Ein Obdachlosenlager in Berlin.
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BerlinIn Deutschland sind Zahlen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) zufolge zunehmend Haushalte mit minderjährigen Kindern von Wohnungsnot betroffen. Die Angaben beziehen sich auf 2018 und stammen aus mehr als 44.000 anonymisierten Falldaten von Wohnungshilfe-Einrichtungen und Sozialdiensten von Verbänden.

Demnach lebten 2018 gut ein Fünftel der weiblichen und vier Prozent der männlichen Hilfesuchenden in Haushalten mit minderjährigen Kindern. In fast der Hälfte der betroffenen Haushalte mit Kindern lebten der Statistik nach alleinerziehende Frauen. Ein großer Teil wohnungsloser Familien lebe bei Angehörigen, Partnern und Bekannten in – Zitat – prekären Mitwohnverhältnissen, rund ein Zehntel in Notunterkünften oder anderen Übernachtungsstellen. Elf Prozent wiederum seien obdachlos.

Mehr Menschen ohne deutschen Pass betroffen

Erstmals sind dem Verband zufolge außerdem Haushalte mit Kindern öfter wohnungslos als solche ohne. Das weise darauf hin, dass Familienwohnungslosigkeit zunehme. Zwischen 2010 und 2018 haben sich zudem der Anteil der Hilfesuchenden ohne deutschen Pass in den Einrichtungen freier Träger der Wohnungslosenhilfe auf 30 Prozent mehr als verdoppelt. Mitarbeiter niedrigschwelliger Einrichtungen freier Träger schätzen den Anteil nicht-deutscher Betroffenen laut BAG W zum Teil auf 50 Prozent und mehr.

Dem Jahresbericht nach sind zudem fast 27 Prozent der von Wohnungslosigkeit oder Wohnungsnot betroffenen Hilfesuchenden weiblich, fast doppelt so viel wie vor 20 Jahren. Frauen würden die Hilfen im Wohnungsnotfall oft frühzeitiger als Männer aufsuchen, so die BAG W. Beim Alter der Hilfesuchenden setze sich ein in den Vorjahren beobachteter Trend fort. Die größte Gruppe sei nicht mehr unter den 40-49-Jährigen, sondern unter 30-39-Jährigen zu finden.

Zwangsräumung häufig aufgrund von Mietschulden

Frauen im System der Wohnungslosenhilfe seien zudem durchschnittlich jünger als Männer: 21 Prozent der Frauen seien unter 25 Jahre alt, bei den Männern nur 17 Prozent. Die Gründe für einen Wohnungslosenverlust hätten sich in den vergangenen Jahren kaum geändert, teilte die BAG W mit: In der Hälfte der dokumentierten Fälle sei dem die Kündigung durch den Vermieter (30 Prozent), eine Räumungsklage (fünf Prozent) oder eine Zwangsräumung (16 Prozent) vorangegangen. In rund zwei Dritteln der Fälle sei die Zwangsräumung aufgrund von Mietschulden erfolgt, in sieben Prozent wegen Eigenbedarfs und in 27 Prozent wegen anderer Probleme.

Fast 30 Prozent der Betroffenen ziehe außerdem ohne Kündigung aus. Bei diesem sogenannten kalten Wohnungsverlust kommt es nicht zur Zwangsräumung, sondern die Mieter, vor allem seien es Alleinstehende, würden die Wohnung ohne Räumungsverfahren oder vor dem Zwangsräumungstermin verlassen. „Ein ausschließlicher Blick auf die Zwangsräumungszahlen würde Ausmaß und Qualität neu entstehender Wohnungslosigkeit verkennen, deswegen wird die Kategorie ‚ohne Kündigung ausgezogen‘ in unserem Bericht zur Lebenslage der Hilfesuchenden regelmäßig erfasst“, sagte Werena Rosenke, Geschäftsführerin der BAG W.

Wohnungslose besonders betroffen von Corona-Pandemie

Menschen in Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit sind laut der Bundesarbeitsgemeinschaft besonders stark betroffen von der Corona-Pandemie. Sie hatte bereits Anfang April eine Forderung nach einem Zehn-Punkte-Programm zur Unterstützung der Hilfesuchenden und der Hilfeeinrichtungen veröffentlicht.

„Es lässt sich kaum ermessen, welche tiefgreifenden Auswirkungen und Verunsicherungen die Pandemie auf Menschen hat, die ganz ohne Unterkunft auf der Straße leben, die in Sammel- oder Gemeinschaftsunterkünften untergebracht sind, in prekären Mitwohnverhältnissen oder in sonstigen Dauerprovisorien leben“, so Geschäftsführerin Rosenke.

Unter den Bedingungen der Pandemie sei nochmals unmissverständlich deutlich geworden: „Um die Lebenslage der Menschen in Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit nachhaltig zu verbessern, sind gut funktionierende Strukturen und Hilfen zur Verhinderung von Wohnungsverlusten und eine dauerhafte Sozialbindung von Wohnraum, um bezahlbaren Wohnraum für alle zu sichern, unabdingbar.“