Sie berichten von Vergewaltigung und Schlägen: Ein Staatsanwalt hat am Dienstag der Nachrichtenagentur AFP gegenüber die „schwerwiegenden und systematischen“ Misshandlungen der Opfer geschildert, die während der brasilianischen Diktatur in den 1970er und 80er Jahren auf einer Rinderfarm von Volkswagen unter „sklavenähnlichen“ Bedingungen arbeiten mussten. „Diejenigen, die zu fliehen versuchten, wurden geschlagen, an Bäume gefesselt und tagelang dort gelassen“, erklärte Staatsanwalt Rafael Garcia.

Am Sonntag hatten NDR, SWR und Süddeutsche Zeitung über die Ermittlungen berichtet. Demnach sollen Vertreter des deutschen Autokonzerns bei einer Anhörung am 14. Juni vor dem Arbeitsgericht in der Hauptstadt Brasília aussagen. Garcia zufolge könnte bei der Anhörung auch eine finanzielle Entschädigung für die Opfer ausgehandelt werden. Andernfalls könnte Volkswagen strafrechtlich verfolgt werden.

Wie Garcia schilderte, hatten die Ermittler drei Jahre lang Beweise gesammelt, nachdem ein Priester, der den Missbrauch über die Jahre hinweg dokumentiert hatte, darauf aufmerksam gemacht hatte. Bei den Opfern handelte es sich demnach um Menschen, die als Tagelöhner und Leiharbeiter für Abholzungsarbeiten auf dem Grundstück angeheuert worden waren, das später eine der größten Rinderfarmen im Amazonasgebiet werden sollte - betrieben im Auftrag eines Tochterunternehmens des Wolfsburger Konzerns.

Die Vorwürfe gegen Volkswagen erstrecken sich auf den Zeitraum 1974 bis 1986. Zwischen 1964 und 1985 herrschte in Brasilien eine Militärdiktatur.

Vorwürfe: Arbeiter ins Bein geschossen, Frau vergewaltigt

Laut den von den Ermittlern gesammelten Aussagen waren bewaffnete Wachen damit beauftragt, Hunderte von Arbeitern zu bewachen. „Ein Arbeiter versuchte zu fliehen, wurde aber gefangen genommen. Um ihn zu bestrafen, entführten sie seine Frau und vergewaltigten sie“, heißt es in dem Untersuchungsbericht. „Einem anderen Arbeiter, der zu fliehen versuchte, wurde ins Bein geschossen. Ein weiterer wurde nackt gefesselt.“

Die Arbeiter wurden demnach in „Schuldknechtschaft“ gehalten, ihren gesamten Lohn mussten sie für den Kauf von Lebensmitteln zu überhöhten Preisen ausgeben. Einige starben ohne Zugang zu medizinischer Versorgung an Malaria, erklärte der Staatsanwalt.

VW-Vorstand in Wolfsburg soll von den Vorfällen gewusst haben

Laut dem Bericht der deutschen Medien wurden die Verbrechen nicht direkt von VW-Beschäftigten begangen, sondern durch Beschäftigte von Subunternehmen. Der VW-Vorstand in Wolfsburg soll dem Bericht zufolge allerdings von den Vorfällen gewusst haben. Auf Anfrage von AFP wollte sich Volkswagen mit Verweis auf das mögliche juristische Verfahren in Brasilien nicht äußern. VW versicherte jedoch, dass es die Vorwürfe „sehr ernst“ nehme.

Bei dem Ermittlungsverfahren handelt es sich nicht um die ersten Vorwürfe gegen VW in Brasilien. Im Juli 2017 belegten Recherchen von NDR, SWR und SZ, dass sich der Konzern zu Zeiten der Diktatur aktiv an der Verfolgung und Unterdrückung von Regimegegnern auf dem Werksgelände bei São Paulo beteiligt hatte. Im Jahr 2020 zahlte VW 36 Millionen Real (5,5 Millionen Euro) als Entschädigung an Familienangehörige von Mitarbeitern, die während der Militärdiktatur gefoltert und getötet worden waren.