Washington, D.C. - Bei der Dauer der Übertragung von Corona gibt es möglicherweise keinen wesentlichen Unterschied zwischen geimpften und ungeimpften Menschen. Wissenschaftler vom Centers for Disease Control and Prevention (CDC) und einer Behörde des US-Justizministeriums haben laut einer aktuellen klinischen Preprint-Studie herausgefunden, dass Geimpfte nach einem Virusausbruch in einem Gefängnis in Texas über den gleichen Zeitraum lang ansteckend waren wie Ungeimpfte.

Angesichts der neuen Omikron-Variante hat das Robert-Koch-Institut (RKI) seine Risikobewertung jüngst verschärft. Am Montag schrieb das Institut auf Twitter, dass es die Infektionsgefahr sowohl für zweifach Geimpfte als auch Genesene künftig als „hoch“ einstufe.

Damit hat das RKI seine bislang geltende Einschätzung aktualisiert. Denn: Seit Zulassung der Impfstoffe ging ein Großteil der Wissenschaftler bislang davon aus, dass Geimpfte sich zwar auch anstecken können, wohl aber deutlich besser vor einer Infektion geschützt sind als Ungeimpfte. Diese Erkenntnis gilt sowohl für den Wildtyp als auch – wenn auch in geringerem Maße – für die Delta-Variante. So heißt es bis dato explizit auf der Website (RKI):

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person trotz vollständiger Impfung PCR-positiv wird, ist signifikant vermindert.

RKI-FAQ (Stand 20. 12.2021, letzte Aktualisierung nach RKI-Angaben am 29. 11.2021)

Auch hinsichtlich der Omikron-Variante gibt es laut dem Tweet des RKI nach wie vor einen Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften: Während das Risiko für zweifach Geimpfte und Genesene „hoch“ sei, sei das Risiko für Ungeimpfte „sehr hoch“,  Die Leitforschungseinrichtung der Bundesregierung hält auf seiner offiziellen Website jedoch bislang weiter fest: „In der Summe ist das Risiko, dass Menschen trotz Impfung PCR-positiv werden und das Virus übertragen, auch unter der Deltavariante deutlich vermindert.“ Das RKI betont hier allerdings, dass grundsätzlich auch Geimpfte positiv auf das Coronavirus getestet werden, Viren ausscheiden sowie infektiös sein können. Überdies könne bislang nicht bemessen werden, inwieweit eine Impfung die Übertragung von SARS-CoV-2 reduziert. 

In der genannten Preprint-Studie heißt es nun jedoch: 

Es wurden keine signifikanten Unterschiede in der Dauer der RT-PCR-Positivität zwischen vollständig geimpften Teilnehmern und den nicht vollständig geimpften oder in der Dauer der Kultur-Positivität erkannt.

MedRxiv preprint vom 19.11.2021: Transmission potential of vaccinated and unvaccinated persons infected with the SARS-CoV-2 Delta 

Die geimpften und nicht vollständig geimpften Studienteilnehmer schieden also gemäß dem laut RKI als „Goldstandard der Diagnostik“ bezeichneten PCR-Test gleichermaßen lange Viren aus – gesetzt den Fall, dass die Studie den allgemeinen Richtlinien der Wissenschaft hinreichend Rechnung trägt, was bislang noch nicht bestätigt worden ist. Die Übertragungsdauer lag laut den Studienautoren sowohl bei den zweifach Geimpften als auch bei den Ungeimpften im Median bei 13 Tagen. 

Der Erhebung vorausgegangen war ein Virusausbruch in der Haftanstalt unter Geimpften und Ungeimpften. 82 Prozent der positiv getesteten Untergruppe galten als vollständig, also zweifach, geimpft. 18 Prozent der untersuchten Personen waren der Studie zufolge nicht vollständig geimpft. Zwei Prozent galten als einfach geimpft. Dementsprechend waren laut den Wissenschaftlern 16 Prozent der Studienteilnehmer ungeimpft.

Die geimpften Studienteilnehmer unterschieden sich, wie dem Papier zu entnehmen ist, hinsichtlich der Dauer ihres Impfschutzes bis zum Ausbruch in dem Gefängnis, da offenbar nicht alle zum selben Zeitpunkt mit einem Vakzin von Astrazeneca oder Biontech geimpft worden waren. Bereits bekannt ist, dass der Impfschutz durch das Biontech- oder das Astrazeneca-Vakzin vor einer Übertragung bei nicht bereits genesenen Geimpften etwa zwei bis drei Monate nach der zweiten Impfung nachlässt. 

Der Virologe Christian Drosten hat hierzu im Oktober auf eine Studie verwiesen, die den abnehmenden Übertragungsschutz genauer beschreibt. Er interpretiere das Papier jedoch so, schrieb der Leiter der Virologie an der Berliner Charité auf Twitter, dass Übertragungen von Geimpften auf Geimpfte nach wie vor „insgesamt unwahrscheinlicher“ seien. 

