Berlin - Beim Phänomen Stalking gibt es Schätzungen der Hilfsorganisation Weißer Ring zufolge eine große Dunkelziffer. Ihre App dagegen sei inzwischen rund 20.000-mal heruntergeladen worden, sagte der Vorsitzende Jörg Ziercke der Deutschen Presse-Agentur. „Das ist aber noch nicht genug“, so der Leiter der Organisation, die sich für Kriminalitätsopfer allgemein und ihre Familien einsetzt.  Ziercke war bis 2014 Präsident des Bundeskriminalamts (BKA). 

Rund 18.000 bis 19.000 Stalking-Straftaten seien in der Polizei-Statistik registriert, aber nur in einem Prozent davon komme es zu Verurteilungen, so der ausgebildete Polizeibeamte weiter. Das Dunkelfeld sei zudem „riesengroß“. Schätzungen würden von mindestens 200.000 bis 300.000 Fällen ausgehen. Die App soll Stalking-Opfern helfen, sich zu schützen und zugleich Beweise für die Strafverfolgung zu sammeln. Dem Strafgesetzbuch zufolge müsse die Beharrlichkeit des Nachstellens gegeben sein – also mindestens fünf, sechs Handlungen, sagte Ziercke.

App könne bei Kontakt mit Polizei helfen

Das Aufbauen eines psychischen Drucks, Hinterherrufen und Schreie: Mit der No-Stalk-App lasse sich alles in Foto, Video und Sprache sofort aufnehmen, so der frühere BKA-Chef. Dabei könnten auch Zeugen aufgenommen werden oder die eigene Verfassung dokumentiert werden. Jede dieser Aufnahmen bekomme automatisch eine digitale Orts- und Zeitangabe, werde sofort verschlüsselt, dann an einen externen Server übersandt und anschließend auf dem Handy des Opfers gelöscht. „Dem Täter bringt es nichts, sich in den Besitz des Handys zu bringen“, fasste Ziercke zusammen.

Solche ersten Handlungen könnten demnach ausreichen, um bei der Polizei Anzeige wegen des Verdachts des Stalkings zu erstatten. Die Opfer müssten zunächst die Polizei überzeugen, dass eine Gefährdung vorliege. „Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagte Ziercke. Die Beamten könnten die Gefährder dann ansprechen und auffordern, ihr Verhalten zu unterlassen: „In 70 bis 80 Prozent hört der Stalker auf, seine Ziele weiterzuverfolgen.“

Teilweise mehr Verurteilungen

In einigen Bundesländern zeichnete sich in der Vergangenheit unterdessen ein leichter Trend zu mehr Verurteilungen wegen Stalkings ab. Etwa in Bayern: Die Zahl stieg von 2018 auf 2019 von 60 auf 103. Unter den 103 Verurteilten waren 91 Männer. Auch in Mecklenburg-Vorpommern gab es im selben Zeitraum nach Informationen des dortigen Justizministeriums einen Anstieg: von vier auf zehn. In Brandenburg wurden 2019 ebenfalls mehr Stalker als früher verurteilt.

Die nordrhein-westfälische Justiz bestrafte im vergangenen Jahr 250 Personen. Auch das waren etwas mehr als im Jahr zuvor, als 242 Fälle bei der Justiz aktenkundig wurden, wie das Landesjustizministerium mitteilte. In Hessen gab es im Jahr 2019 Verurteilungen gegen 18 Menschen wegen strafbaren Stalkings. In den Jahren zuvor war die Zahl der Verurteilten von fünf im Jahr 2015 auf 19 im Jahr 2018 angestiegen, wie das Justizministerium in Wiesbaden mitteilte. In Sachsen-Anhalt wurden sowohl 2018 als auch 2019 jeweils acht Stalker verurteilt (2018 alle männlich, 2019 sechs männlich). Das teilte das Statistische Landesamt auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur mit.

Stalking wird in Paragraf 238 des Strafgesetzbuches als Nachstellung bezeichnet. Die Nachstellung kann mit bis zu drei Jahren Haft oder Geldstrafe geahndet werden. Der bayerische Justizminister Georg Eisenreich (CSU) hatte zuletzt eine Verschärfung des Paragrafen gefordert. Stalking-Opfer müssten vor besonders hartnäckigen Tätern und besonders schwerwiegenden Nachstellungen besser geschützt werden, sagte er. Auch Hessens Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) setzt sich dafür ein.