen ging die Tatortarbeit der Polizei weiter. Mitarbeiter des Tatorterkennungsdienstes ließen eine Drohne aufsteigen, um Luftaufnahmen anzufertigen, weshalb die A100 zwischen Kreuz Schöneberg und Alboinstraße in Richtung Neukölln gesperrt wurde. Es kam zu langen Staus, auch auf den umliegenden Straßen. Das Auto des Täters wurde für die weitere Beweissicherung abgeschleppt. 

Beim polizeilichen Staatsschutz im Landeskriminalamt wurde eine eigene Ermittlungsgruppe gegründet. Anhaltspunkte, dass der 30-jährige Iraker Mitglied in einer terroristischen Vereinigung ist, hat sie bisher nicht. „Es gibt entsprechende Erkenntnisse, dass er Kontakte ins islamistische Milieu gehabt haben könnte, und dem gehen wir nach“, sagte Steltner. Der Spiegel berichtet, dass Sarmad A. Kontakt zu einem Mann hatte, der als islamistischer Gefährder eingestuft war und dem Spektrum der Terrormiliz „Islamischer Staat“ zugeordnet wird.

„Die Tatsache, dass der Tatverdächtige möglicherweise unter psychischen Problemen litt, macht die Sache nicht einfacher“, erklärte Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD). „Wenn sich persönliche Probleme mit religiös aufgeladenen Vorstellungen vermischen, kann dies zu unkontrollierbarem Handeln führen. Die gestrigen Ereignisse zeigen uns sehr schmerzhaft, wie verletzlich unsere freie Gesellschaft ist. Unabhängig von der Tat auf der Stadtautobahn müssen wir uns bewusst sein, dass Berlin weiterhin im Fokus des islamistischen Terrorismus steht.“