Muss das RKI die Informationen auf seiner Website bald überarbeiten?

Zwei Prozent der nun für die US-amerikanische Studie in dem Gefängnis untersuchten Infizierten galten zum Zeitpunkt der Erhebung als immungeschwächt, so die Forscher. Bei dieser Personengruppe kann der Impfschutz dem aktuellen Stand der Wissenschaft zufolge mit der Zeit ohnehin nachlassen. Virologen und Epidemiologen raten daher trotz Impfung immer wieder zu zusätzlichen Schutzmaßnahmen wie Abstandhalten und Maskentragen.

Die Studie aus den USA bezieht sich nur auf die Dauer der Übertragung des Virus durch Geimpfte und Ungeimpfte – nicht auf die Effektivität der Übertragung. Die Forscher stellten keine Überlegungen dazu an, wie sehr oder wie häufig ein geimpfter Infizierter eine bislang von SARS-CoV-2 verschonte Person ansteckt – auch im Vergleich zu einem ungeimpften Infizierten. 

Sollten sich die Erkenntnisse der US-amerikanischen Forscher im wissenschaftlichen Diskurs jedoch bestätigen, müsste das RKI die bis dato im FAQ  aufgeführten wissenschaftlichen Erkenntnisse womöglich zumindest hinsichtlich der Dauer des Übertragungsrisikos konkretisieren.

CDC-Forscher: Ergebnisse von entscheidender Bedeutung

Bislang handelt es sich bei der Studie, in der von keinem signifikantem Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften hinsichtlich der Dauer der Infektiosität ausgegangen wird, allerdings lediglich um eine Vorab-Publikation. Das bedeutet: Unabhängige Gutachter müssen die wissenschaftliche Abhandlung, die am 19. November auf MedRxiv, einem Server für medizinische und gesundheitliche Fachpublikationen, veröffentlicht worden ist, zur Qualitätssicherung noch begutachten. Überdies räumt das Forscher-Team eine limitierte Datengrundlage für die vom CDC finanzierte Studie ein. 

Nichtsdestotrotz ziehen die Wissenschaftler folgendes Fazit: „Da sich dieses Gebiet weiterentwickelt, sollten Krankenhausärzte und Praktizierende im öffentlichen Gesundheitswesen Geimpfte, die sich mit SARS-CoV-2 infizieren, als nicht weniger ansteckend betrachten als ungeimpfte Personen.“ Die Ergebnisse seien von entscheidender Bedeutung – insbesondere für Umgebungen, in denen eine Virusübertragung zu großen Ausbrüchen führen kann, heißt es. 

Zur Methodik der Studie bleibt festzuhalten: Zwischen dem 12. Juli und dem 9. August testeten die Forscher vom CDC und dem Federal Bureau of Prisons (BOP) mittels 978 Abstrichen im Nasenmuschelraum 95 Personen in dem texanischen Gefängnis positiv auf SARS-CoV-2.

Unabhängig von den Erkenntnissen der neuen US-Studie weisen führende Experten aber ohnehin auf die Bedeutung von Auffrischungsimpfungen hin. Denn diese würden, so auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) unter Berufung auf eine Studie aus Israel zu Impfungen mit dem Biontech-Vakzin, „in allen untersuchten Altersgruppen das Risiko von Infektion und schwerem Verlauf bei SARS-CoV-2 noch einmal massiv“ senken und „praktisch vollständigen Schutz“ bieten. 

Obendrein ist derzeit die Omikron-Variante auf dem Vormarsch, die in der beschriebenen Studie noch keinerlei Berücksichtigung findet und über die bislang nur wenige Daten vorliegen. Erst kürzlich betonte Lauterbach in der TV-Sendung Anne Will dementsprechend den Wert von Booster-Impfungen. Dreifach Geimpfte würden nach einer Infektion in der Regel nicht schwer erkranken. Überdies könnten Auffrischungsimpfungen die Delta-Welle brechen, erklärte der Politiker.

Lauterbach machte jedoch am vergangenen Freitag gegenüber Medienvertretern auch deutlich, dass eine massive fünfte Welle, die von der Omikron-Variante dominiert werde, sich wohl nicht mehr verhindern ließe. Aktuelle Untersuchungen einer Forschergruppe um die Virologin Sandra Ciesek lassen außerdem darauf schließen, dass die derzeit verfügbaren Impfstoffe selbst nach dreifacher Verimpfung das Coronavirus nach drei Monaten nur noch zu 25 Prozent neutralisieren. 

Der Pharmahersteller Biontech/Pfizer hat allerdings bereits angekündigt, im März einen neuen Varianten-spezifischen Impfstoff anbieten zu können. Die Unternehmen vermuten, dass auch eine zweifache Impfung immer noch Schutz gegen eine schwere Covid-19-Erkrankung bietet, heißt es.